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18.11.2012
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Tatwaffe der NSU-Terroristen

Die Spur der Ceska

Von Maik Baumgärtner
ddp images / dapd

Ralf Wohlleben, Uwe Böhnhardt: Terroristen und Waffennarren

Sie horteten eine blutverschmierte Jogginghose, machten Fotos ihrer Opfer: Die NSU-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt sammelten Trophäen von ihren Verbrechen. Die wichtigste war die Ceska Zbrojovka 83, mit der sie neun Menschen hinrichteten. Die Pistole wurde über Umwege zur Mordwaffe.

Die Waffe lag im Brandschutt der explodierten Wohnung in der Frühlingsstraße 26 in Zwickau, angekokelt, aber noch schussbereit: die Pistole der Marke Ceska Zbrojovka, Modell 83, Waffennummer 034678, Kaliber 7,65 mm Browning mit aufgeschraubtem Schalldämpfer.

Für die NSU-Terroristen Uwe Mundlos und vor allem Uwe Böhnhardt muss es die Trophäe gewesen sein. Laut einer sogenannten Vergleichsbeschussuntersuchung wurden mit dieser Pistole neun Menschen erschossen, der Erste von ihnen war Enver Simsek am 9. September 2000 in Nürnberg.

Ihn und andere Opfer fotografierten Mundlos und Böhnhardt nach der Tat. Die Bilder bauten sie in ihr Bekennervideo ein, das erst nach ihrer Enttarnung an die Öffentlichkeit gelangte. Der Heilbronner Polizistin Michèle Kiesewetter, die sie ebenfalls getötet haben sollen, nahmen sie die Dienstwaffe ab, außerdem Handschellen, ein Reizstoffsprühgerät, eine Taschenlampe und ein Multifunktionswerkzeug. All das bewahrten sie auf - ebenso wie die Jogginghose, die Uwe Mundlos während der Tat getragen haben soll und an der noch Kiesewetters Blut haftete.

"In der Schweiz ist es kein Problem, Waffen zu kaufen"

Die Ceska Zbrojovka 83 muss für sie eine Art Statussymbol bei ihrem "Untergrundkampf" gewesen sein. Mit der Pistole im Rucksack sollen die beiden mutmaßlichen Rechtsterroristen mordend durch die Republik gezogen sein. Zuletzt wurde mit der Waffe am 6. April 2006 der Internetcafé-Betreiber Halit Yozgat in Kassel erschossen, seither lagerte sie in der konspirativen Wohnung des Terror-Trios: in ihrem Geheimversteck in Zwickau.

Böhnhardt und Mundlos hatten sich die Waffe besorgt, als sie in den Untergrund gingen. Laut Anklageschrift des Generalbundesanwalts sollen sie die Pistole von ihrem rechten Gesinnungsfreund Ralf Wohlleben bekommen haben.

Die Angeklagten im NSU-Prozess

Foto Beate Zsch¿pe
Foto Ralf Wohlleben
Foto Holger G.
Foto Carsten S.
Foto Andr¿ E.

Fotos: BKA/DER SPIEGEL
Und vorher? Wie gelangte Wohlleben an die Waffe? Folgendes lässt sich rekonstruieren:

Die Pistole wurde im Jahre 1993 in die Schweiz exportiert und von der Firma Luxik am 10. April 1996 an die Firma Schläfli & Zbinden (Bern/Schweiz) verkauft. Dort erstand sie der Schweizer Peter G., der sie im Auftrag seines Landsmanns Hans-Ulrich M. beschafft haben soll.

Peter G. sagte den Ermittlern, er habe sich anfangs gewundert, denn "in der Schweiz ist es kein Problem, Waffen zu kaufen". Doch M. habe ihm dann gesagt, dass er sie nach Deutschland verkaufen wolle. "Ich fragte dann, ob es für die Deutschen schwierig sei, an Waffen zu kommen. M. sagte dann, für bestimmte Kreise eben sehr. Weiter erwähnte er noch, dass es nun besser sei, wenn ich jetzt nicht mehr weiter Fragen stellen würde und nichts mehr darüber wissen möchte."

Hans-Ulrich M. bestreitet den Kauf - und die Aussage Peter G.s. Doch die Bundesanwaltschaft ist davon überzeugt, dass M. am Transport der Waffe in den Untergrund beteiligt war. Er wurde bereits 1997 in Deutschland mit einer Waffe und Munition erwischt.

Seit Anfang der neunziger Jahre lebte Hans-Ulrich M. in Thüringen und betrieb dort die Firma Auto-Service-Sidonia, in der aushilfsweise Enrico T. arbeitete. Dieser ging in den neunziger Jahren auf dieselbe Schule, die auch Uwe Böhnhardt und Ralf Wohlleben besuchten. Mit Böhnhardt soll Enrico T. laut Zeugenaussagen Autos geknackt haben.

Mit Hans-Ulrich M. verband Enrico T. mehr als die gemeinsame Arbeit an Autos. Sie teilen der Anklageschrift zufolge bis heute eine intensive Leidenschaft für Waffen, Enrico T. soll ihn bis zuletzt regelmäßig in der Schweiz besucht haben, er bestreitet, etwas mit der Waffenvermittlung zu tun gehabt zu haben.

Enrico T. besaß laut den Ermittlern in den neunziger Jahren eine Maschinenpistole, ein Gewehr, zwei Pistolen sowie einen im Jahr 2004 bei ihm sichergestellten Schießkugelschreiber, den er laut Generalbundesanwalt "mit hoher Wahrscheinlichkeit" von Hans-Ulrich M. haben soll.

"Pumpflinten und Halbautomaten Kaliber 12"

Die Bundesanwaltschaft ist davon überzeugt, dass Jürgen L. aus Jena jene Ceska Zbrojovka 83 von Hans-Ulrich M. kaufte. Auf einem bei ihm beschlagnahmten Datenträger fanden die Ermittler ein Video von einer Feier im Juli 1997, auf der Teilnehmer des Festes "Sieg Heil" rufen. Auch darauf zu sehen sind Uwe Böhnhardt und der ebenfalls angeklagte mutmaßliche NSU-Unterstützer Holger G.

Sichergestellt wurden bei Jürgen L. auch Werbeunterlagen zu "Pumpflinten und Halbautomaten Kaliber 12" einer Schweizer Waffenfirma sowie "verschiedene Dateien, die sich mit chemischen Stoffen befassen, die u. a. zur Verwendung in Spreng- und Explosivmitteln geeignet sind", Auszüge einer Internetseite, die sich mit "Einführung in die Sprengchemie" beschäftigt, und Dateien mit Rechtsrockmusik.

Jürgen L. soll die Ceska Zbrojovka 83 Andreas S., Mitarbeiter eines Neonazi-Ladens in Jena, ausgehändigt haben. Jürgen L. bestreitet das. Andreas S. wiederum gab sie Carsten S. - Ralf Wohlleben hatte ihn mit 2500 D-Mark losgeschickt, um für die Kameraden in der Illegalität eine Pistole zu besorgen.

Als Carsten S. Wohlleben die Waffe überbrachte, soll sie dieser, so steht es in der Anklageschrift, mit Lederhandschuhen ausgepackt, geprüft und den Schalldämpfer darauf geschraubt haben. Anschließend schickte er ihn als Boten nach Chemnitz, wo dieser in einem Abbruchhaus Böhnhardt und Mundlos die Pistole samt Munition übergab.

"Die Übergabe dauerte nur wenige Minuten"

Das ist auch der Grund dafür, dass Wohlleben und Carsten S. wegen Beihilfe zum Mord in neun Fällen angeklagt sind. Carsten S. hat die Waffe in einer Vernehmung im Februar dieses Jahres eindeutig als die identifiziert, die er besorgte - und hat Wohlleben schwer belastet. Dieser schweigt zu allen Vorwürfen.

Andreas S. sagte in seiner Vernehmung im Februar 2012 aus, dass bei ihm ausdrücklich Munition und Schalldämpfer bestellt worden waren. "Die Übergabe selbst fand im Auto statt und dauerte nur wenige Minuten. Ich habe mich dazu auf den Beifahrersitz gesetzt und ihm die Waffe, welche ich selbst zusammen mit der Munition in ein Handtuch eingewickelt und dann in eine Plastiktüte verpackt hatte, übergeben", so Andreas S.

Carsten S. habe die Tüte entgegengenommen und sofort unter seinen Fahrersitz geschoben. "Dann hat er mir das Geld als Bündel übergeben. Ich habe das Geld eingesteckt und bin dann fortgegangen."

Bei seiner Vernehmung zeigte sich Andreas S. laut Ermittlungsakte erst kooperativ, als ein Staatsanwalt ihn darauf hinwies, dass auch Ralf Wohlleben eines Tages sein Schweigen brechen könne. Dann packte er aus: "Ich habe dem die Scheiß-Knarre besorgt!"


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