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Panorama

Anschlag auf Synagoge in Wuppertal

Sechs Brandsätze in der Nacht

Drei Palästinenser warfen Molotowcocktails auf eine Synagoge in Wuppertal. Sie wurden verurteilt, aber das Gericht erkannte keine antisemitischen Motive - zum Entsetzen der jüdischen Gemeinschaft. Nun wird der Fall erneut verhandelt.

Von Bruno Schrep
DPA
Montag, 18.01.2016   06:29 Uhr

Drei junge Palästinenser füllen nachts an einer Tankstelle mehrere Glasflaschen mit Dieseltreibstoff, verstopfen sie mit brennenden Stofffetzen und werfen die Brandsätze gegen die Eingangstür des jüdischen Gotteshauses in Wuppertal. Handelt es sich dabei um Antisemitismus?

Nein, urteilte das Wuppertaler Amtsgericht im Februar 2015. Zwar sei die Aktion ein schwerwiegendes Indiz für eine derartige Gesinnung. Doch der Angriff allein lasse noch keinen sicheren Schluss auf Judenfeindlichkeit zu. Denn außer dem Anschlag hätten sich "keinerlei Anhaltspunkte" dafür ergeben, dass die jungen Männer antisemitisch eingestellt seien.

Der Prozess, der in Deutschland wenig Aufmerksamkeit erregte, sorgte anderswo für großes Aufsehen. Mehrere amerikanische Zeitungen, unter anderem die "New York Times", berichteten über den Fall, in Israel griff die "Jerusalem Post" das Thema auf.

Sowohl die Tat als auch die Einschätzung des Richters sorgten bei vielen in Deutschland lebenden Juden für Fassungslosigkeit und Unverständnis.

"Wir erleben die kummervollste und bedrohlichste Zeit seit 1945", klagte Charlotte Knobloch, die frühere Vorsitzende des Zentralrats der Juden, nach dem Wuppertaler Anschlag.

"Gibt es ein deutlicheres Indiz für Antisemitismus, als eine Synagoge anzuzünden?", fragte Leonid Goldberg, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde in Wuppertal, nach dem Urteil. Dies sei "eine Einladung zu weiteren Straftaten".

Das Weltbild der Täter ist vom Nahost-Konflikt geprägt

Rückblende: Ende Juli 2014 lief seit Wochen eine israelische Militäroffensive im Gazastreifen. Bei Kundgebungen kam es in Deutschland zu einer Vielzahl judenfeindlicher Äußerungen, die Stimmung war aufgeheizt.

In Wuppertal, am Ende des Fastenmonats Ramadan, tranken drei Muslime nach eigenen Angaben Unmengen Alkohol, vor allem Wodka und Bier. Als sie gegen vier Uhr früh ihre sechs selbstgebastelten Molotowcocktails auf die Synagoge schleuderten, waren sie, wie sie vor Gericht erklärten, sturzbetrunken. Während zwei der Brandstifter weglaufen konnten, wurde einer noch vor Ort festgenommen. Er war gerade dabei, den Feuerwehreinsatz mit seinem Handy zu filmen und die Szenen auf Arabisch zu kommentieren.

Zwei der Täter stammen aus dem Westjordanland, einer aus dem Gazastreifen. Ihr Weltbild ist vom Nahost-Konflikt geprägt. Ismael A., mit 29 Jahren der älteste der drei, lebt schon seit 15 Jahren in Deutschland, ist Vater von zwei Kindern und als Asylbewerber anerkannt. Der 25-jährige Mohamad E. besitzt ebenso eine aufenthaltsrechtliche Duldung wie der erst 19-jährige Jamil A. Alle drei waren zur Tatzeit arbeitslos, lebten von staatlicher Unterstützung.

Das Wuppertaler Schöffengericht unter Vorsitz von Richter Sturm verurteilte die Männer zwar wegen versuchter schwerer Brandstiftung zu Bewährungsstrafen, verneinte aber eine antisemitische Motivation. Das Gericht glaubte den Angeklagten ihre Beteuerung, sie hätten nichts gegen Juden. Sie hätten mit ihrer Aktion nur auf den Gaza-Krieg hinweisen wollen. Und das Ganze täte ihnen leid.

"Wie kann man nur auf solche Lügen hereinfallen?", fragt Gemeindevorsteher Goldberg, die Aussagen beleidigten den gesunden Menschenverstand. "Wenn jemand eine Moschee anzündet, ist völlig klar, dass es sich um Islamhass handelt. Wo liegt der Unterschied zu einer Synagoge?"

Richter Sturm mochte sich zu der Kritik an seinem Urteil, gegen das die Staatsanwaltschaft und einer der Verurteilten Berufung einlegten, nicht äußern.

"Jetzt haben viele Angst"

Ob das Wuppertaler Landgericht die Motive der Brandstifter ähnlich wertet, wird sich nun herausstellen: Am Montagvormittag beginnt die Berufungsverhandlung. Angeklagt sind nur die beiden älteren Beschuldigten. Gegen den 19-Jährigen, bei dem noch Jugendstrafrecht angewandt werden kann, wird erst im Februar verhandelt. Besonders die Mitglieder der jüdischen Gemeinde wollen den Prozess kritisch beobachten - sie hoffen auf ein Zeichen, womöglich eine Entschuldigung.

Seit dem Anschlag auf ihre Synagoge fühlen sich viele der rund 2000 Wuppertaler Juden nicht mehr sicher. Die meisten kamen um 1990 aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion, wo sie wegen ihrer Religion schikaniert und diskriminiert wurden, nicht studieren durften, bei der Berufswahl behindert wurden. Umso mehr wussten sie die Toleranz und die Freizügigkeit in ihrer neuen Heimat zu schätzen - bis zum Anschlag.

"Jetzt haben viele Angst", bestätigt Gemeindevorsteher Goldberg. "Wir waren so stolz darauf, dass unsere Synagoge nicht bewacht wurde", sagt er, "wir hatten sogar ausdrücklich darauf verzichtet." Inzwischen steht nachts ein Streifenwagen vor dem Eingang, tagsüber patrouillieren vor dem erst 2002 errichteten Gebäude bewaffnete Uniformierte. Jedes Gemeindefest, jeder Grillnachmittag, jedes Konzert wird von Sicherheitspersonal bewacht. "Manche trauen sich nicht mehr in den Gottesdienst", berichtet Rabbiner David Vinitz.

Weil die Eingangstür des Gotteshauses nicht barst und nicht alle Brandsätze explodierten, hielt sich zwar der materielle Schaden in Grenzen. Der ideelle Schaden ist jedoch längst nicht absehbar.

Goldberg hat in seiner Gemeinde alarmierende Reaktionen registriert, einige redeten sogar vom Auswandern. "Ich dachte, die Zeit der gepackten Koffer sei für immer vorbei", sagt er. "Jetzt überlege ich mir, wann wir diese Koffer wieder packen sollen."

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