Lade Daten...
04.12.2012
Schrift:
-
+

Prügelattacke auf Linienrichter

Totschlag an der Seitenlinie

Von Benjamin Dürr, Amsterdam
DPA

Vereinsheim von Nieuw Sloten Amsterdam: "Gewalt gehört nicht auf unsere Spielfelder"

Richard N. steht noch einmal auf, doch später bricht er zusammen, sein Gehirn bekommt keinen Sauerstoff mehr, er stirbt. Die Prügelattacke auf den Linienrichter durch jugendliche Kicker schockiert die Niederlande - und passt zugleich in die Entwicklung des Amateurfußballs.

Die Heimmannschaft liegt mit zwei Toren vorne, das Spiel geht dem Ende zu, die Anspannung unter Spielern und Zuschauern steigt mit jeder Minute. Auf dem Feld kämpfen 15- und 16-Jährige um den Sieg, Buitenboys Almere gegen Nieuw Sloten Amsterdam. Eltern stehen am Spielfeldrand, schauen zu und schwätzen.

Es ist ein Sonntagmittag, wie er sich Woche für Woche auf Tausenden Fußballplätzen abspielt. Doch an diesem Tag wird in Almere, einer Stadt nördlich von Amsterdam, alles anders sein.

Richard N., 41, steht am Spielfeld, er war ehrenamtlich eingesprungen. Sein Sohn, 15, kickt mit bei der Heimmannschaft Buitenboys. Später wird deren Vereinsvorstand Rob Mueller sagen, dass es schon während des Spiels innerhalb des Teams von Nieuw Sloten unruhig gewesen sei. Die Partie wurde mehrmals unterbrochen.

Den Gästen gelingt eine Aufholjagd, das Spiel endet 2:2. Nach dem Schlusspfiff gehen mehrere Spieler auf Richard N. zu, so berichten es Zeugen. Die Jugendlichen greifen den Linienrichter an, sie schlagen auf ihn ein und lassen auch nicht von ihm ab, als er auf dem Boden liegt. Einer habe sich mit den Fußballschuhen auf den Kopf des Mannes gestellt, sagte ein Zeuge dem Fernsehsender RTL4. "Danach bekam er drei Tritte in den Bauch."

"Auf einmal sackte er in sich zusammen"

Zuschauer gehen dazwischen, Linienrichter N. sammelt sich, steht auf und geht zum Vereinsheim. "Lass mal, lass mal", soll er gesagt haben. Später findet ein zweites Spiel statt, N. steht als Zuschauer am Rand. "Auf einmal sackte er in sich zusammen", erzählt Vereinsvorstand Rob Mueller, der dabei war. Ein Notarzt kommt, N. wird ins Krankenhaus von Almere gebracht.

"Durch die Tritte war die Blutzufuhr zum Gehirn gestört, das Hirn setzte aus, er konnte auch nicht mehr sprechen", sagt Mueller. Noch am Sonntagabend wird Richard N. in eine neurologische Spezialklinik verlegt. "Man kam an die Stelle aber nicht ran und konnte nicht operieren", erklärt Mueller. Weil das Gehirn keinen Sauerstoff mehr bekommt, wird Richard N. für klinisch tot erklärt.

"Am Montag wurde beschlossen, die Geräte abzustellen." Um 17.30 Uhr stirbt Richard N.

"Am Sonntag war es noch Misshandlung", sagt Vereinsvorstand Mueller. "Jetzt ist es Totschlag." Die Polizei hat bereits drei jugendliche Spieler von Nieuw Sloten in der Hauptstadt festgenommen. Die Staatsanwaltschaft hat jetzt Anklage wegen Totschlags erhoben. Es gehe um zwei 15-jährige und einen 16-jährigen Jungen aus Amsterdam, sagt Sprecherin Brigit Haan. "Sie sitzen in Untersuchungshaft und dürfen zu niemandem Kontakt haben außer zu ihrem Anwalt." Am Donnerstag sollen die Jugendlichen dem Richter vorgeführt werden, berichten niederländische Medien.

Der Verein, in dem die mutmaßlichen Täter spielten, hat alle Trainingseinheiten abgesagt und wird am nächsten Wochenende keine Mannschaft spielen lassen. Auf der Website des SV Nieuw Sloten steht nur noch eine Presseerklärung: Man sei "tief geschockt", schreibt der Vorstand. "Gewalt gehört nicht auf unsere Spielfelder." Die entsprechende Mannschaft werde aus dem Wettbewerb genommen, die drei festgenommenen Jugendlichen seien bereits aus dem Verein geworfen worden.

Zunehmende Aggression im Sport

Trotzdem ist das Problem damit nicht gelöst: Die Niederlande kämpfen, ähnlich wie auch Deutschland, gegen eine zunehmende Aggression im Sport, speziell im Amateurfußball. Am selben Nachmittag beispielsweise wurde nur ein paar Kilometer weiter, in Haarlem, ebenfalls ein Linienrichter angegriffen. In einer Umfrage des Königlichen Fußballverbandes in den Niederlanden (KNVB) gaben 51 Prozent der Spieler, Zuschauer und Schiedsrichter an, schon einmal verbale Drohungen erlebt zu haben, 32 Prozent waren Zeuge von körperlicher Gewalt.

Der niederländische Fußballverband hat im vergangenen Jahr 74 Spieler lebenslang ausgeschlossen, so viele wie noch nie. Erst vor kurzem wurden strengere Strafen eingeführt. Seit Januar gibt es eine landesweite Telefonnummer, um gewalttätige Zwischenfälle zu melden.

"Natürlich fällt auch mal ein hartes Wort, wenn man mit einer Entscheidung des Linienrichters nicht einverstanden ist", räumt Mueller ein. "Aber solch extreme Gewalt haben wir noch nie erlebt." Die Niederlande sind schockiert, am Wochenende sollen Gedenkminuten auf den Fußballplätzen stattfinden.

Niemand könne den tödlichen Angriff nachvollziehen, sagt Mueller, "es gab eigentlich keinen Grund dafür".

MEHR AUF SPIEGEL ONLINE

MEHR IM INTERNET

Verwandte Themen

Artikel

News verfolgen

Lassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
Twitter RSS
alles zum Thema Gewalt im Fußball
RSS
Rubriken

© SPIEGEL ONLINE 2014 Alle Rechte vorbehalten