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Panorama

Blockierte Rettungsgassen

Was der Zeitverlust für Unfallopfer bedeutet

Laut einer Umfrage des Roten Kreuzes verlieren Rettungsfahrer im Schnitt fünf Minuten wegen blockierter Rettungsgassen. Hier erklärt ein Notarzt, was das im Alltag für Folgen hat.

DPA

Rettungswagen der Feuerwehr in Hannover

Ein Interview von
Montag, 26.11.2018   14:13 Uhr

Im Sommer hat das Deutsche Rote Kreuz (DRK) an alle Kreis - und Landesverbände einen Fragebogen geschickt. Die Zentrale wollte wissen, wie groß das Problem mit den blockierten Rettungsgassen ist.

96 Rettungsteams aus ganz Deutschland haben geantwortet. Das Ergebnis ist beunruhigend: Mehr als 80 Prozent der Einsätze werden durch blockierte Rettungsgassen verzögert. Vom Stauende bis zum Einsatzort haben die Helfer deswegen im Schnitt fünf Minuten länger gebraucht. Die Umfrage ist nicht repräsentativ, sagt eine Sprecherin des DRK.

Doch sie verdeutlicht, wie gravierend die Folgen blockierter Rettungsgassen sein können. Florian Reifferscheid kennt das Problem aus der Praxis. Im Interview berichtet der Notarzt von respektlosen Autofahrern - und warum manchmal jede Minute zählt.

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Fünf Minuten verlieren Rettungshelfer laut der DRK-Umfrage im Schnitt, wenn die Rettungsgasse blockiert ist. Was heißt das für Sie in der Praxis?

Reifferscheid: Das ist ein entscheidender Zeitraum. Bei schwer Verletzten kann die Verzögerung gravierende Folgen haben, Behinderungen etwa, oder im schlimmsten Fall den Tod.

SPIEGEL ONLINE: Woran sterben die Menschen?

Reifferscheid: Durch einen Unfall kann ein Patient beispielsweise bewusstlos werden. Seine Zunge fällt nach hinten, blockiert den Atemweg und er erstickt. Oder eine Fahrerin knallt gegen ihren Lenker, durch die Wucht wird die Lunge verletzt. Dann kann Luft austreten und zwischen Lunge und Rippen gelangen. Da sie weiter atmet, vergrößert sich die Luftmenge und behindert den Blutfluss zum Herzen. Es wird nicht mehr ausreichend gefüllt, der Kreislauf kommt zum Erliegen und die Patientin stirbt. Verbluten ist ebenfalls eine große Gefahr.

SPIEGEL ONLINE: Also zählt jede Minute.

Reifferscheid: Es geht nicht bei jedem Einsatz um Leben und Tod. Die Zahl der tödlichen Unfälle ist in den vergangenen Jahren glücklicherweise gesunken. Aber bei bestimmten Diagnosen wie einem Schädel-Hirn-Trauma oder einem Schlaganfall sollen im Idealfall höchstens 60 Minuten zwischen dem Notruf und der Behandlung in einer geeigneten Klinik vergehen. Das ist selbst unter optimalen Bedingungen eine Herausforderung. Wenn dann noch die Rettungsgasse blockiert ist, verlieren wir wertvolle Zeit.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie das schon mal erlebt?

Reifferscheid: Das hat jeder von uns schon einmal erlebt. Ich musste auch schon aussteigen und die letzten Meter zur Unfallstelle laufen. Oder einen Autofahrer ansprechen, der im Weg stand.

SPIEGEL ONLINE: Wie erklären Sie sich dieses Verhalten?

Reifferscheid: Oft ist kein Platz, um auszuweichen, etwa wegen einer Baustelle. Viele sind überfordert mit der Situation oder haben gar nicht mitbekommen, dass ein Rettungswagen vorbei will. Sie sind abgelenkt, hören laute Musik, telefonieren. Das sind vermutlich eher Wahrnehmungsprobleme als Ignoranz.

SPIEGEL ONLINE: Lässt sich das so klar unterscheiden?

Reifferscheid: Sagen wir: Es gibt ein unterschiedliches Gespür für die Notwendigkeit, an die Seite zu fahren. Gelegentlich rege ich mich schon über Autofahrer auf. Etwa, wenn sie in Ruhe abbiegen, obwohl sie uns kommen sehen. Wir erleben eine gewisse Verrohung. Da gibt es Leute, denen es wichtig ist, dass der Rettungswagen weggefahren wird, weil sie parken wollen.

insgesamt 24 Beiträge
Mister Stone 26.11.2018
1.
Nicht alle verstopften Rettungsgassen wurden "blockiert". Gerade in größeren Städten ist der Verkehr dermaßen dicht, querend, laut, und durch Lichtzeichenanlagen reguliert, dass eine ideale Rettungsgasse gar nicht so [...]
Nicht alle verstopften Rettungsgassen wurden "blockiert". Gerade in größeren Städten ist der Verkehr dermaßen dicht, querend, laut, und durch Lichtzeichenanlagen reguliert, dass eine ideale Rettungsgasse gar nicht so einfach geschaffen werden kann. Beim Ertönen des Martinshorns ist dort, wo man eigentlich hin ausweichen will und soll, nicht immer sofort Platz. Oder man sieht den Zielraum nicht ein, weil ein größeres Fahrzeug die Sicht versperrt. Verkehrsteilnehmer haben unterschiedliche fahrerische Qualitäten und Reaktionszeiten und reagieren unter Streß (Stoßzeiten, Lichtverhältnisse, Lärm) nicht alle gleich. Im Zweifel bleibt man lieber erstmal stehen, bis klar ist, wohin man gefahrlos (!) ausweichen kann. Eine dreispurige gerade Autobahn ist etwas anderes.
rosinenzuechterin 26.11.2018
2. Hart durchgreifen!
Wer charakterlich nicht in der Lage ist, ein Fahrzeug zu führen, sollte es auch nicht dürfen. Dashcam in jedes Einsatzfahrzeug, Auswertung nach dem Einsatz, Führerscheinentzug für alle Blockierer, Rückgabe nur bei Bestehen [...]
Wer charakterlich nicht in der Lage ist, ein Fahrzeug zu führen, sollte es auch nicht dürfen. Dashcam in jedes Einsatzfahrzeug, Auswertung nach dem Einsatz, Führerscheinentzug für alle Blockierer, Rückgabe nur bei Bestehen einer MPU, im Wiederholungsfall gar nicht mehr! Anklage wegen Totschlags, Schadensersatz ggf. in Millionenhöhe! Kein Pardon. Das sind keine Wahrnehmungsprobleme, das ist Dummheit oder Vorsatz. Wer sich an die StVO hält, muss auch nicht ausweichen, weil er/sie dann schon so steht, dass Rettungsfahrzeuge durchkommen. Wer erst bei Tatütata zur Seite fährt, hat schon was grundlegend falsch gemacht und gehört hart bestraft.
competa1 26.11.2018
3. In letzter Zeit..
..kam es häufiger zu Unfällen durch Rettungswagen.Es wurde gefordert,die Rettungswagenfahrer besonders auf das Fahren mit hoher Geschwindigkeit zu trainieren.Ich wohne zwischen zwei Schulen,wo es die 30er Zone gibt.Hier [...]
Zitat von rosinenzuechterinWer charakterlich nicht in der Lage ist, ein Fahrzeug zu führen, sollte es auch nicht dürfen. Dashcam in jedes Einsatzfahrzeug, Auswertung nach dem Einsatz, Führerscheinentzug für alle Blockierer, Rückgabe nur bei Bestehen einer MPU, im Wiederholungsfall gar nicht mehr! Anklage wegen Totschlags, Schadensersatz ggf. in Millionenhöhe! Kein Pardon. Das sind keine Wahrnehmungsprobleme, das ist Dummheit oder Vorsatz. Wer sich an die StVO hält, muss auch nicht ausweichen, weil er/sie dann schon so steht, dass Rettungsfahrzeuge durchkommen. Wer erst bei Tatütata zur Seite fährt, hat schon was grundlegend falsch gemacht und gehört hart bestraft.
..kam es häufiger zu Unfällen durch Rettungswagen.Es wurde gefordert,die Rettungswagenfahrer besonders auf das Fahren mit hoher Geschwindigkeit zu trainieren.Ich wohne zwischen zwei Schulen,wo es die 30er Zone gibt.Hier fahren die RTWs grundsätzlich mit hoher Geschwindigkeit.Vielleicht würden dann auch hier Dashcams helfen,die Schuld bei einem Unfall zu dokumentieren
jbaehr 26.11.2018
4. Welche Geschwindigkeit darf ein Rettungswagen durch die Gasse fahren?
es wäre mal eine Klärung notwendig, mit welcher Geschwindigkeit Rettungsfahrzeuge durch einen Stau fahren sollen. Sollen die mit 40-60km/h oder vielleicht eher mit 80-100km/h oder mehr fahren? Gibt es hier ähnliche Regelungen, [...]
es wäre mal eine Klärung notwendig, mit welcher Geschwindigkeit Rettungsfahrzeuge durch einen Stau fahren sollen. Sollen die mit 40-60km/h oder vielleicht eher mit 80-100km/h oder mehr fahren? Gibt es hier ähnliche Regelungen, wie etwa die Sorgfaltspflichten bei Überfahren einer roten Ampel durch ein Rettungsfahrzeug?
cor 26.11.2018
5. Einfach hart durchgreifen
Passive Behinderung, falls es möglich ist, auszuweichen, sollte genau so hart geahndet werden wie aktive Behinderung, also bis zu 5 Jahre Haft. Ein paar Leute im Knast und schon bald kommen die Rettungsfahrzeuge deutlich [...]
Passive Behinderung, falls es möglich ist, auszuweichen, sollte genau so hart geahndet werden wie aktive Behinderung, also bis zu 5 Jahre Haft. Ein paar Leute im Knast und schon bald kommen die Rettungsfahrzeuge deutlich zügiger durch. Versprochen.

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