10.01.2011
Hamburger Piratenprozess
"Ich bin zutiefst traurig"
Von Beate LakottaHamburg - Der Angeklagte Hussein Carab M. dankte höflich dem Gericht und den Anwesenden für ihre Aufmerksamkeit, bevor er beschrieb, aus welcher Notlage heraus er sich an der Kaperfahrt beteiligt hatte. Er sei sechs Jahre alt gewesen, als seine Eltern 1992 in den Bürgerkriegswirren von einer Granate getötet worden seien. Noch als Zehnjähriger habe er unter diesem Trauma gelitten. Seither sei er immer auf sich allein gestellt gewesen.
Heute sei er selbst Vater eines Sohnes. Um ihn habe er angesichts der Lebensgefahr, in der sie sich ständig befunden hätten, am meisten Angst gehabt. Ausgerechnet dieser Sohn sei entführt worden, von einem Mann, dem er etwa 1100 Dollar schulde. Mit seinem Anteil vom Lösegeld für Schiff und Besatzung habe er seinen Jungen befreien wollen.
Stattdessen wurden Carab M. und die neun anderen von einer Eingreiftruppe der niederländischen Marine auf der "Taipan" verhaftet und nach Hamburg gebracht. Das war vor einem Dreivierteljahr. Seither lebe er in Ungewissheit über das Schicksal seines Sohnes, so M., er könne dem Gericht die Telefonnummer des Mannes geben, der sein Kind in der Gewalt habe. Seit er im Gefängnis sei, leide er unter Depressionen und könne nichts mehr essen, weil er keinen Kontakt zu seinem Sohn habe. Den Bediensteten dort sei sein Zustand aufgefallen, sie hätten ihn gefragt, ob er sich das Leben nehmen wolle. Er aber habe sich nicht verständlich machen können.
Carab M. bat das Gericht, ihm eine Möglichkeit zum Telefonieren zu geben, damit er sich nach seinem Sohn erkundigen könne, ihm fehlten dazu die Mittel. "Ich bin zutiefst traurig und weiß nicht, wie ich weitermachen soll", sagte er und weinte.
Eines der gefährlichsten Länder der Welt
Auch die Einlassung von Abdi Yussuf K. gab Einblick in die Lebensverhältnisse im bürgerkriegsgeplagten Somalia - wohl eines der gefährlichsten Länder der Welt, in dem es keine Regierung, keine Polizei und keine funktionierende Gerichtsbarkeit gibt. Milizen führen dort ein grausames Regime.
K. sprach nicht selbst, sein Anwalt Jan-Henrik Heinz verlas, was der Fischer sagen wollte. K. hatte von sich selbst stets behauptet, er sei 20 Jahre alt - also möglicherweise noch nach dem Jugendstrafrecht zu beurteilen. Vor Gericht musste er jedoch tagelang hören, wie drei Mediziner die Röntgenbilder von Zähnen, Schlüsselbeinen und Handskeletten analysierten und unter anderem zu dem Schluss kamen, K. sei wesentlich älter, vielleicht sogar schon 30 oder 40.
Sein genaues Alter kenne er nicht, ließ K. nun seinen Anwalt sagen. "Es wird bei uns nicht registriert, es spielt aber auch keine Rolle." Er habe sich für 20 gehalten. "Aber nachdem ich untersucht wurde, glaube ich nicht mehr daran, dass ich 20 Jahre alt bin. Ich glaube dem Gutachter."
Wie überleben?
Er habe zwei Frauen und fünf Töchter. Als fischender Tagelöhner fand er aber keine Boote mehr, auf denen er hätte mitfahren können, denn es gab immer weniger zu fangen. Andere Arbeit fand er nicht, wie sollten sie also überleben?
K. habe zuvor schon oft Piratenboote beobachtet, die vor den Gestaden seines Dorfes ankerten, um sich mit Proviant und Wasser zu versorgen. Er habe gewusst, dass er für eine erfolgreiche Kaperfahrt zwischen 3000 und 5000 Dollar bekommen könnte. Also habe er sich entschieden, mitzufahren. So begehrt seien die Plätze auf einem Piratenschiff, dass er einem Mann aus seinem Dorf, der gute Beziehungen zu den Seeräubern hatte, einen Teil des Lohns versprochen habe. Auf dem Boot seien auch Nicht-Somalis gewesen, anscheinend Inder, die zur ursprünglichen Besatzung gehört hätten und ebenfalls entführt worden seien. Sie hätten den Piraten den Weg in Gebiete gewiesen, in denen viele Schiffe fuhren - wohl in der Hoffnung, dann schneller freigelassen zu werden.
Jeder in der Piraten-Crew habe seine Aufgabe zugewiesen bekommen. K.s Aufgabe sei es gewesen, aus den kleinen, schnellen Beibooten, den Skiffs, mit einem Eimer das Wasser zu schöpfen. "Mit den Waffen hatte ich nichts zu tun." Er wolle aber keine Freunde belasten und deshalb nicht sagen, wer geschossen habe. Es sei aber klar gewesen, dass der Besatzung des gekaperten Schiffes nichts geschehen sollte. Auch eine Panzerfaust, die ein Pirat nach der Beobachtung des "Taipan"-Kapitäns geschultert hatte, habe er weder gesehen noch einen entsprechenden Knall gehört, sagte K..
Er habe Wasser aus dem Bauch eines der beiden Skiffs geschöpft, mit denen sie jeweils zu fünft auf die "Taipan" zufuhren, habe das Schnellboot an der "Taipan" befestigt und sei an Bord gegangen. Mit den anderen habe er vergeblich nach der Besatzung gesucht, bis ein Hubschrauber der niederländischen Marine eingriff. Da sei er den Soldaten direkt in die Arme gelaufen und habe sich ergeben und auf den Boden gelegt.
Am Ende fragte Richter Bernd Steinmetz den Angeklagten ordnungsgemäß, ob der Text, den sein Anwalt vorgetragen und ein Dolmetscher in Somali übersetzt hatte, K.s eigene Erklärung sei. Da sprach K. sein erstes Wort, er sagte: "Ja".

