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Panorama

Gefängnisausbruch in den USA

Das Geheimnis der getürmten Killer

Der filmreife Ausbruch zweier Mörder aus einem New Yorker Gefängnis hält die USA in Atem. Auch nach drei Tagen fehlt jede Spur von ihnen. Die Behörden warnen davor, die hochgefährlichen Männer zu unterschätzen.

DPA/ NY State Police
Von , New York
Dienstag, 09.06.2015   09:51 Uhr

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Die Spur verlief sich in einem Garten. Kurz nach Mitternacht sah ein Anwohner dort zwei fremde Gestalten. "Hey, was macht ihr da?", rief er noch, bevor die beiden wegrannten. Seither sind sie verschwunden.

Drei Tage ist es her, dass die Mörder Richard Matt und David Sweat aus der Clinton Correctional Facility türmten, einem Gefängnis im US-Bundesstaat New York. Der filmreife Ausbruch, der an Hollywood-Klassiker wie "Die Verurteilten" und "Flucht von Alcatraz" erinnert, hält nicht mehr nur New York in Atem: Inzwischen hat die größte US-Verbrecherjagd seit Generationen das ganze Land in den Bann gezogen.

Hunderte Cops durchkämmten am Montag die Wälder und Dörfer im Nordostzipfel New Yorks, am Rande des Adirondack-Naturschutzparks und nur wenige Kilometer vor der kanadischen Grenze. Beamte des FBI und des US Marshals Service unterstützten die beispiellose Großfahndung mit Hubschraubern, Suchhunden und Dutzenden Straßensperren.

"Sie könnten überall sein"

Lokale Fernseh- und Radiostationen warnten die Bürger davor, Fremden zu vertrauen. Fahndungsfotos der Killer - und ihrer markanten Tattoos - füllten die Blogs. Doch lange nicht mehr waren die Behörden so ratlos. Allen voran New Yorks Gouverneur Andrew Cuomo, der von einer "Krisensituation" sprach: "Sie könnten überall sein", sagte er auf NBC.

Am Montag gab es immerhin erste Hinweise, wie die spektakuläre Tat gelingen konnte: Matt und Sweat hätten ganz offenbar "Hilfe von innen" gehabt, sagte Cuomo. Mehrere Medien, darunter CNN, die "New York Post" und die "Daily News", meldeten, der Anfangsverdacht konzentriere sich auf eine weibliche Angestellte der Haftanstalt.

Es war ein schwacher Hoffnungsschimmer in einem mysteriösen Fall, den sich ein Drehbuchautor nicht besser ausdenken könnte. Matt und Sweat bastelten am Freitag aus Sweatshirts Menschenattrappen, die sie in ihren benachbarten Zellen auf die Pritschen legten. Mit Werkzeugen von einer Gefängnisbaustelle brachen sie Löcher in die Wände, krochen durch ein Abwasserrohr und tauchten erst 1,6 Kilometer weiter auf der anderen Seite der Mauern wieder auf - indem sie aus einem Gully kletterten, der von innen abgeriegelt war.

Die Wärter bemerkten das erst tags darauf beim Morgenappell um 5.30 Uhr. Matt und Sweat hatten einen Post-it-Zettel hinterlassen mit einem rassistisch-asiatischen Strichmännchen: "Schönen Tag noch."

Die öffentliche Faszination über die Flucht, die die US-Newssender rund um die Uhr auf Trab hält, lässt schnell vergessen: Matt und Sweat sind zwei Schwerstkriminelle.

Matt, 48, saß eine Haftstrafe von mindestens 25 Jahren ab, früheste Bewährungschance: 2032. Er hatte 1997 seinen Chef entführt und erschlagen und die Leiche zerstückelt. Groß, bullig und furchtlos, gilt er als der Gefährlichere des Duos. Auf dem Rücken hat er "Mexico Forever" tätowiert, von einem früheren Aufenthalt in einem Knast in Mexiko, wo er einen Mann bei einer Kneipenschlägerei getötet hatte.

"Wenn er sich zurechtmacht, ist er sehr attraktiv", erinnerte sich der Ex-Cop David Bentley, der 1997 mitgeholfen hatte, ihn zu schnappen, in der "New York Post". "Er hat überall Freundinnen." Hier vermuten die Fahnder jetzt auch die Verbindung zu der Gefängnismitarbeiterin.

Im Vergleich dazu wirkt Sweat, 34, eher schmächtig. Dennoch hatte er 2002 den Hilfssheriff Kevin Tarsia ermordet - mit mehr als einem Dutzend Schüssen - und war dafür zu lebenslänglich verurteilt worden.

Flucht aus "Klein-Sibirien"

Die US-Polizei betont denn auch, dass mit den beiden nicht zu spaßen sei, trotz aller Verwandtschaft zu den Antihelden Hollywoods. Vor allem Matt macht ihnen Sorge: "Mit dem kann man nicht vorsichtig genug sein", sagte der pensionierte Cop Gabriel DiBernardo, der 1997 die Ermittlungen leitete, der "New York Times". "Er ist die grausamste, böseste Person, der ich in 38 Jahren als Polizeibeamter begegnet bin."

Zahllose Fragen bleiben offen. Sind die Ausbrecher weiter gemeinsam unterwegs oder haben sie sich getrennt? Sind sie noch in New York oder überhaupt in den USA? Haben sie auf der Flucht Komplizen?

Erschwert wird die Suche dadurch, dass das als "Klein-Sibirien" berüchtigte Gefängnis in einer extrem abgelegenen Gegend liegt. Der Hochsicherheitstrakt beherbergt 3000 Insassen und 1400 Wärter - so viele, wie der Ort Dannemora, in dem er sich befindet, Einwohner hat.

Die meisten dieser Einwohner sind beruflich oder privat mit dem Gefängnis verbunden, dessen festungsgleiche Mauern das Ortsbild prägen: "Clinton Correctional", schreibt die Lokalzeitung "Times Union", "ist in diesem winzigen Dorf ein Familienbetrieb." Am Montag verkrochen sich viele der Betroffenen hinter verschlossenen Türen.

Zusammengefasst: Vor drei Tagen sind die Mörder Richard Matt und David Sweat aus einem Gefängnis im US-Bundesstaat New York geflohen. Inzwischen gibt es zwar erste Hinweise, die Suche von Hunderten Polizisten blieb bisher jedoch ohne Erfolg.

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