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Panorama

Tödliche Angriffe

Kampfhund-Debatte - das müssen Sie wissen

Rasseliste, Wesenstest, Sachkundeprüfung: Nachdem drei Menschen durch Hundebisse gestorben sind, beherrschen bürokratische Begriffe die Debatte. Was verbirgt sich hinter ihnen?

DPA

Pitbull-Terrier

Von und
Mittwoch, 11.04.2018   18:22 Uhr

Innerhalb weniger Tage haben zwei Hunde drei Menschen in Deutschland getötet. In Hannover starben in der vergangenen Woche ein Sohn und seine Mutter. Der Staffordshire-Mischling des jungen Mannes hatte die beiden in der Wohnung totgebissen. Wenige Tage später, am Montagabend dieser Woche, kam ein Baby in Hessen ums Leben. Der Hund der Eltern soll das Kind in den Kopf gebissen haben, auch er vermutlich ein Staffordshire-Mischling.

Die Vorfälle entfachen die Debatte über sogenannte Kampfhunde und den Umgang mit ihnen neu - und es ist wieder die Rede von Rasselisten, Wesenstests, Sachkundeprüfungen.

Was verbirgt sich dahinter? Und sind manche Rassen tatsächlich gefährlicher als andere? Die wichtigsten Fragen im Überblick.

Was wird aus Chico, der in Hannover zwei Menschen tötete?

Der Staffordshire-Terrier-Mischling Chico sollte laut "Hannoverscher Allgemeinen Zeitung" eigentlich am vergangenen Montag eingeschläfert werden. Er hatte den Sohn und die Mutter totgebissen. Die Stadt hatte zugegeben, dass der Hund als gefährlich gemeldet worden war - die Verwaltung diesem Hinweis aber nicht nachging.

Inzwischen hat die Tierärztliche Hochschule Hannover Chico untersucht. Dabei sei es darum gegangen, ob dem am Kiefer erkrankten Hund für einen Wesenstest ein Maulkorb angelegt werden kann, sagte eine Sprecherin. Ob die Hochschule den Hund nun einem Wesenstest unterzieht, konnte sie noch nicht sagen.

Im Video: Hundepsychologie - Kontrollverlust am anderen Ende der Leine

Foto: SPIEGEL TV

Nach einem möglichen Wesenstest will die Stadt Hannover entscheiden, ob der Staffordshire-Terrier-Mischling eingeschläfert wird oder in eine Spezialeinrichtung wie einen Gnadenhof kommt - das hatte der Tierschutzverein Hannover vorgeschlagen. Gegen eine Einschläferung regt sich Widerstand: 80 Menschen protestierten vor dem Ordnungsamt; im Netz unterschrieben mehr als 270.000 Nutzer die Petition "Lasst Chico leben!".

Was ist über den Vorfall in Hessen bekannt?

In der Stadt Bad König soll ein Hund ein sieben Monate altes Baby totgebissen haben. Kowu, ein fünf Jahre alter Rüde, habe vermutlich im Wohnzimmer in den Kopf des Säuglings gebissen, sagte Oberstaatsanwalt Robert Hartmann. Sicher sei das aber noch nicht. Die 23 und 27 Jahre alten Eltern schweigen zu dem tödlichen Vorfall.

Die Polizei ging in ihrer ersten Meldung davon aus, dass es sich um einen Staffordshire-Mix handeln könnte. Der Hund wurde zunächst in einem Tierheim untergebracht, wie das "Darmstädter Echo" berichtet. Die Fachleute sind sich demnach nicht sicher, ob es sich wirklich um einen Staffordshire-Terrier handelt. Das Tierheim erklärt auf seiner Website, zu dem Fall nichts mehr sagen zu wollen. Laut Staatsanwaltschaft soll Kowu einem DNA- und Wesenstest unterzogen werden.

Zur Liste der gefährlichen Hunde gehört in Hessen auch der Staffordshire-Terrier. Als Kampfhund registriert war Kowu bei der Stadt nicht. Ob er schon einmal aufgefallen ist, steht noch nicht fest. Die Tierrechtsorganisation Peta forderte, in Hessen einen Hundeführerschein einzuführen und die Zucht sogenannter Kampfhunde zu stoppen.

Was ist eine Rasseliste?

Auf diesen Listen stehen Hunde, die allein aufgrund ihrer Rasse als gefährlich gelten. Ihre Halter müssen besondere Auflagen erfüllen: In Brandenburg dürfen sie nicht in Mehrfamilienhäusern gehalten werden, Hamburg schreibt einen Haltungsnachweis und den Besuch einer Hundeschule vor.

Welche Hunde als gefährlich gelten, ist in den Bundesländern unterschiedlich geregelt. Doch in den meisten Fällen stehen Staffordshire-Terrier, Staffordshire Bullterrier, Pitbull, Bullterrier und Mischlinge aus diesen Rassen auf dieser Liste; Hunde also, die im Volksmund "Kampfhund" heißen. In manchen Ländern stehen noch mehr Tiere auf der Liste, in Bayern etwa der Tosa Inu.

Wo gibt es keine Rasselisten?

Vier Bundesländer verzichten laut Tierschutzbund auf eine pauschale Beurteilung von Hunden aufgrund der Rasse: Niedersachsen, das Saarland, Schleswig-Holstein und Thüringen. In diesen Ländern gelten Hunde erst dann als gefährlich, wenn sie auffällig geworden sind.

Der thüringische Landtag hat die Rasseliste im Januar dieses Jahres abgeschafft. Das Argument: Sie habe sich als nicht hilfreich erwiesen, um die Gefährlichkeit eines Hundes abschätzen zu können, hieß eslaut "Mitteldeutscher Zeitung" aus den Fraktionen.

Die Liste war laut dem Bericht 2011 eingeführt worden. Ein Jahr zuvor hatten vier Staffordshire-Terrier-Mischlinge eine Dreijährige in Oldisleben, nördlich von Erfurt, getötet.

Sachkundeprüfung und Hundeführerschein - was ist das?

In Bundesländern mit Rasselisten müssen Halter von Listenhunden in der Regel ihre Sachkunde nachweisen, also ihre Kenntnisse über den richtigen Umgang mit Hunden. Die Prüfung unterscheidet sich von Bundesland zu Bundesland.

In Niedersachsen muss jeder Hundehalter eine Sachkundeprüfung ablegen, der sich nach dem 1. Juni 2011 einen Hund zugelegt hat. Chicos Halter fiel noch nicht darunter. Im theoretischen Teil der Prüfung geht es vorrangig um den richtigen Umgang mit dem Tier, die Prüflinge müssen Multiple-Choice-Fragen beantworten (Beispiele können Sie sich hier anschauen). Im praktischen Teil müssen sie unter anderem nachweisen, dass sie ihren Hund unter Kontrolle haben und dass von ihm keine Gefahr ausgeht. Behördlich anerkannte Prüfer nehmen den Nachweis ab.

Die meisten Bundesländer akzeptieren auch Hundeführerscheine als Sachkundenachweis. Diese werden nicht von Behörden ausgestellt, sondern von Hundeverbänden. Ansonsten ähneln sie den Sachkundeprüfungen.

Was passiert bei einem Wesenstest?

Auch der Wesenstest unterscheidet sich von Bundesland zu Bundesland, in der Regel aber wird der Hund dabei stressigen Situationen ausgesetzt, gereizt, mitunter provoziert. "Es geht darum, zu gucken, wie der Hund auf bedrohliche Situationen reagiert", sagt Franziska Kuhne, Fachärztin für Verhaltenskunde von der Uni Gießen. Beispielsweise nehme der Tester dem Tier ein Spielzeug weg oder deute an, den Hund zu schlagen.

In Niedersachsen werden die Reaktionen des Hundes auf seine Umwelt, auf Menschen und auf andere Hunde getestet. Das Tier durchläuft etwa 30 Situationen. "Beispielsweise läuft ein Jogger wenige Meter an ihm vorbei", sagt Hansjoachim Hackbarth, Leiter des Instituts für Tierschutz und Verhalten an der Tierärztlichen Hochschule Hannover. In Niedersachsen müssen alle Hunde den Test absolvieren, die als auffällig gemeldet wurden - im Fall von Chico hat das offenbar nicht funktioniert.

Sind manche Hunderassen grundsätzlich aggressiver als andere?

Das ist umstritten. Die sogenannten Rasselisten beruhen auf der Annahme, dass manche Rassen von Geburt an aggressiver sind als andere. Kritiker der Rasselisten streiten das ab und sagen: Der Hund ist, was der Mensch aus ihm macht.

"Man kann jeden Hund gefährlich machen, das ist das Problem", sagt Hansjoachim Hackbarth. Keine Rasse sei aggressiver als die andere. Das sieht auch Franziska Kuhne von der Uni Gießen so. Aggressives Verhalten habe immer etwas mit den Erfahrungen des einzelnen Hundes zu tun, nicht mit seiner Rasse. Allerdings hätten große Hunde mehr Kraft und seien daher potenziell gefährlicher als kleine Tiere.

Der österreichische Verhaltensforscher Kurt Kotrschal von der Universität Wien ist anderer Meinung. "Es ist vollkommen klar, dass unterschiedliche Rassen zu unterschiedlichen Zwecken gezüchtet wurden", sagt Kotrschal. Jede Rasse habe andere Eigenschaften, die eine sei gefährlicher als die andere. "Jetzt so zu tun, als seien alle Hunde gleich, ist einfach Unsinn." Staffordshire-Terrier etwa seien Kampfhunde, sie würden schneller außer sich geraten und sich festbeißen.

Gibt es Studien zu dem Thema?

Wissenschaftler der Tierärztlichen Hochschule Hannover haben sich in den Jahren 2002 und 2004 mit dem Thema beschäftigt. Eine Doktorandin unterzog damals fünf gelistete Hunderassen einem Wesenstest, insgesamt 415 Tiere der Rassen American Staffordshire-Terrier, Bullterrier, Pitbullterrier, Rottweiler, Dobermann und Staffordshire-Bullterrier. Ergebnis: 95 Prozent der Hunde reagierten "angemessen" und zeigten "kein gestört oder inadäquat aggressives Verhalten".

Ein weiterer Doktorand testete 70 Golden Retriever nach demselben Verfahren. 98,6 Prozent der Tiere reagierten "angemessen" - für die Forscher kein "signifikanter Unterschied" zu den als gefährlich gelisteten Hunden. Die vermeintlichen "Kampfhunde" reagierten also kaum aggressiver als die vermeintlichen Familienhunde. Wie oft welche Rasse in Wirklichkeit zubeißt, ist allerdings schwer zu sagen. "Es gibt keine vernünftigen Statistiken", sagt Hackbarth.

Mit Material von dpa

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