20.04.2012
Angehörige im Breivik-Prozess
Die unerträgliche Frage nach dem Warum
Von Gerald Traufetter, OsloIm Saal ist es ruhig. Niemand regt sich, keiner schreit auf, schluchzt. Es ist nur diese Stimme im Raum, eine etwas hohe Stimme für einen Mann, sie klingt gleichgültig. So unfassbar gleichgültig wirkt sie, wenn sie von Kopfschüssen erzählt, von einem flehenden Jungen, von Kindern, die sich hinter einem Klavier verstecken.
Drei Reihen hinter Anders Breivik sitzen die Angehörigen der Toten des Massakers von Utøya und die, die den Amoklauf überlebt haben. Aber auch dort nur stille Gesten: Eine Mutter streichelt den Arm ihres Sohnes, ein Vater umarmt seine Tochter, ein Mann seine Frau.
Auf Stuhl Nummer 85 sitzt ein Mann mit einem schwarzen Kapuzenpulli, leicht nach links gebeugt, den Kopf nach unten gesenkt. Stumm lässt er die Worte auf sich einprasseln, die so zynisch klingen, dass sie eigentlich nicht wert sind, wiedergegeben zu werden - wenn es sich nicht um einen Prozess handeln würde, bei dem es um die Strafe für einen 33-jährigen Mann geht, der 69 Menschen erschossen hat.
Kjell Fredrik Lie, der Mann auf Stuhl Nummer 85, drängt nach draußen, als Anders Behring Breivik seine Aussage zu den Morden auf Utøya gemacht hat. "Ich bin erschöpft", sagt er. Lie klemmt sich seine Fantaflasche unter den Arm und dreht sich eine Zigarette. "Ich muss hier raus, ich muss erst einmal rauchen."
"Was passierte dort auf Utøya?"
Seit Montag verfolgt er den Prozess gegen Anders Behring Breivik. Keinen Tag hat er verpasst. Nicht weil er hofft zu verstehen, warum Breivik seine 16-jährige Tochter Elisabeth umgebracht hat. "Er ist ein Wahnsinniger", sagt er auch nach der Verhandlung wieder, "ein Perverser." Da sei nichts zu verstehen, da ist nichts, was die Tat rechtfertigen könnte.
Breiviks vermeintliche Ideologie? Lie schaut verächtlich drein: "Das ist doch alles nur Unsinn. Damit will er doch nur verbergen, dass es ihm Lust macht, Menschen zu töten."
Der fünfte Tag im Verfahren gegen Anders Behring Breivik stand ganz im Zeichen seiner Schilderung des Amoklaufs auf Utøya. Es war schon nach 14 Uhr, als Staatsanwältin Inga Bejer Engh ihn bittet: "Ich will, dass Sie zum 22. Juli zurückgehen. Was passierte dort auf Utøya?"
Breivik wirkt in diesem Moment nervös, er braucht ein paar Sekunden, um seine Gedanken zu ordnen. Vor ihm liegt ein quadratischer Zettel, darauf stehen sechs Worte mit jeweils einem dicken schwarzen Punkt davor. Vier davon sind durchgestrichen. Er sagt einen Satz, den ihm wohl sein Anwalt vorher eingeflüstert hat: "Es werden schreckliche Dinge zu hören sein, und wer das nicht will, der sollte besser weghören."
"Nur Schreie und Krach"
Kjell Fredrik Lie, der Lastwagenfahrer aus Halden, südöstlich von Oslo, hat sich vorbereitet auf diesen Tag. "Ich habe seine Aussagen gelesen und auch das, was er den Psychiatern erzählt hat." Lie hofft verzweifelt, dass man sich an den Schrecken gewöhnen kann - obwohl er weiß, wie schwer es ist: Lie arbeitet noch immer nur halbtags, er schläft nur drei, vier Stunden in der Nacht.
Immer wieder erzählt er an diesem Freitag, wie er den 22. Juli erlebt hat, wie er dabei zuhören musste, wie Breivik seine Tochter Elisabeth erschoss. "Sie war am Telefon, und ich habe nur Schreie und Krach gehört", berichtet er, "und ich rief in den Hörer: 'Wirst du vergewaltigt?'"
Lie saß mit einem Freund im Auto, auch dessen Tochter war auf Utøya. Er rief sie an und erfuhr, dass jemand um sich schießt. Lie versuchte, seine zweite Tochter anzurufen. Auch die war auf Utøya, und er konnte sie nicht erreichen. Erst am nächsten Tag war klar, dass seine Tochter Elisabeth tot und ihre Schwester Cathrine schwerverletzt ist.
Psychologen wissen, dass viele Angehörige die genauen Umstände wissen wollen, unter denen eine nahestehende Person umgekommen ist. "Nichts ist schlimmer, als wenn man sich die letzten Minuten nicht vorstellen kann", sagt die Psychologin Renate Grønvold Bugge, die sich um Utøya-Hinterbliebene und Überlebende kümmert. "Die offenen Fragen zehren sie förmlich auf, sie können nicht mit der Trauer beginnen, solange sie nicht beantwortet sind."
Die Suche nach einem Grund für das Unfassbare
Auch für Kjell Fredrik Lie spielte es eine wichtige Rolle. Elisabeth starb im großen Saal des Cafégebäudes auf Utøya. Breiviks Erinnerungen an diesen Ort sind etwas konfus. Staatsanwältin Engh wird ihm später einen Grundriss zeigen, darauf sind fünf rote Punkte zu erkennen. Jeder rote Punkt steht für einen Toten.
Im großen Saal, daran erinnere er sich wieder, sagt Breivik, sei ihm in einer Ecke eine Gruppe von Jugendlichen aufgefallen. Sie hätten dort vollkommen paralysiert gestanden, wie eingefroren. "Das ist ein Anblick, den sie in Filmen nie zeigen. Das kannte ich gar nicht", sagt er dem Gericht. Er habe sie alle erschossen.
Lies Tochter Elisabeth war in dem großen Saal. Einer der roten Punkte auf dem Grundriss steht für sie. Daneben eine Nummer: 20. Das ist Elisabeth Trønnes Lie, geboren am 9. März 1995.
Jede Geste Breiviks, so ist der Eindruck der Betrachter und vielleicht auch ihre Hoffnung, müsse irgendeine Bedeutung haben. Jede Regung im Gesicht, so der stumme Wunsch der Menschen im Saal, müsse eine Erklärung liefern für die nicht auszuhaltende Frage nach dem Warum.
Aber da sitzt nur ein Mann, der einmal kurz mit Daumen und Zeigefinger an der Nase dreht, der sich an die Schläfe fasst, der an seinem schütteren Haarscheitel zu schwitzen beginnt.
Erleichterung, als das Gericht sich vertagt
Dabei verschweigt er noch nicht einmal, wie er sich fühlte, als er mit dem Schießen begann: "Mein ganzer Körper war wie unter Schock", sagt er. "Da waren Hunderte Stimmen in mir, die sagten, tu es nicht, tu es nicht!" Aber dann habe er gedacht: "In 30 Minuten kommen die Sondereinheiten. Ich muss diese Zeit effizient nutzen. Jetzt oder nie."
Die 200 Menschen im Gerichtssaal sind wie versteinert. Breivik wirkt nicht so, als habe er den Schrecken einfach von seiner Persönlichkeit abgespalten. Er lässt sich dazu befragen, er findet Worte für das Grauen seiner Taten. "Ich wusste, dass es falsch ist, was ich mache", sagt er im Kreuzverhör mit der Staatsanwältin.
"Warum?", fragt Engh.
"Weil es das Schlimmste ist, was man einem Menschen antun kann, wenn man ihn tötet." Doch er habe in dieser Situation keine Möglichkeit gehabt, ethische Überlegungen anzustellen. Er sei einfach nur "im Kampfmodus" gewesen.
Es ist 16.03 Uhr, als Richterin Wenche Elizabeth Arntzen die erlösenden Worte spricht. "Damit hören wir auf. Das Gericht vertagt sich."
Kjell Fredrik Lie wird am Montag wieder zurückkommen, und auch wieder in drei Wochen. Dann tragen die Gerichtsmediziner, die Elisabeth obduziert haben, das Ergebnis ihrer Untersuchung vor.
Mitarbeit: Espen A. Eik

