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Panorama

Doku zu illegalen Straßenrennen

"Rasen ist eine Sucht"

Illegale Autorennen sind eine tödliche Gefahr, immer wieder kommt es in Deutschland zu schweren Unfällen. SPIEGEL TV begleitet Fahnder und recherchiert unter Rasern. Einblick in ein riskantes Milieu.

Foto: SPIEGEL TV
Dienstag, 14.11.2017   16:37 Uhr

"Wir lassen uns doch nicht an den Karren pissen", protzt Stefan* vor der Kamera und schildert, wie er und seine Kumpels der Hamburger Cruiser-Szene Katz und Maus mit der Polizei spielen. Lässig erklärt er, wie sie eine öffentliche Verkehrsstraße mitten in Hamburg als illegale Rennstrecke präparieren. Zwei Wagen auf Beobachtungsposten an der Start- und Ziellinie, Späher funken durch, ob die Bahn frei ist. "Frei" heißt in diesem Fall: frei von Polizei.

Unrechtsbewusstsein zeigt Stefan nicht. Eigentlich versteht er auch die ganze Aufregung über die Raserei nicht, trotzdem besteht er darauf, unerkannt zu bleiben. Weniger aus Angst vor Strafverfolgung, mehr aus Angst vor der Rache seiner alten Kumpels.

Denn bei den illegalen Rennen geht es nicht nur um den Adrenalinkick beim Beschleunigen auf Höchstgeschwindigkeit, es geht um Macht, Status und viel Geld. Hohe Prämien winken dem Sieger. Wer auspackt, muss um sein Leben fürchten, sagt Stefan zu SPIEGEL TV. Fast jedes Wochenende nimmt er an illegalen Rennen teil. Die sind zunehmend zu einem Problem geworden: Immer wieder verzeichnet die Polizei Personen- und Sachschäden durch Autorennen im Straßenverkehr.

DPA

Unfallstelle in Berlin (Februar 2016)

Einer der aufsehenerregendsten Fälle ereignete sich im Februar 2016 in Berlin: Auf dem Kurfürstendamm lieferten sich zwei Fahrer nachts ein Rennen über mehrere rote Ampeln hinweg. Eines der Autos erfasste mit Tempo 160 das Fahrzeug des 69-jährigen Michael Warshitsky, der noch am Unfallort starb. Die Raser wurden in einem wegweisenden Urteil wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. "Sie handelten mit bedingtem Vorsatz", so der Richter in seiner Urteilsbegründung. Die Verurteilten wollen das nicht hinnehmen und haben Revision beim Bundesgerichtshof eingelegt.

Maksimilian Warshitsky, der Sohn des Opfers vom Kurfürstendamm, findet es nur gerecht, dass die zwei Raser wegen Mordes verurteilt wurden. Die Straße sei kein rechtsfreier Raum, sagt er SPIEGEL TV. Er hoffe, dass das Urteil abschreckende Wirkung habe. Über den Verlust des Vaters tröstete dieser Richterspruch indessen nicht hinweg.

Illegale Rennfahrer sind für Warshitsky hirnlose Chaoten, die das Leben anderer Menschen gefährden. Deren PS-gesteuerte, todbringende Selbstüberschätzung vergleicht er mit Russisch Roulette.

In den vergangenen Jahren hatten wiederholt Unfälle mit Todesopfern und Schwerverletzten bei illegalen Straßenrennen Entsetzen ausgelöst. In Köln starb 2015 eine Studentin, die auf dem Radweg von einem getunten Auto erfasst wurde. Ebenfalls in Köln wurde 2015 ein 26-Jähriger an einem Zebrastreifen von einem Wagen tödlich getroffen. Und im Juni dieses Jahres wurde in Mönchengladbach ein Fußgänger von einem Straßenrennenfahrer tödlich verletzt.

"Vergleichbar mit Heroinabhängigkeit"

Die Häufung derartiger Todesfälle führte im Sommer 2017 zu einer Gesetzesänderung, derzufolge die Teilnahme an illegalen Rennen als Straftat geahndet wird. Wenn jemand schwer verletzt oder getötet wird, drohen den Rasern bis zu zehn Jahre Haft.

Oberkommissar Martin Lipicar von der Hamburger Polizei fordert seit Langem härtere Strafen für illegale Raser. Regelmäßig versuchen er und seine Beamten, die Straßenrowdys durch Führerscheinentzug aus dem Verkehr zu ziehen und die Hamburger Cruiser-Szene zu zerschlagen.

Der Kölner Nico Klassen, der mittlerweile aus der Szene ausgestiegen ist, glaubt allerdings nicht, dass empfindlichere Strafen die Szene abschrecken. "Das Rasen ist wie eine Sucht", sagt er, "vergleichbar mit Heroinabhängigkeit." Auf frischer Tat würden ohnehin die wenigsten erwischt, weil die gut vernetzten PS-Junkies sich untereinander warnen würden, sagt Klassen. Zudem sei die Verführung durch Carsharing-Dienste und relativ günstige Leasing-Angebote für Autos mit bis zu 500 PS riesengroß.

*Name geändert


"Tödliche Raserei - Harte Strafen für illegale Rennen": Die ganze Reportage um 19.40 Uhr Uhr auf Arte.

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