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10.12.2011
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Regatta vor Piratenküste

Schwarzes Loch im Weltmeer

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AFP

Die Volvo Ocean Race gilt als eine der härtesten Segelregatten der Welt. Am Sonntag startet sie in ihre gefährlichste Etappe: Es geht von Kapstadt nach Abu Dhabi, quer durch die schlimmsten Piratengewässer Welt. Die Sicherheitsmaßnahmen sind beeindruckend - und eine Bankrotterklärung.

Ein "logistischer Alptraum" sei das, was die Organisatoren der Regatta zur Absicherung der nächsten Etappen der Volvo Ocean Race in den nächsten Tagen unternehmen, meint Chris Nicholson, Skipper des unter spanischer Flagge segelnden Camper-Teams, aber eine Alternative dazu gebe es nicht. Er wird sich mit seiner Crew in die Sicherheitsmaßnahmen fügen, wie alle sechs teilnehmenden Teams. Denn am Sonntag soll es hinausgehen in Gewässer, die als die gefährlichsten der Welt gelten.

Um das Leben der Crews nicht zu gefährden, brechen die Veranstalter mit allen sonst üblichen Modalitäten des Regatta-Zirkus: Sie haben dem Rennen einen blinden Fleck, einen Ausschluss aller Öffentlichkeit verordnet, die Live-Übertragung des Rennens wird unterbrochen, die Boote werden regelrecht verschwinden und an einem anderen Ort wieder auftauchen. Es wird eine Etappe mit Unterbrechung, und niemand soll wissen, wo sich Boote oder Crews befinden. Zeitweilig wird das - aus Sicherheitsgründen - noch nicht einmal derselbe Ort sein.

Denn es sind keine erratischen Strömungen, widrige Witterungsverhältnisse oder turmhohe Kaventsmänner, die die Sicherheit der Rennyachten bedrohen könnten. Es sind Kriminelle in flachen, schnellen Booten, die teils von gekidnappten Basisschiffen aus große Teile des Roten Meeres und des indischen Ozeans und die Regionen vor Afrikas Ostküste unsicher machen: bis an die Zähne bewaffnete, zu allem entschlossene Piraten.

Die Volvo Ocean Race mag als eine der härtesten Regatten der Welt gelten, aber es gibt Gefahren, die man nicht verantworten kann: Vor allem ein Rennen durch somalische Gewässer wäre eines gegen die Schnellboote der Piratenbanden.

Kriminalität? Schon eher ein Seekrieg

Denn die Seegebiete vor Somalia und dem Südrand der Arabischen Halbinsel gelten als die schlimmsten Piratengründe der Welt. Das International Maritime Bureau (IMB) der Internationalen Handelskammer ICC hat auf seiner Web-Seite eine Live-Karte, auf der man Angriffe, Angriffsversuche und die Bewegungen verdächtiger Wasserfahrzeuge verfolgen kann. Oder zumindest theoretisch könnte: Vor Somalia und rund um den Südrand der Arabischen Halbinsel stehen die Markierungen so dicht, dass man die Wasserflächen auf den Karten kaum mehr erkennt.

Letztlich ist das höchst sinnfällig: Es signalisiert deutlich "Hier ist kein Durchkommen!" - und das, obwohl sich nicht nur die Europäische Union im Rahmen ihrer Operation "Atalanta" darum bemüht, das Seegebiet mit Kriegsschiffen zu sichern. Neben den neun EU-Ländern, die sich daran beteiligen, versuchen sich auch Briten, Amerikaner und Einheiten von Anrainerstaaten mit wechselndem Erfolg an dieser Aufgabe.

Vor kurzem entschied sich aus diesem Grund die niederländische Weltumseglerin Laura Dekker für einen Umweg um die Südspitze Afrikas, obwohl doch jeder Umweg ihren angestrebten Rekord, jüngste Weltumseglerin der Welt zu werden, gefährdet. Es war wohl eine kluge Entscheidung: Vorbei ist die Zeit, als die Piraten nur an dicken Brocken interessiert waren.

Menschen sind Ziele

Jahrelang hatten es Piraten vor allem auf Frachter und Tanker abgesehen. Seit einigen Jahren aber gilt unter ihnen die menschliche Fracht der Schiffe als das eigentlich Wertvolle: Lösegelderpressungen sind Teil des Geschäftsmodells Piraterie - zur Not gehen sie dafür auch an Land. Seit 2008 greifen die Piraten vor Afrikas Küsten gezielt auch kleine Ziele an - Yachten, aber auch Feriensiedlungen an der Küste. Im September attackierten sie ein Feriendorf in Kenia, erschossen einen britischen Touristen und kidnappten seine Frau Judith Tebbutt, die sich noch immer in der Hand der Piraten befindet. Rund zwei Wochen später folgte ein Überfall auf eine Kenia vorgelagerte Touristeninsel. Die Piraten nahmen eine französische Rollstuhlfahrerin mit, die kurz darauf starb.

Ganz aktuell befinden sich nach Angaben des IMB, das ein Piraterie-Meldesystem unterhält und weltweite Statistiken führt, 172 Geiseln in der Hand somalischer Piraten, dazu zehn Schiffe, von denen niemand weiß, wo sie sind.

Allein 2011 griffen die somalischen Kriminellen 230 Schiffe an, kidnappten erfolgreich 26 davon. Zeitweilig befanden sich 450 Menschen als Geiseln in der Hand der somalischen Piraten, 15 starben bei den Attacken auf ihre Boote. Der ganze Irrsinn des Piraten-Problems wird klar, wenn man weiß, dass dies sogar gute Nachrichten sind: Der Erfolg der kriminellen Banden ist klar rückläufig. Immer mehr Attacken stehen immer weniger Erfolgen gegenüber.

Denn so sieht die andere Seite der bisherigen Jahresstatistik aus: In 13 Fällen konnten die Angriffe entweder abgewehrt oder die Ziele von Marinebooten oder Kriegsschiffen aus wieder befreit werden. "Nur" in einem Fall wurde die gesamte Besatzung getötet, in einem anderen Fall wurde die Crew gekidnappt - am aufgebrachten Schiff waren die Piraten gar nicht interessiert. In nur sieben Fällen gilt als bestätigt, dass Lösegelder bis zu zweistelliger Millionenhöhe gezahlt wurden.

Piraterie ist nicht nur Armutskriminalität, sondern ein lukratives Geschäft

Doch es geht um weit mehr Geld. Einer Studie des in Dubai ansässigen internationalen Beratungsunternehmens Geopolicity zufolge richteten somalische Piraten im letzten Jahr einen Schaden von bis zu acht Milliarden Dollar an, verdienten damit insgesamt bis zu 200 Millionen Dollar. Das erklärt die Motive: Es ist nicht nur der Druck der Armut in dem permanent von Krisen, Katastrophen und politischer Instabilität gebeutelten Land, es ist auch die Aussicht auf relativen Reichtum. Ein Pirat verdient im günstigsten Fall mehr als das 150fache eines Durchschnittssomaliers. Für manche von ihnen geht es um weit mehr als die Sicherung eines Lebensunterhalts.

Das ist eine starke Motivation. Dass die Erfolgsquoten der Piraten sinken, hat darum auch nichts mit einem Nachlassen der Piraten-Aktivitäten zu tun - im Gegenteil. Innerhalb der nächsten zwei Jahre, befürchten Experten, könnte sich die Zahl der Seepiraten sogar noch einmal verdoppeln. Zeitgleich wächst die Brutalität der Vorkommnisse. Anfang 2011 schockierten Piraten damit, dass sie vier Geiseln - vor der Küste von Oman gekidnappte Segler - einfach erschossen und wie Ballast abwarfen, als der Zugriff durch Sicherheitskräfte drohte.

Das provoziert Gegenmaßnahmen. Auf der einen Seite schützen die Reeder ihre Schiffe immer öfter mit Bewaffnung und privaten Wachdiensten, während die westlichen Nationen international koordiniert versuchen, die Seewege mit Kriegsschiffen sicherer zu machen - auch die deutsche Marine ist vor dem Horn von Afrika engagiert. Auf der anderen Seite häuft sich bei den Piraten die schwere Bewaffnung - und auch das Vorgehen wird immer enthemmter.

IMO spricht sich gegen die Bewaffnung ziviler Schiffe aus

Eine "völlig unakzeptable Situation" nannte das Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon im Frühjahr, als die International Maritime Organization IMO der Vereinten Nationen begann, ihre Bemühungen gegen die Piraterie noch einmal zu intensivieren. Ende November endete der 27. Sitzungszyklus der Vollversammlung der Organisation mit einer ganzen Reihe von Resolutionen, die die Aktivitäten der Piraten vor Somalias Küsten noch einmal aufs Schärfste verurteilten.

Das wirkt letztlich zahnlos: Zugleich spricht sich die IMO gegen die Bewaffnung ziviler Schiffe aus, unterstützt die Reeder eher mit "Best Practice"-Ratgebern zum Umgang mit den dortigen Gefahren.

Für Regatten gibt es die noch nicht, aber vielleicht schafft die Volvo Ocean Race gerade welche. So sieht der Plan, der "logistische Alptraum" aus, der die teilnehmenden Boote an der Gefahrenzone vorbeiführen soll:

Das klingt, als müsste man sich zumindest um die Sicherheit der Segler, die angetreten waren, die Welt zu umrunden, also keine Sorgen machen. Und es klingt eben doch wie eine Bankrotterklärung.

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insgesamt 16 Beiträge
1. nop
felisconcolor 10.12.2011
man hätte Abu Dhabi gut aus dem Rennkalender nehmen können. Daran fest zu halten war der letztendliche Bankrott und diese Krücke mit dem Frachter. Die Paris Dakkar hat gezeigt das man auch auf anderen Kontinenten gute [...]
Zitat von sysopDas Volvo Ocean Race gilt als eine der härtesten Regatten der Welt. Am Sonntag startet sie in ihre gefährlichste Etappe: Es geht von Kapstadt nach Abu Dhabi,*quer durch die*schlimmsten Piratengewässer Welt. Die Sicherheitsmaßnahmen sind beeindruckend - und eine Bankrotterklärung. Regatta vor Piratenküste: Schwarzes Loch im Weltmeer - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,802932,00.html)
man hätte Abu Dhabi gut aus dem Rennkalender nehmen können. Daran fest zu halten war der letztendliche Bankrott und diese Krücke mit dem Frachter. Die Paris Dakkar hat gezeigt das man auch auf anderen Kontinenten gute Ralleys veranstalten kann. Auf dem Meer sollte sowas auch möglich sein. Und so lange alle Parteien immer noch dran Glauben, die "armen" somalischen piraten würden ja nur ihre Fischgründe verteidigen, wird sich zu dem Thema nichts tun. Mit Gefühlsduseligkeit schon garnicht. Aber gewisse Leute würden ja lieber hinfliegen und jeden Piraten persönlich in den Arm nehmen zum Trösten. Das hat immer dazu geführt das uns jetzt gewisse Gruppen lachend auf der Nase herum tanzen.
2.
Altesocke 10.12.2011
Haette man bestimmt.Haben sie die Karte gesehen? Wenn die im Roten Meer wieder starten, dann haben sie schlimmers vor sich, als wenn sie direkt von Suedafrika nach abu Dhabi gefahren waeren. Ich hoffe, das im Falle einer [...]
Zitat von felisconcolorman hätte Abu Dhabi gut aus dem Rennkalender nehmen können.
Haette man bestimmt.Haben sie die Karte gesehen? Wenn die im Roten Meer wieder starten, dann haben sie schlimmers vor sich, als wenn sie direkt von Suedafrika nach abu Dhabi gefahren waeren. Ich hoffe, das im Falle einer Entfuehrung dieser Boote, die Verantwortlichen wegen Unterstuetzung organisierter Kriminalitaet angezeigt und verurteilt werden! Das ist weder noetig (Warenstroeme sind es da schon eher), noch verantwortbar. Halten sie nem Junkie sein Produkt unter die Nase, was wird er wohl tun? Richtig, danach greifen!
3. Piraterie
weltsichtig 10.12.2011
Es ist wirklich nicht zu glauben, wie lange wir uns schon von diesen somalischen Piraten auf der Nase herumtanzen lassen. Da fragt man sich schon, wozu die Staaten riesige Floten unterhalten, wenn sie dann nur mit Wattebällchen [...]
Zitat von sysopDas Volvo Ocean Race gilt als eine der härtesten Regatten der Welt. Am Sonntag startet sie in ihre gefährlichste Etappe: Es geht von Kapstadt nach Abu Dhabi,*quer durch die*schlimmsten Piratengewässer Welt. Die Sicherheitsmaßnahmen sind beeindruckend - und eine Bankrotterklärung. Regatta vor Piratenküste: Schwarzes Loch im Weltmeer - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,802932,00.html)
Es ist wirklich nicht zu glauben, wie lange wir uns schon von diesen somalischen Piraten auf der Nase herumtanzen lassen. Da fragt man sich schon, wozu die Staaten riesige Floten unterhalten, wenn sie dann nur mit Wattebällchen werfen und lieber die Piraten solange mit Lösegeldern päppeln, bis diese sich einen eigenen Flugzeugträger leisten können. Vielleicht sollte man sich da wirklich mal ein Vorbild an Pompeius nehmen: Geschichte: Die Römer waren Meister im Anti-Terror-Kampf - Nachrichten Debatte - WELT ONLINE (http://www.welt.de/debatte/article1665063/Die_Roemer_waren_Meister_im_Anti_Terror_Kampf.html)
4. bankrott ist was ganz andres
deccpqcc 10.12.2011
wie auch immer, in jedem fall sollte man m.e. davon absehen weitere piraten zwecks "prozessen" nach D zu bringen. der laufende piratenprozess in HH hat soweit ich weiss bisher kosten von über 300.000 euro [...]
Zitat von sysopDas Volvo Ocean Race gilt als eine der härtesten Regatten der Welt. Am Sonntag startet sie in ihre gefährlichste Etappe: Es geht von Kapstadt nach Abu Dhabi,*quer durch die*schlimmsten Piratengewässer Welt. Die Sicherheitsmaßnahmen sind beeindruckend - und eine Bankrotterklärung. Regatta vor Piratenküste: Schwarzes Loch im Weltmeer - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,802932,00.html)
wie auch immer, in jedem fall sollte man m.e. davon absehen weitere piraten zwecks "prozessen" nach D zu bringen. der laufende piratenprozess in HH hat soweit ich weiss bisher kosten von über 300.000 euro verursacht. und er wird ganz klar dominiert von kruden ansichten welche durch eine wahre industrie von piratenverstehern vorgebracht werden. wer über einen robusten magen verfügt kann ja gern mal googeln.
5. wie bekloppt muss man sein?
rorufu 10.12.2011
Wie bekloppt muss man sein? Wenn die Piraten hier zuschlagen, dann ist das Geschrei riesig. Dann wird bezahlt. Brot und Spiele, es muss halt was besonderes sein. Normal ist nicht genug für diese Deppen.
Zitat von weltsichtigEs ist wirklich nicht zu glauben, wie lange wir uns schon von diesen somalischen Piraten auf der Nase herumtanzen lassen. Da fragt man sich schon, wozu die Staaten riesige Floten unterhalten, wenn sie dann nur mit Wattebällchen werfen und lieber die Piraten solange mit Lösegeldern päppeln, bis diese sich einen eigenen Flugzeugträger leisten können. Vielleicht sollte man sich da wirklich mal ein Vorbild an Pompeius nehmen: Geschichte: Die Römer waren Meister im Anti-Terror-Kampf - Nachrichten Debatte - WELT ONLINE (http://www.welt.de/debatte/article1665063/Die_Roemer_waren_Meister_im_Anti_Terror_Kampf.html)
Wie bekloppt muss man sein? Wenn die Piraten hier zuschlagen, dann ist das Geschrei riesig. Dann wird bezahlt. Brot und Spiele, es muss halt was besonderes sein. Normal ist nicht genug für diese Deppen.

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Maschinengewehre statt Enterhaken
Fernab aller Seeräuberromantik ist die moderne Piraterie eine Form der organisierten Kriminalität. Nach dem Seerechtsübereinkommen von 1982 gelten als Piraterie räuberische oder erpresserische Überfälle auf Schiffe auf hoher See. Angriffe innerhalb nationaler Hoheitsgewässer werden als Strandpiraterie bezeichnet.

Am gefährlichsten sind die Gewässer vor Afrika. Somalia, Nigeria und Tansania sind Schwerpunkte der Angriffe. Vor der Küste Somalias operieren Piraten oft von Mutterschiffen aus, von denen sie auf pfeilschnellen Booten mit Maschinenpistolen und Panzerfäusten bewaffnet zu Raubzügen aufbrechen. Die gekaperten Schiffe werden dann vor die Küste gebracht.
Piratennest Puntland
Puntland ist eine Region am Horn von Afrika, rund 212.000 Quadratkilometern groß, 2,4 Millionen Einwohner. Vor zehn Jahren erklärte sich der trockene Landstrich zum autonomen Teilstaat von Somalia. Tonangebend sind die Stammesstrukturen der Darod, die dort ihr Hauptsiedlungsgebiet haben. Zwei Drittel der Menschen hier sind Nomaden, nahezu alle sunnitische Muslime. Einst lebten sie vom Fischfang vor der 1300 Kilometer langen Küste am Indischen Ozean sowie der Zucht von Kamelen, Schafen und Ziegen.

Gemessen an somalischen Verhältnissen galt die Region bisher als stabil, nach Selbstmordanschlägen auf Regierungsgebäude im Oktober wird aber befürchtet, islamistische Terroristen könnten auch im Puntland Fuß fassen. Inzwischen herrscht auch hier weitgehende Gesetzlosigkeit. Kriminelle Banden verdienten viel Geld mit dem Schmuggel von Flüchtlingen aus Somalia und Äthiopien auf die arabische Halbinsel. Dazu kommen Piratenüberfälle. Die Machthaber von Puntland wurden wiederholt beschuldigt, die Piraten zu unterstützen und einen Teil des Lösegeldes für Schiffe und Besatzungsmitglieder selbst zu kassieren.
Stützpunkte
Das berüchtigtste Piratennest ist Eyl. Gegenwärtig haben Piraten laut Amnesty International nahe der Küstenstadt mehr als 130 Menschen als Geiseln genommen. Insgesamt befinden sich in der Region noch knapp 250 Seeleute und Dutzende Schiffe in der Gewalt der Piraten. Verhandlungen über Lösegeld laufen vielfach.
Lukratives Geschäft
Piraterie in somalischen Gewässern hat sich in den vergangenen Jahren zu einem lukrativen Geschäftszweig ausgeweitet: Erfolgreiche Entführungen bringen nach Schätzungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Lösegelder in Höhe von einer bis fünf Millionen US-Dollar. Der fast 20 Jahren tobende Bürgerkrieg und die damit einhergehende Verarmung und Militarisierung Somalias haben den Angriffen den Nährboden bereitet.
Zunehmende Entführungen
Somalischen Piraten gelingt es immer häufiger, Schiffe in ihre Gewalt zu bringen. Einem Anfang November veröffentlichten Uno-Bericht zufolge wurden trotz des Einsatzes der internationalen Flotte vor der Küste Somalias in den ersten neun Monaten 2011 37 Schiffe gekapert - im Vorjahreszeitraum waren es noch 33.

Es sei "erschreckend", dass die Piraten mittlerweile 438 Besatzungsmitglieder und Passagiere sowie 20 Schiffe in ihrer Gewalt hätten, sagte der Uno-Untergeneralsekretär B. Lynn Pascoe. Es müsse mehr getan werden, um die Ursachen von Raubüberfälle und Entführungen zu beseitigen.

Doch noch ist von einer Lösung keine Spur, im Gegenteil: Die Angriffe werden brutaler. Am 7. November 2011 erschossen somalische Piraten einen Mann, der die von ihnen gekaperte Yacht nicht verlassen wollte. Die anderen Geiseln - darunter eine Frau und ein Junge - wurden Augenzeugen zufolge an Land gebracht. Bislang kam die Tötung von Geiseln selten vor.
Folgen für Reedereien
Die zunehmenden Angriffe haben die Einfahrt ins Rote Meer bereits so unsicher gemacht, dass erste Reedereien Schiffe nicht mehr von dort durch den Suez-Kanal, sondern auf die weit längere Route um das Kap der Guten Hoffnung schicken. So sollen extrem hohe Versicherungsprämien wegen des Piraten-Risikos oder Kosten für eigene Sicherheitsmannschaften an Bord vermieden werden.

Britische Reedereien und Versicherer haben die Idee einer Privatarmee erneut in die öffentliche Diskussion gebracht.
Anti-Piraten-Missionen
Internationale Streitkräfte versuchen im Rahmen der NATO-Mission "Ocean Shield" und der EU-Mission "Atalanta", die Piraterie zu bekämpfen. Doch während die Kriegsschiffe im besonders gefährdeten Golf von Aden zwischen Somalia und Jemen patrouillieren, haben die Seeräuber ihren Aktionsradius zunehmend auf den Indischen Ozean verlagert. Manchmal gelingen allerdings auch Erfolge: Im April 2010 konnte die niederländische Fregatte "Tromp" den deutschen Frachter "Taipan" aus der Hand von Piraten befreien.

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"Atalanta" und Eufor

Die EU-Mission "Atalanta"
An dem Anti-Piraten-Einsatz der Europäischen Union am Horn von Afrika nehmen bis zu 1400 Bundeswehrsoldaten teil. Derzeit sind es rund 240 deutsche Soldaten und die Fregatte "Bremen". Sie sollen gemeinsam mit Soldaten aus anderen europäischen Ländern die Schiffe des Welternährungsprogramms, bei Bedarf auch zivile Schiffe, vor Übergriffen schützen sowie die Seewege überwachen. Der Einsatzbereich umfasst bis zu 500 Seemeilen.

Laut EU-Beschluss lautet das Ziel der Mission: "die Abschreckung, Verhütung und Bekämpfung von seeräuberischen Handlungen und bewaffneten Raubüberfällen". Dazu gehört explizit auch der "Einsatz von Gewalt". Der bislang geltende Einsatz war bis zum 15. Dezember 2009 befristet.
Der Bosnien-Einsatz
Unter den Kürzeln Ifor und Sfor lief bis Ende 2004 der Nato-geführte Bosnien-Einsatz. An der von der Europäischen Union weitergeführten Eufor-Mission "Althea" beteiligt sich die Bundeswehr aktuell mit 120 Soldaten.

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