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21.03.2012
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Attentäter von Toulouse

Wer war Mohammed Merah?

Foto: REUTERS/ France 2

Er lebte unauffällig in der Nachbarschaft der jüdischen Schule, die er später attackierte: Mohammed Merah war seit Jahren kriminell, galt aber als harmlos. Sich selbst bezeichnete er als al-Qaida-Kämpfer, der sieben Menschen tötete und weitere Attentate geplant hat. Wer war der Mann?

Toulouse - Mohammed Merah fuhr Auto, ohne einen Führerschein zu haben, Polizisten erwischten ihn dabei. Sie nahmen ihn fest, als er später auf Diebestour ging und gewalttätig wurde. 18 Mal kam er in den vergangenen Jahren mit dem Gesetz in Konflikt, ins Gefängnis musste er zweimal, doch nur für einige Monate, da war er 18 und 20 Jahre alt. Das berichtet "Le Point". Der Inlandsgeheimdienst überwachte ihn, sah aber keinen Grund, den jungen Mann aufzuhalten. Merah war zwar ein Serientäter, aber auch nur ein weiterer Kleinkrimineller auf den Straßen von Toulouse.

Am 11. März fuhr ein Mann mit einem dunklen Motorrad und schwarzem Sturzhelm in Toulouse auf eine Gruppe junger Fallschirmjäger zu und eröffnete das Feuer, ein Soldat starb. Am 15. März trafen Kugeln aus der gleichen Waffe zwei weitere Fallschirmjäger in Montauban, 50 Kilometer entfernt. Am 19. März raste ein schwarz gekleideter Motorradfahrer vor die jüdische Ozar-Hatorah-Schule in Toulouse und schoss um sich, drei Kinder und ein Lehrer starben.

Alles spricht dafür, dass der Mann auf dem Motorrad Mohammed Merah war, 24 Jahre alt, Franzose algerischer Abstammung. Aus dem Kleinkriminellen war ein Attentäter geworden, der Frankreich in Angst versetzte. Die Spitzenpolitiker setzten den Wahlkampf aus, das Land legte eine Schweigeminute ein, und in die Trauer mischte sich die Angst vor weiteren Attentaten des Motorradmörders.

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Anschläge in Südfrankreich: Schüsse vom Motorroller
Entkommen konnte Merah zum Schluss nicht mehr, Hunderte Soldaten umzingelten die Wohnung in einem Toulouser Wohnviertel, in der sich der junge Franzose verschanzt hielt und einen Nervenkrieg mit den Sicherheitskräften führte.

Wer war der Mann, den Nachbarn als sanftmütig beschreiben und der in einer Woche sieben Menschen umgebracht haben soll?

Der Sohn einer Algerierin und eines Franzosen hatte zwei Brüder und zwei Schwestern. Seine alleinerziehende Mutter habe ihre Kinder nach streng islamischen Regeln erzogen, berichtete das französische Magazin "Le Point". Merahs 27-jähriger Bruder Abdelkader arbeitete in dem Gebäude, das die Polizei für mehr als 30 Stunden umstellt hielt. Bei ihm fand die Polizei mehrere hundert Gramm Sprengstoff. Auch er sei vom Inlandsgeheimdienst überwacht worden, da er sich den Salafisten zugewandt hatte und sich bei einer Reise nach Ägypten mit radikalen Islamisten traf.

Die Bewegung der Salafisten strebt einen islamischen Gottesstaat an, manche Anhänger akzeptierten auch den Einsatz von Gewalt, die meisten lebten aber gewaltfrei, sagte Dominique Thomas, Experte für radikalen Islam an der Hochschule EHESS.

Nachts häufig zum Feiern weg

Merah wuchs im Quartier Izards in Toulouse auf, wo er die Ernest-Renan-Schule besuchte. Ehemalige Weggefährten haben ihn als ruhig und höflich beschrieben, wie "Le Figaro" berichtet, Politik oder Religion seien auf dem Schulhof nie ein Thema gewesen. Ein Freund Merahs sagte, der junge Mann sei nachts häufig zum Feiern unterwegs gewesen. "Erst letzte Woche war ich mit ihm zusammen weg."

"Le Figaro" zufolge hatte Merah zudem eine unglückliche Beziehung hinter sich und lebte deshalb in letzter Zeit allein in einer Wohnung. Ein ehemaliger Arbeitskollege erzählte der Zeitung, Merah habe nie einen Bart getragen und nie antisemitische Äußerungen gemacht. Er sei ein zuverlässiger Mitarbeiter gewesen. In den vergangenen Monaten war Merah nach Informationen von "Le Point" arbeitslos. Zuvor hatte er in einer Autowerkstatt als Schlosser gearbeitet.

Noch ist unklar, wann aus Mohammed, dem Kleinkriminellen, ein Mörder wurde. "Le Figaro" berichtet, er habe sich während seiner kurzen Haftstrafen dem radikalen Islam zugewandt. Ein Nachbar habe ihn in letzter Zeit dabei beobachtet, wie er auf einem Fußballplatz in der Nähe seines Hauses betete. Dies habe die Bewohner der Siedlung verunsichert.

2010 habe sich Merah bei der Fremdenlegion im südfranzösischen Toulouse beworben, aber letztlich nicht an den Auswahltests teilgenommen. Zwei Jahre zuvor hatte er es bereits in Lille bei den Bodentruppen der französischen Armee versucht, sagte Oberst Bruno Lafitte. Dort habe er alle Tests absolviert, "aber die Überprüfung seiner Vorstrafen hatte eine Ablehnung seiner Bewerbung zur Folge".

Merah bezeichnete sich selbst als Mitglied der Terrororganisation al-Qaida. Frankreichs Innenminister Claude Guéant bestätigte, der Verdächtige sei Mitglied einer islamistischen Zelle. "Er ist ein Kleinkrimineller, der von Salafisten radikalisiert wurde", so Guéant am Mittwoch. "Er behauptet von sich selber, er sei ein Mudschahedin." Merahs Werdegang sei typisch für einen radikalisierten Muslim, der in seinem Heimatland terroristische Anschläge verübe.

Terrorausbildung in Pakistan

In dieses Bild passt, dass Merah nach Behördenangaben zweimal nach Pakistan und Afghanistan gereist sein soll. In Pakistan habe er wohl eine Terrorausbildung erhalten.

Merahs langjähriger Anwalt zeigte sich vollkommen überrascht, dass sein Mandant ein islamistischer Serienattentäter sein sollte. Der junge Mann sei immer "höflich" gewesen, sagte Christian Etelin am Mittwoch, der den Verdächtigen in einer Reihe von Strafsachen seit 2004 oder 2005 vertrat, vor allem wegen Diebstahls. Mohammed Merah sei ein "sanfter Mensch", sagte der Anwalt in einem Interview mit dem Sender BFM. In seinem Beisein habe er nie über den Islam gesprochen, doch habe er vor zwei Jahren mitbekommen, dass der junge Mann sich "plötzlich radikalisiert" habe und nach Afghanistan gereist sei. Etelin riet seinem Mandanten Journalisten gegenüber, sich der Polizei zu ergeben.

Als Motivation für seine Taten soll der 24-Jährige angegeben haben, er sei wütend auf das französische Militär wegen seiner Einsätze im Ausland. Zudem wolle er Rache für palästinensische Kinder üben, die im Nahen Osten getötet worden seien.

Experten bewerten seine angebliche Mitgliedschaft bei al-Qaida zurückhaltend. Das Terrornetzwerk stecke in einer "tiefen Krise" und habe seit 2005 in Europa keine Anschläge mehr verüben können, sagte Jean-Pierre Filiu, der am Institut für politische Studien in Paris lehrt. Einzeltäter hätten häufig die Tendenz, sich als Teil einer größeren Organisation zu sehen.

Auch werde al-Qaida aus Propagandagründen sicher die Gelegenheit ergreifen und so tun, "als ob diese Operation von einer ihrer Zellen geplant worden sei", sagte Filiu. Tatsächlich sei die Aktionsfähigkeit des Netzwerkes in Europa aber äußerst begrenzt. In Frankreich gab es bisher noch nie einen Anschlag von al-Qaida, zuletzt erschütterte 1995 eine islamistische Anschlagswelle der algerischen Gruppe GIA das Land.

Als die Polizei am Mittwochmorgen die aus Algerien stammende Mutter Merahs zu dessen Haus brachte, verweigerte diese das Gespräch mit ihrem Sohn. "Ich habe zu wenig Einfluss auf ihn", sagte sie.

Am Donnerstagvormittag, nach mehr als 30 Stunden Belagerung, rückte die Polizei auf das Haus vor, in dem sich Mohammed Merah verschanzt hielt. Innenminister Claude Guéant erklärte, dass der mutmaßliche Serienmörder bei dem Zugriff ums Leben kam. Die Polizisten haben demnach zunächst die Türen eingetreten, seien auch durch die Fenster eingedrungen und haben dann das Haus Zimmer für Zimmer durchkämmt. Im Badezimmer habe sich Mohammed Merah versteckt gehalten, er habe mit langen Salven auf die Einsatzkräfte geschossen. Zwei Beamte wurden dabei verletzt. Der Mann sprang dann nach Angaben des Ministers mit einer Waffe aus dem Fenster. Dort sei Mohammed Merah dann tot aufgefunden worden.

jbr/AFP/dpa

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