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Panorama

NSU-Ankläger über André E.

Der feixende Mitwisser

Welche Rolle spielte André E. im NSU-Komplex? In ihrem Plädoyer findet die Bundesanwaltschaft auf diese Frage deutliche Antworten. Der Angeklagte selbst wirkt amüsiert.

DPA

Angeklagter André E. (Archiv)

Von , München
Donnerstag, 31.08.2017   16:57 Uhr

Um 9.53 Uhr richtet Oberstaatsanwalt Jochen Weingarten das Mikrofon und will da anknüpfen, wo er vor 30 Tagen aufgehört hat. Da schreit eine Zuschauerin: "Wir klagen an: Oberstaatsanwalt WEINGARTNER!" Eine weitere brüllt: "Wegen Missachtung der Betroffenen!" Abwechselnd rufen sie die Namen der drei Vertreter der Bundesanwaltschaft und werfen ihnen "institutionellen Rassismus" vor.

Ein Mann streut von der Empore Konfetti in Saal A101. Auf den Schnipseln steht der Absender der Störaktion: "NSU-Tribunal.de". Hektisch versuchen Justizvollzugsbeamte die Störer abzuführen. Es ist der erste Zwischenfall seit Beginn des NSU-Verfahrens vor dem Oberlandesgericht München im Mai 2013.

Der Angeklagte André E. kriegt sich kaum ein vor Lachen. Dabei dürfte ihm an diesem 380. Verhandlungstag am wenigsten danach zumute sein.

Um 10.03 Uhr nimmt Weingarten einen zweiten Anlauf. Er fasst knapp zusammen, was die Bundesanwaltschaft vor der vierwöchigen Sommerpause in ihrem Plädoyer dargelegt hat: die Rolle der Hauptangeklagten Beate Zschäpe, abgesehen von den Banküberfällen; die Rolle der Angeklagten Carsten S. und Ralf Wohlleben.

Weingarten widmet sich nun André E., 38, gelernter Maurer, Vater dreier Kinder und stolzer Neonazi. Er trägt seine menschenverachtende Gesinnung auf der Haut: antisemitische Todesbefehle, germanische Schriftzeichen, SA-verherrlichende Porträts. Er ist wegen Beihilfe zum versuchten Mord, zum Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion, zum Raub und zur schweren Körperverletzung angeklagt.

Und er ist "vollumfänglich überführt", wie es Weingarten formuliert.

Der Oberstaatsanwalt zeichnet akribisch nach, warum André E. mehr gewesen sei als ein Helfer oder Unterstützer des NSU: André E. war nach Auffassung der Bundesanwaltschaft ein Mitwisser. Einer, der wusste, was die untergetauchten Neonazis taten.

"Massive Gewalttaten"

André E. habe das Gefährlichkeitspotenzial von Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt gekannt, meint Weingarten. Er habe bereits ab Frühjahr 1998 gewusst, warum sie im Untergrund lebten: Sie hatten Sprengstoff in einer Garage gelagert und waren aufgeflogen. Wer Sprengstoff horte, sei zu "massiven Gewalttaten" bereit, sagt Weingarten.

Dies unterscheide André E. von den Angeklagten Carsten S., Holger G. und Ralf Wohlleben: "Nur bei ihm sind wir davon überzeugt, dass er klipp und klar wusste, was die drei bezwecken", sagt Weingarten. André E. habe "höchstes Vertrauen" genossen, ein "einzigartiges Näheverhältnis" gepflegt. Weingarten spricht von "enger Wahlverwandtschaft".

André E. sei "klar kommuniziert" worden, dass Ausländer und Menschen nicht deutscher Herkunft durch Schusswaffen und Sprengstoff getötet werden müssten. Dies habe seiner rechtsextremistischen Überzeugung und seinem tief empfundenen Hass auf Menschen nicht deutscher Herkunft entsprochen.

Auf seinem Stuhl weit zurückgelehnt, die Arme vor der Brust verschränkt, folgt André E. dem Plädoyer sichtlich amüsiert. Zwei Gesinnungsgenossen auf der Zuschauertribüne wirken beeindruckt von seiner Gelassenheit an diesem Tag.

"Brüder schweigen"

André E. ist der Einzige, der seit seiner ersten Vernehmung geschwiegen hat. Kein Wort hat er gegenüber Ermittlern oder im Prozess zu den ihm vorgeworfenen Taten gesagt. Er scheint stolz darauf zu sein: "Brüder schweigen". André E. trug diesen Ausspruch auf einem T-Shirt an einem Prozesstag.

Auch Weingarten erinnert sich daran und betont, auf André E.s "brüderliches Schweigen" hätte das Trio schon zu Lebzeiten bauen können, auch auf seine "Treue, Loyalität und ideologische Verlässlichkeit". "Er erging sich nicht in Weinerlichkeit wie Wohlleben", sagt Weingarten.

Für André E. muss es wie ein Ritterschlag klingen. Er grinst selbstzufrieden. Weingarten sagt: "Der Angeklagte lächelt." Dann spricht er André E. direkt an: "Ich habe Sie aber auch schon zustimmend nicken sehen heute."

André E. soll für den NSU dreimal Wohnmobile angemietet haben: Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos sollen damit zwei Banküberfälle in Chemnitz begangen und den ersten Sprengstoffanschlag in Köln verübt haben. André E. soll zudem BahnCards beschafft und Beate Zschäpe bei der Polizei als seine Ehefrau ausgegeben haben.

Als Legendenbilder schied André E. aus: Anders als bei Holger G. passten weder Physiognomie noch Statur zu Uwe Mundlos oder Uwe Böhnhardt. Aber André E. ermöglichte nach Ansicht der Bundesanwaltschaft dem Trio mit Tarnidentität ein konspiratives Versteck: Er mietete für sie eine Wohnung an und stellte seine Personalien und die seiner Ehefrau Susann zur Verfügung.

Der NSU und André E.

Weingarten trägt alle Indizien vor, die die Anklage untermauern. Darunter das auf André E.s Computer gelöschte Paulchen-Panther-Bild. Warum sollte der überzeugte Rechtsextremist das Bild löschen, wenn er das NSU-Bekennervideo nicht kannte? Warum löschte er zudem die Turner-Tagebücher, die den weltweiten Rassenkampf durch Terroranschläge propagieren? Nach Ansicht der Bundesanwaltschaft muss André E. gewusst haben, dass sie wie eine Blaupause des NSU interpretiert werden können.

Am Ende sagt Weingarten, André E. habe eisern geschwiegen und doch ein Geständnis abgelegt: Als die Vorwürfe gegen ihn längst bekannt waren, er bereits sechs Monate in Untersuchungshaft gesessen hatte, wurde sein Zuhause durchsucht. Über dem Fernseher, gerahmt, unter Fotos seiner Söhne, hing eine Zeichnung der verstorbenen Uwes. "Unvergessen" stand über ihren Köpfen.

Für Weingarten ist dieses Bild keine postmortale Solidaritätsbekundung, vielmehr eine Gedenkstätte, ein ehrendes Andenken, eine Heldenverehrung. André E. sei kein "ahnungsloser Gehilfe", sondern sich immer im Klaren gewesen, dass er eine terroristische Vereinigung unterstütze. "Er hat alles gewusst", sagt Weingarten.

Und André E.? Der verzieht feixend das Gesicht.

Mitarbeit: Thomas Hauzenberger

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