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Panorama

Obdachlose in Windsor

Armut im Schatten der Royals

Obdachlose sollen das schöne Bild bei der Royal Wedding nicht stören - dieser Vorstoß eines Gemeinderates aus Windsor rief scharfe Kritik hervor. Ungewollt könnte der Mann Menschen auf der Straße einen Gefallen getan haben.

Getty Images
Aus Windsor berichtet
Donnerstag, 17.05.2018   15:56 Uhr

Zwischen Elend und royalem Glanz liegt eine acht Schritte breite Straße. Andy, 39 Jahre alt, ist obdachlos. Er sitzt auf einer Jacke, neben ihm zwei Plastiktüten mit seinem Besitz, vor ihm eine graue Wollmütze, in der ein paar Münzen liegen. Wenn er den Kopf hebt, blickt er auf das Schloss von Windsor auf der anderen Straßenseite, das an diesem Samstag die Bühne sein wird für die Hochzeit von Prinz Harry und Meghan Markle. Doch er hebt den Kopf nur selten. "Ich interessiere mich nicht im Geringsten dafür, was da drüben passiert", sagt Andy.

Es werden an diesem Samstag Bilder von dem glücklichen Hochzeitspaar in die Welt gehen, von dem prächtig geschmückten Schloss und von Tausenden Schaulustigen, die vergnügt ihre Fahnen schwenken. Es werden Bilder von märchenhafter Makellosigkeit sein. Für Menschen wie Andy ist auf diesen Bildern kein Platz. Trotzdem sind sie da.

Er kommt aus Schottland, spricht mit schottischem Akzent. Nach der Trennung von seiner Freundin wollte er nur noch weg von dort, erzählt er, eine neue Heimat, einen neuen Job, ein neues Leben. Doch daraus wurde nichts. Zu groß war das Chaos, das die Trennung in seinem Kopf anrichtete. Seit neun Monaten lebe er auf der Straße.

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Obdachlose in Windsor: "Mit Reichtum kommt immer auch Armut"

Die Situation der Obdachlosen von Windsor ist ein großes Thema im Vorlauf auf die königliche Hochzeit. Grund dafür ist ein Brief, den der konservative Gemeinderat Simon Dudley Anfang des Jahres an Chef der örtlichen Polizei schickte.

Darin schrieb er, grob zusammengefasst, dass die Menschen auf der Straße ein Ärgernis für die Touristen und eine Gefahr für die Sicherheit seien, außerdem würden sie ein schlechtes Licht auf das hübsche Windsor werfen, weshalb sich die Polizei doch bitte der Situation annehmen möge. Obdachlose sollten die Szenerie am Tag der Royal Wedding nicht stören.

Der Vorstoß hat landesweit Empörung ausgelöst. Sogar Premierministerin Theresa May, die Abgeordnete des Bezirks, meldete sich zu Wort und teilte mit, die Verwaltung solle sich lieber mehr Mühe geben, Unterkünfte für Obdachlose zur Verfügung zu stellen. Dudley wollte seinen Brief plötzlich gar nicht mehr so gemeint haben.

Murphy James glaubt, dass die ganze Aufregung hilfreich gewesen sein könnte. "Der Furor in den Medien hat die Aufmerksamkeit auf die Situation von Obdachlosen gelenkt, nicht nur in Windsor, sondern im ganzen Land. Das ist gut", sagt er beim Gespräch im Café der Baptistenkirche der Stadt, keine zehn Minuten Fußweg vom Schloss entfernt.

Hendrik Buchheister

Murphy James

Man könnte sich James, 34 Jahre alt, gut in einer Punkband vorstellen. In der Vergangenheit hatte er Probleme mit Alkohol und Drogen, lebte selbst auf der Straße. Seit zwei Jahren leitet er das Windsor Homeless Projekt, eine Einrichtung, die sich um Obdachlose kümmert.

Seit dem Brief von Gemeinderat Dudley hat er viel Öffentlichkeitsarbeit betrieben. In den Tagen rund um die Royal Wedding ist sein Terminplan voll. Er gibt ein Interview nach dem anderen. James spricht davon, dass das Thema Obdachlosigkeit eine Plattform bekommen habe in den vergangenen Monaten und dass er diese Plattform nutzen wolle. "Die Leute interessieren sich jetzt, sie lassen sich aufklären. Windsor wird immer nur als dieser idyllische Ort gesehen. Aber mit Reichtum kommt immer auch Armut", sagt er.

Seinen Angaben zufolge gibt es in der 32.000-Einwohner-Stadt rund zehn bis 15 Obdachlose, wobei er dabei nur Menschen einrechnet, die auf der Straße leben und deshalb sichtbar sind. Über die Zahl der Obdachlosen, die von einem Sofa zum nächsten Gästebett ziehen, kann er keine Auskunft geben.

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Wenn man durch die Einkaufsstraße von Windsor läuft, durch die Peascod Street, oder sich am Schloss entlang durch die Massen der Hochzeitstouristen zwängt, sind tatsächlich immer wieder Obdachlose zu sehen. Keiner von ihnen ist aggressiv oder aufdringlich.

"Wir sind auch nur Menschen. Wir sind keine Tiere", sagt Andy, der Schotte mit der zerbrochenen Beziehung. Die Polizei lässt ihn nach eigenen Angaben in Ruhe. Einigen Obdachlosen wird angeblich angeboten, dass sie ihren Besitz bis nach der Hochzeit an einem sicheren Ort verstauen können.

Das Windsor Homeless Projekt hat mit einer Agentur Fanartikel für die Royal Wedding entworfen. Tassen, T-Shirts und Geschirrtücher, auf denen eine Art königliches Wappen mit Suppenschüssel, einem Handy und einem Stück Seife zu sehen ist. Die Einnahmen aus den Verkäufen gehen komplett an die Organisation.

So sollen die Obdachlosen von Windsor von dem Event profitieren, für das ein Gemeinderat sie am liebsten verbannt hätte.

insgesamt 3 Beiträge
siryanow 17.05.2018
1.
wenn "Mit Reichtum kommt immer auch Armut" stimmen sollte, muessten wir beides verhindern und die Welt waere im Reinen.
wenn "Mit Reichtum kommt immer auch Armut" stimmen sollte, muessten wir beides verhindern und die Welt waere im Reinen.
PaulchenGB 17.05.2018
2. Diana Prinzessin of Wales hat sich in den 80ziger Jahren
besonders für Obdachlose öffentlich eingesetzt, so dass das Britische Parlament gezwungen wurde, sich mit der Problematik zu beschäftigen. Harry setzt sich ebenfalls für den Kampf gegen Obdachlosigkeit ein. Obdachlose aus der [...]
besonders für Obdachlose öffentlich eingesetzt, so dass das Britische Parlament gezwungen wurde, sich mit der Problematik zu beschäftigen. Harry setzt sich ebenfalls für den Kampf gegen Obdachlosigkeit ein. Obdachlose aus der Öffentlichkeit zu verbannen, löst nicht das Problem, insofern ist PM May zurecht empört über den Gemeinderat. Obdachlose stellen keine Gefahr dar, im Gegenteil sie sind Angriffen, Beschimpfungen, Drohungen etc. ausgesetzt. Also Gemeinderat: tut was!!!
pontiaxxx 17.05.2018
3. Warum in aller Welt...
...bejubelt man immer noch Menschen die in Prunk und Reichtum hineingeboren werden. Jede Handbewegung, ihre sauteuren Klamotten, die Backendicke ihrer ach so niedlichen Kinder werden kommentiert, gefeiert und diskutiert als wäre [...]
...bejubelt man immer noch Menschen die in Prunk und Reichtum hineingeboren werden. Jede Handbewegung, ihre sauteuren Klamotten, die Backendicke ihrer ach so niedlichen Kinder werden kommentiert, gefeiert und diskutiert als wäre es...wichtig ! Diese Leute räumen nicht mal ihren eigenen Müll zuhause weg, sie haben noch nie eines ihrer 20 Bäder putzen müssen, nein, das machen andere, und zwar für billiges Geld. Aber sie tun auch Gutes, in aller Welt, und das äusserst publikumswirksam, Hilfsprojekte noch und nöcher...natürlich nicht aus eigener Tasche bezahlt, deren Inhalt sie ohnehin nicht selbst erwirtschaftet haben. Wir schreiben das Jahr 2018...da könnte man den ganzen Adelsbeweihräucherungsblödsinn mal langsam auslaufen lassen..und uns beispielsweise denen widmen die auf der Straße sitzen, und sie nicht auch noch verjagen..!

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