23.02.2012
Gefängnisse
Rosiger Vollzug
Von Jörg Diehl, Düsseldorf
Rosafarbene Zelle in der JVA Dortmund: Das große Streichen
Das ultimative Mittel des Rechtsstaats gegen aufsässige Kriminelle ist eine Wandfarbe. Der nordrhein-westfälische Justizminister Thomas Kutschaty (SPD) will erproben, ob sich aggressive Vergewaltiger, Mörder und Drogenhändler in einer zartrosafarbenen Umgebung schneller beruhigen als in einer weißen. Entsprechende Feldversuche laufen seit einigen Wochen in den Justizvollzugsanstalten Hagen und Dortmund, deren Leiterinnen großes Interesse an dem Experiment bekundet hatten.
Die Christdemokraten im Landtag, die sich vor Jahren selbst ein flippiges Orange zu Kampagnenzwecken verordnet hatten, können die in ihren Augen unnötigen Farbenspiele in den Gefängnissen nicht recht fassen. So fragte der CDU-Abgeordnete Peter Biesenbach in einem Brief an Kutschaty, ob die Aktion vielleicht ein Karnevalsscherz sei.
Die Bediensteten der JVA Dortmund hätten sich "vehement" gegen den Anstrich ausgesprochen, "da dieser Farbton mit erheblichen Vorurteilen belastet sei", schrieb Biesenbach. Und weiter: Es sei doch davon auszugehen, dass die Unterbringung in einer pinkfarbenen Zelle "gerade in dem vielfach von körperlicher Stärke und aggressiver Männlichkeit dominierten Haftalltag als Demütigung empfunden und im Ergebnis zusätzliche Spannungen auslösen wird".
Andere Länder pinseln auch
Das Ministerium indes reagierte auf die konservativen Anwürfe mit Gelassenheit. In anderen Ländern seien bereits Versuche gemacht worden, die nahelegten, dass rosa gestrichene Zellen aggressionsmindernd wirken könnten, sagte ein Sprecher auf Anfrage. Er wies zugleich die Befürchtungen der CDU-Opposition zurück, wonach die "Pilotversuche Rosa Zellen" demnächst auf alle 37 Haftanstalten in NRW ausgedehnt werden sollen.
Farbpsychologische Experimente sind tatsächlich nicht neu, in den USA veröffentlichte der Wissenschaftler Alexander G. Schauss bereits Ende der siebziger Jahre einen Aufsatz mit dem leicht umständlichen Titel "Der beruhigende Effekt von Farbe reduziert aggressives Verhalten und potentielle Gewalt". Es sei erwiesen, notierte der Forscher darin, dass eine bestimmte Art von Rosa mäßigend auf Menschen wirken könne, die wütend oder aufgebracht seien.
Im US-Bundesstaat Missouri ließ die Justiz bereits 2006 in einer Haftanstalt Zellen für besonders gewalttätige Häftlinge rosa streichen. Und auch die Schweiz experimentiert seit Jahren mit bonbonfarbenen Arrestzellen. "Es wirkt wirklich", sagte der Chef der Bieler Polizei der "Berner Zeitung". Es gebe deutlich weniger Aggressionen gegen Aufseher, bestätigte auch der Gefängnisleiter aus Pfäffikon.
Der berüchtigte Sheriff Joe Arpaio aus dem Bezirk Maricopa County im US-Bundesstaat Arizona setzte hingegen auf feminine Farben, um die Gefangenen bewusst zu demütigen. Er verordnete ihnen Unterwäsche aus rosafarbenem Stoff. Der Grund? Da müsse sich selbst der härteste Macho, erläuterte Arpaio vor Jahren dem SPIEGEL, "wie eine Schwuchtel fühlen."
Baumarktfarbe für zehn Euro
In den nordrhein-westfälischen Haftanstalten wurden zunächst zwei Arrestzellen umdekoriert, in denen besonders aufgebrachte Sträflinge für höchstens einen Tag eingesperrt werden können. Die Räume sind bis auf eine Matte und einen Abort im Boden leer. Nach offiziellen Angaben wurde mit herkömmlicher Baumarktfarbe gestrichen, die insgesamt keine zehn Euro gekostet haben soll.
Generell scheint das Projekt eher der Devise zu folgen: Mal gucken, was das bringt. Eine wissenschaftliche Begleitung des großen Streichens gibt es nicht, dafür sollen nach einer gewissen Zeit die subjektiven Eindrücke des Personals abgefragt werden. "Wenn die Sache keinen Effekt haben sollte, werden wir die Zellen eben wieder in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzen lassen", sagte der Ministeriumssprecher.
"Vollkommen überflüssig"
Der nordrhein-westfälische Landesvorsitzende des Bundes der Strafvollzugsbediensteten, Peter Brock, hält die Farbspiele daher für bloße "Effekthascherei" und für "vollkommen überflüssig". Wichtiger als die Wahl der Wandfarbe sei eine dauerhafte psychologische Betreuung der vielen verhaltensauffälligen Gefangenen. Doch in der Realität käme auf etwa 140 Knackis gerade einmal ein Therapeut. "Das sollte man endlich verbessern, aber das kostet natürlich sehr viel Geld", so Brock.
Außerdem hat der nordrhein-westfälische Strafvollzug gerade ein eklatantes Problem mit der Sicherheit seiner Anstalten. Alleine aus dem Bochumer Knast konnten binnen eines Jahres vier Häftlinge fliehen, der Ausbruchsversuch eines fünften scheiterte nur knapp. Der Justizminister steht seither massiv in der Kritik. Kutschaty habe den Strafvollzug zu Chefsache machen wollen, schimpfte etwa CDU-Politiker Biesenbach. "Wenn das das Ergebnis ist, müssen die Menschen in NRW sich ernsthaft fürchten."
In den Knästen im Westen sind die Zeiten eben nicht vollständig rosig.
Mit Material von dpa