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Panorama

Vergewaltigungsprozess in Bonn

"Ich hatte ihm geraten zu schweigen"

Vergewaltigte Eric X. in der Bonner Siegaue eine junge Frau? Die Beweise sprechen gegen den 31-Jährigen. Beim Prozessauftakt hat er viel zu erzählen. Manches davon ist für das Opfer schwer erträglich.

DPA

Angeklagter Eric X. mit Anwältin

Von Christian Parth, Bonn
Montag, 25.09.2017   18:30 Uhr

Gefesselt an Händen und Füßen wird Eric X. in Saal 0.11 des Bonner Landgerichts geführt. Er trägt hellblaue Gefängniskleidung, sein Haar ist an den Seiten des Kopfes abrasiert. Die schweren Metallhandschellen werden X. nicht abgenommen, hinter ihm wachen zusätzlich zwei Justizangestellte. Der 31-Jährige gilt als unberechenbar. In der U-Haft in der JVA Köln griff er Wachpersonal an. Seitdem sitzt er in einer besonders gesicherten Zelle.

Es ist der erste Prozesstag im Fall der Vergewaltigung in der Bonner Siegaue, die 114 Zuschauerplätze sind nahezu voll besetzt. Die Staatsanwaltschaft wirft Eric X. Vergewaltigung und schwere räuberische Erpressung vor. In der Nacht zum 2. April soll der Angeklagte bewaffnet mit einer langen Astsäge ein Studentenpaar aus Baden-Württemberg, das unter einer Brücke unweit der Sieg in einem Zelt campierte, beraubt und die Frau vergewaltigt haben.

Das Opfer leidet nach Angaben seiner Anwältin bis heute schwer unter der Tat. "Meiner Mandantin geht es nicht gut. Aber das ist kein Wunder angesichts dessen, was passiert ist", sagt Nebenklagevertreterin Gudrun Roth.

"Nun muss er damit leben, was er sagt"

Die Staatsanwaltschaft schildert in der Anklageschrift ihre Version der Tat: Gegen Mitternacht schlitzt Eric X. demnach mit einer zuvor geklauten Astsäge das Zelt des Paares auf und verlangt nach Bargeld. Die Studenten geben ihm sechs Euro und einen Bluetooth-Lautsprecher. Doch X. lässt nicht ab.

"Come out bitch. I want to fuck you", sagt er laut Anklage zu der Frau. Die 23 Jahre alte Studentin verlässt das Zelt und folgt ihm zu einer Decke, die er etwa zehn Meter entfernt ausgebreitet hat. Er vergewaltigt sie, die Säge liegt griffbereit neben ihm. Der Freund der 23-Jährigen kauert im Zelt und wählt mit seinem Handy den Notruf. Doch die Polizistin in der Zentrale hält seinen Anruf zunächst für einen Aprilscherz. Auch das bringt den Fall bundesweit in die Schlagzeilen. Die Beamtin wird später strafversetzt.

Die Ermittler fahnden mit Phantombildern, wenige Tage später wird X. festgenommen.

Das Gericht hat dem Angeklagten zwei Pflichtverteidiger zur Seite gestellt. Doch X. beachtet sie gar nicht. Gegen ihren ausdrücklichen Rat lässt er sich ein und bestreitet die Tat. "Ich habe viele Dinge zu sagen. Ich verstehe nicht, warum ich schweigen sollte, wenn ich über den Fall gar nichts weiß", sagt er auf Englisch, Zorn liegt in seiner Stimme.

Seine beiden Verteidiger sind nur noch Statisten. "Ich halte das nicht für glücklich. Ich hatte ihm geraten zu schweigen", sagt Verteidiger Martin Mörsdorf in einer Verhandlungspause zerknirscht. "Nun muss er damit leben, was er sagt."

Angeklagter bezeichnet Opfer als Prostituierte

Die Beweislage ist erdrückend. X. war in einer Flüchtlingsunterkunft in St. Augustin bei Bonn untergebracht. Laut dem Erfassungssystem der Einrichtung ging er am 1. April gegen 20 Uhr weg und kam erst gegen vier Uhr früh am 2. April zurück. X. wittert eine Verschwörung. "Hier werden Spielchen gespielt", poltert er und gerät in Rage. "Ich habe keine Lust, mir diese Märchen anzuhören." Als der Richter ihm schließlich den positiven DNA-Abgleich vorhält, verliert X. endgültig die Fassung und verhöhnt sein Opfer.

Sollte es tatsächlich seine DNA sein, die entdeckt worden sei, dann "muss sich dieses Mädchen Prostituierte nennen", sagt er. X. lässt sich nicht mehr beruhigen, er schimpft immer weiter, schlägt mit seinen Handschellen auf den Tisch, bis Richter Marc Eumann den Prozess für zehn Minuten unterbricht.

"Wenn ein Opfer verhöhnt wird, ist das immer ein Schlag ins Gesicht", sagt Nebenklage-Anwältin Roth in der Pause. Es bleibt ihr einziges Statement zu dem Eklat.

Von Ghana über Libyen und Italien nach Deutschland

Zuvor hatte X. dem Gericht fast drei Stunden detailreich über sein bisheriges Leben berichtet. Seine Schilderungen klingen abenteuerlich. Wenn man ihm glauben mag, ist Eric X. in einem kleinen Dorf an der Küste Ghanas geboren und aufgewachsen. Sein Vater, Spross einer adligen Familie, soll eine Kakaoplantage mit etwa hundert Arbeitern besessen und zwei Ehefrauen gehabt haben.

Als der Vater 2013 oder 2014 stirbt - das genaue Jahr weiß X. nicht - , will der Sohn die Plantage übernehmen. Aber, so schildert X. es, seine neun Halbschwestern reklamieren das Erbe für sich. Bei der Ernte kommt es zum Streit mit einem Schwager, den er in Notwehr mit einem Stock erschlägt. X. flieht zunächst nach Libyen, wo er selbstgebrannten Schnaps verkauft. Die Polizei nimmt den Laden hoch, doch X. kann entkommen. Er lernt einen Schleuser kennen.

Im Juni 2016 setzt er zusammen mit etwa 135 Flüchtlingen mit einem Schlauchboot nach Italien über. Das Boot sinkt, X. wird von der italienischen Küstenwache gerettet und in ein Camp nahe Rom gebracht.

Auch hier will X. schnell Ärger gehabt haben, ein Eifersuchtsdrama. Er verschwindet aus der Einrichtung. Im Februar 2017 versucht er, mit einem Zug von Rom nach München zu reisen. Bei Salzburg wird er kontrolliert und vorübergehend festgehalten. Beim zweiten Versuch glückt ihm die Reise nach Deutschland. In Frankfurt, sagt er, hätten ihn Polizisten am Bahnhof aufgegriffen.

Über Flüchtlingsunterkünfte in Gießen und Dortmund kommt er Anfang März 2017 schließlich nach St. Augustin. Nach Angaben der Bezirksregierung wurde sein Asylantrag kurz vor der Tat abgelehnt, seine Abschiebung war bereits beschlossen.

Ob die beiden Opfer aussagen werden, ist noch unklar. Für den Prozess sind acht Verhandlungstage angesetzt, das Urteil könnte bereits im Oktober fallen.

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