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Panorama

Tödliche Selbstjustiz

Die grenzenlose Wut der Familie Y.

Eine junge Frau sagt, sie sei vergewaltigt worden. Ihr Bruder und ihr Vater sollen den mutmaßlichen Täter daraufhin in eine Falle gelockt und getötet haben. Vor Gericht geht es nun um Rache, Selbstjustiz und "Familienehre".

DPA

Vater und Sohn Y. vor Gericht: Angeklagt wegen Mordes

Von , Freiburg
Mittwoch, 08.04.2015   13:14 Uhr

Die Emotionen, die am späten Abend des 12. Juni vergangenen Jahres in der Familie Y. hochkochten, dürften für viele nachvollziehbar sein. Da sitzt die eigene Tochter, die eigene Schwester weinend auf einem Polizeirevier in Müllheim im Markgräflerland, im äußersten Südwesten Deutschlands. Das Auge blutunterlaufen, der Rücken voller Hämatome, die Arme mit Kratzern übersät.

Die 26-Jährige hat Anzeige erstattet. Sie sagt, sie sei am Nachmittag zuvor von Patrick H., einem ehemaligen Klassenkameraden, vergewaltigt und geschlagen worden. Wut keimt auf, der Wunsch nach Rache entsteht.

Patrick H. ist abgetaucht, er hat keine eigene Wohnung. Mit dem Auto seiner Mutter, die im benachbarten Elsass lebt, streunt der 27-Jährige durch die Gegend. Die Polizei findet ihn nicht, kennt ihn aber gut: Mehrere Jahre saß Patrick H. wegen Drogenhandels im Gefängnis, machte dort seinen Schulabschluss.

Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft Freiburg informiert Moustapha Y., der Vater der jungen Frau, noch in der Nacht nach dem angezeigten Überfall seinen jüngsten Sohn Akram Y. Er soll, so die Ermittler, durch einen Vergeltungsschlag die vermeintlich verletzte "Familienehre" wiederherstellen.

Moustapha Y. und seine Ehefrau kommen ursprünglich aus dem Libanon. Er arbeitet seit vielen Jahren als Möbelträger. Das Paar und seine drei Kinder gelten als sehr gut integriert in Müllheim. Akram Y., in Deutschland geboren, ist damals 17 Jahre alt und mit Freunden auf dem Weg nach Italien in den Urlaub. Er kehrt sofort um.

Fahndung auf eigene Faust

Ab jetzt fahndet die Familie auf eigene Faust nach dem flüchtigen, mutmaßlichen Vergewaltiger und spürt ihn in sozialen Netzwerken auf, wie Oberstaatsanwalt Eckart Berger vor Gericht sagt. Er ist davon überzeugt, dass Akram Y. seinen Freund Timo P. in den Racheplan eingeweiht hat. Dieser hat einen Freund, der mit Patrick H. in Kontakt steht: Duncan S.

Nach Ansicht der Ermittler setzen Akram Y. und Timo P. den 19-jährigen Duncan S. auf Patrick H. an: S. bietet dem mutmaßlichen Vergewaltiger via WhatsApp Haschisch an, es kommt zu einer Verabredung. Akram Y. informiert seinen Vater über das Treffen, wie der Oberstaatsanwalt sagt. Bewaffnet mit einem ausfahrbaren Teleskopstock, einem Elektroschocker und einem Messer fahren Vater und Bruder der mutmaßlich vergewaltigten Frau sowie Timo P. am 18. Juni auf einen Pendlerparkplatz bei Neuenburg im Schwarzwald, nahe der französischen Grenze an der Bundesstraße 378.

Die Begegnung am "schwer einsehbaren Ende des Parkplatzes" eskaliert laut Staatsanwaltschaft in kürzester Zeit: Vater und Sohn stürmen demnach auf Patrick H. zu, Timo P. packt den körperlich deutlich unterlegenen Mann, hält ihn fest. Akram Y. rammt mehrfach den Elektroschocker an den Hals des Überfallenen, Moustapha Y. prügelt mit dem Stock auf diesen ein. "Patrick H. konnte sich nicht wehren oder Hilfe rufen", konstatiert Oberstaatsanwalt Berger.

Achtmal sticht Akram Y. laut Anklage mit dem Messer auf Patrick H. ein, Timo P. lässt ihn los, da versucht Patrick H. zu entkommen. Die anderen verfolgen ihn. Akram Y. holt ihn ein, sticht mutmaßlich weitere 15-mal auf den 27-Jährigen ein.

Fahrgäste eines Reisebusses beobachten den Überfall, alarmieren Rettungskräfte. Doch Patrick H. erliegt seinen schweren Verletzungen.

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Polizisten im Juni 2014 am Tatort: Tödliche Messerstiche auf Parkplatz

Vater und Sohn sehen sich vor Gericht wieder

Nun hat der Prozess begonnen: Akram und Moustapha Y. sind gemeinsam mit Timo P., 21 Jahre und gelernter Elektriker, wegen Mordes angeklagt. "Sie handelten aus niedrigen Beweggründen und Heimtücke", sagt der Oberstaatsanwalt. Die drei Männer sitzen in Untersuchungshaft. In Handschellen werden sie in den Saal IV des Landgerichts Freiburg geführt. Duncan S. ist ebenfalls angeklagt, aber frei.

Akram Y. wird als Letzter in den Gerichtssaal gebracht. Als er an seinem Vater vorbeigeführt wird, fallen sich die beiden um den Hals, sie umarmen sich lange und fest. Der 48-Jährige klopft seinem Sohn aufmunternd auf die rechte Schulter.

Hatten die Männer von vorneherein den Plan, Patrick H. zu töten? Oder eskalierte die Situation im Affekt? "Mein Mandant bestreitet, dass es einen Plan gab", betont der Verteidiger von Moustapha Y. direkt nach dem Verlesen der Anklageschrift.

Welche Rolle spielte der Vater dann? Stiftete er seinen Sohn dennoch zum Racheakt an? Nimmt Akram Y. die Schuld bewusst auf sich, weil er zum Tatzeitpunkt erst 17 Jahre alt war und nach Jugendstrafrecht verurteilt werden muss? Die Höchststrafe läge dann bei zehn Jahren Haft und wäre weitaus geringer als beim Erwachsenenstrafrecht.

Der Fall erinnert an den Mord der Deutschtürkin Hatun Sürücü, die am 7. Februar 2005 in Berlin von ihrer Familie getötet wurde. Ihr jüngster Bruder gab an, Hatun erschossen zu haben. Er wurde nach knapp neuneinhalb Jahren Haft nach Istanbul abgeschoben. Ermittler gehen bis heute davon aus, dass er als Täter vorgeschoben wurde und die älteren Brüder ebenso an der Tat beteiligt waren.

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Quelle: dpa

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