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02.12.2012
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Blutige Familientragödie

Caspers seltsam netter Vatermörder

Von
AP/ Trib.com

Der Mörder kam mit Messern und einem Bogen ins Community College der US-Kleinstadt Casper: Was zunächst wie der Schul-Amoklauf eines Irren aussah, entpuppt sich als kalt geplanter Mord am Vater und dessen Lebensgefährtin. Alle Beteiligten galten als freundliche, nette Personen.

Casper/Hamburg - Wenige Minuten nach 9 Uhr am Freitagmorgen erhielten Polizei, Feuerwehr und Rettungseinsatzkräfte in der Kleinstadt Casper, Wyoming, einen ersten Notruf. Am örtlichen College habe es einen gewaltsamen Vorfall gegeben, es gebe Opfer.

In einem Land, in dem immer wieder blutige Schul-Amokläufe vorkommen, ist die Reaktion auf einen solchen Notruf bis aufs letzte durchgeplant. Auch Caspers Behörden spielten ihren Notfallplan routiniert durch: Sie sorgten per Alarm-SMS für die sofortige Verriegelung aller Türen im College. Im gesamten Bezirk Natrona, dessen Kreisstadt Casper ist, schlossen die Schulen ihre Pforten. Und alles, was Caspers Sicherheitsbehörden an Mannstärke aufzubieten hatten, raste zum Ort des vermuteten Amoklaufs.

So dauerte es nur Minuten, bis der erste Beamte am Tatort ankam. Was er fand: einen toten Lehrer, mit einem Pfeil quer durch seinen Kopf. Einen jungen Mann, der sich mit mehreren Messerstichen selbst tödlich verletzt hatte. Er starb nur Minuten später.

Kurz darauf fand man am Wohnsitz des toten Lehrers dessen Lebensgefährtin, ebenfalls durch zahlreiche Messerstiche ermordet. Nur wenig später öffneten die Schulen im Bezirk wieder ihre Türen, denn eines war nun klar: Das hier war kein herkömmlicher Amoklauf. Am Samstag gaben die Behörden bekannt, dass die Opfer wohl "in Beziehung zueinander standen".

Mit dem Pfeil im Kopf den Sohn niedergerungen

So kann man das sagen. In der Nacht zum Sonntag wurden die Einzelheiten öffentlich. Demnach war der ermordete Lehrer der Informatiker James "Jim" Krumm, die Frau seine Lebensgefährtin und Kollegin, die Mathelehrerin Heidi Arnold. Auf einem von der Lokalzeitung "Casper Star Tribune" veröffentlichten Foto sieht man sie: Beide sind etwas füllig, wirken wie lebensfrohe Menschen. Er ein bäriger Hüne mit welligem Haar, sie eine kleine Frau mit strahlendem Lachen. An ihrer Schule galten sie als gute, außerordentlich beliebte Lehrer. "Fun" seien sie gewesen, sagte ein Kollege den US-Medien.

Für die Polizei ist Jim Krumm nun auch ein Held, weil er sterbend, mit einem Pfeil im Kopf mit seinem Mörder rang, bis alle Schüler die Klasse verlassen konnten. Kurz darauf waren beide tot, James und Chris Krumm, das Opfer und sein Mörder, Vater und Sohn. Jetzt beginnt das große Rätselraten, was da schief gelaufen war: Alle Beteiligten dieser Familientragödie galten als nette, begabte, angenehme Zeitgenossen. Selbst Chris, der Mörder. Nur ein wenig anders, heißt es nun, sei er schon gewesen.

Chris Krumm, 25, war in Casper aufgewachsen. Knapp 50.000 Einwohner hat Wyomings zweitgrößte Stadt, sie ist ein unspektakulärer, von Industrie-Arbeitgebern lebender Ort. Chris galt als Top-Schüler, nur seine "sozialen Fähigkeiten waren nicht toll", sagte nun eine seiner Lehrerinnen. Trotzdem schien vieles richtig zu laufen für ihn. Nach einem guten Abschluss zog er weg aus Casper, weit fort an die Ostküste. Er zog nach Vernon, Connecticut, 3270 Kilometer weit weg von Casper.

Aber war es nicht ein gut dotierter Job, der ihn dorthin gezogen hatte? Und klang nicht auch das gut?

Nicht alles. Sein Vater und dessen Lebensgefährtin galten als kontaktfreudige Menschen, die gern ihren Spaß hatten. Über Chris heißt es nun, dass er gern ausdauernd lächelte, aber irgendwie ein wenig neben den Dingen gestanden habe.

Christ lebte allein und eigenbrötlerisch

Und Freunde? Gab es offenbar keine. Chris wirkte gut neben seinem Vater, als Einzelperson hatte ihn offenbar aber kaum jemand wahrgenommen. Aber was heißt das schon? Es gibt zahllose nette, stille Menschen, die sich selbst genug sind.

Doch auch in Vernon, erfuhren die Ermittler, kannte ihn so gut wie niemand. Er lebte allein, eigenbrötlerisch, völlig isoliert. Seine Nachbarn sahen ihn zur Arbeit gehen und zurückkommen. Aber was für eine Arbeit? Den gut dotierten Job, der ihn an die Ostküste geführt hatte, hatte er offenbar schnell verloren.

Die Geschichte erscheint vertraut. Der Mörder erscheint nun als junger Mann, begabt, aber sozial isoliert, weil er mit Menschen nicht so recht umgehen kann. Dessen Hoffnungen und Aussichten gerade schwanden. Aber gab es Vorzeichen, Ankündigungen, Hinweise zur Tat?

Jetzt fiel einem Nachbarn ein, den Chris einmal mit dem Auto mitgenommen hatte, dass der quasi Drohungen gegen seinen Vater geäußert habe. Der habe ihm "Asperger vererbt", habe Chris Krumm behauptet, und dass er das nicht hätte tun dürfen. In Rückschau werden auch Kleinigkeiten bedeutend. Aber auch das erklärt nichts.

Die Familientragödie der Krumms war offenbar akribisch geplant. Chris Krumm rüstete sich mit einem extrem kräftigen Bogen und mit zwei Messern. Er setzte sich in seinen Wagen und fuhr rund 30 Stunden quer durch die USA. Am Donnerstag checkte er in einem Motel ein, das genau am entgegengesetzten Ende der Stadt lag, so weit entfernt von seinem Elternhaus wie möglich. Er bezahlte zwei Nächte im Voraus, die Angestellten sahen ihn nach dem Einchecken nicht wieder.

Am Tag darauf fuhr er wohl kurz vor 9 Uhr zum Haus seines Vaters. Heidi Arnold, noch im Schlafanzug, öffnete ihm die Tür und muss ihm entgegengekommen sein: Er begann noch im Vorgarten, auf sie einzustechen. Ihre Flucht ins Haus blieb vergeblich.

Wenige Minuten nach 9 Uhr betrat Chris das Klassenzimmer seines Vaters. Er soll sofort geschossen haben, ein Pfeil bohrte sich Jim Krumm seitlich in den Kopf und drang am anderen Ende wieder heraus. Der bullige Mann starb nicht sofort, sondern griff seinen Sohn an, alle Schüler schafften es aus dem Klassenzimmer. Der Rest ist wieder eine polizeiliche Rekonstruktion: Chris soll erst sich mehrfach ein Messer in den Leib getrieben haben und dieses dann sterbend seinem Vater in die Brust.

Es ist das Protokoll eines offenkundig durchdacht geplanten Doppelmordes durch einen sozial isolierten Täter. Aber es ist kein irrationaler Amoklauf, wie man das sonst kennt. Die Tat erscheint wie ein Racheakt - völlig unabhängig davon, ob es dafür einen echten oder nur einen imaginierten, irren Grund gab.

Am Samstag pries Caspers Polizeichef Chris Walsh James Krumms Tapferkeit als "beispiellos". Sein Heldenmut, den Mörder in Schach zu halten, biete denen, die von der Bluttat betroffen seien, vielleicht einigen Trost.

So etwas sagt man, wenn Menschen nach Amokläufen traumatisiert sind. Es ist besser, als gar keine Erklärung zu haben für das, was so schwer zu begreifen ist.

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