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11.12.2012
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Bombenalarm in Bonn

Spuren führen in die Salafisten-Szene

Von , Düsseldorf

Wer steckt hinter dem Sprengsatz vom Bonner Bahnhof? Erste Ermittlungen führen die Kriminalbeamten in die islamistische Szene der ehemaligen Hauptstadt. Zwei Männer wurden vorübergehend festgenommen, die Polizei sucht mit einem Phantombild nach dem Bombenleger.

Der Mann, den die Polizei etwas umständlich den "Ableger" nennt, trägt eine dunkle Mütze. Er ist dunkelhäutig, groß und schlank und derjenige, der am Montagmittag einen Sprengsatz am Gleis 1 des Bonner Hauptbahnhofs deponierte - zumindest in der Erinnerung eines 14-Jährigen. Die Ermittler erstellten nämlich aufgrund der Beschreibung dieses Schülers ein Phantombild, das sie nun veröffentlicht haben. Denn ausgerechnet den Bereich, in dem die Bombe platziert wurde, überwachen keine Kameras.

Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE befanden sich in der himmelblauen Sporttasche mit den dunklen Riemen Butangas und Ammoniumnitrat sowie ein Metallrohr, ein Wecker und Batterien. Die Ermittler stuften die Chemikalien als "zündfähiges Material" ein, ob es allerdings tatsächlich hätte gezündet werden können, war nach den ersten kriminaltechnischen Untersuchungen noch unklar. Jedenfalls fiel der Verdacht ziemlich schnell auf die Salafisten der Stadt.

Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen nahmen Beamte am Dienstagmittag um 13.35 Uhr den gebürtigen Somali Omar D., 27, in einem Bonner Internetcafé fest. Auch sein Begleiter wurde festgesetzt, dabei soll es sich um Abdifatah W. handeln. Einem Ermittler zufolge wollen drei Schüler D. und W. am Hauptbahnhof gesehen und auf Fotos identifiziert haben. Die Behörden führten allerdings auch am Dienstag noch beide Personen im polizeilichen Informationssystem lediglich zur "Kontrolle/Beobachtung", laut Staatsanwaltschaft galten sie nicht als tatverdächtig. Am späten Dienstagabend wurden die beiden Männer wieder auf freien Fuß gesetzt.

Fotostrecke

Bombenfund in Bonn: Festnahme und Fahndungsfoto
Omar D. ist ein alter Bekannter der Staatsschützer. Bereits im September 2008 war der damals 23-Jährige auf dem Rollfeld des Flughafens Köln/Bonn geschnappt worden, nachdem er mit seinem Landsmann Abdirazak B. eine Fokker 50 nach Amsterdam bestiegen hatte. Die damalige Festnahme war nach SPIEGEL-Informationen das Ergebnis einer aufwendigen Geheimdienstoperation des Bundesamts für Verfassungsschutz (BfV). Die Ermittler beobachteten seit längerem, wie Islamisten aus Deutschland Richtung Hindukusch aufbrachen, um dort für den Dschihad zu trainieren.

Rasante Radikalisierung

Wochenlang beobachteten die Behörden in der Bonner Region damals eine Gruppe junger Fanatiker um die beiden Deutsch-Somalier, die sich auf den Absprung vorbereitete. Einige hatten bereits ihre Wohnung gekündigt, andere sich von Freunden verabschiedet. Abdirazak B. und Omar D., bei dem Beamte zeitweise sogar den Entzug des Reisepasses erwogen hatten, galten als Vorhut. Sie wollten nach Entebbe in Uganda und von dort, vermuteten die Ermittler, weiter nach Pakistan. Aber auch über einen Anschlag wurde geredet, in Uganda gibt es einige bekannte jüdische Einrichtungen, deshalb waren die US-Regierung und die Israelis alarmiert. Doch schon bald nach ihrer Festnahme waren D. und B. wieder frei.

Nach Informationen des SPIEGEL verlief die Radikalisierung bei Omar D. wohl ziemlich rasant. D. ist deutscher Staatsbürger, ging auf das Berufskolleg Rheine, machte dort sein Fachabitur und studierte an einer niederländischen Universität. Sein Ex-Mitbewohner Michael K. sprach von einem schleichenden Wandel, der 2007 begann. "Gebetet hat Omar schon immer", erinnerte sich Michael, "aber er wurde immer extremer".

Anfangs seien sie noch gemeinsam um die Häuser gezogen und auch mal ins Kino gegangen, doch dann habe sich Omar zunehmend in sein Zimmer zurückgezogen, um auf seinem Laptop arabischsprachige DVDs anzuschauen. Und schließlich habe es den Moment gegeben, wo Michael Omar gefragt hat, ob er "in die Terror-Ecke abgleitet". "Ach, Michi", antwortete Omar nur.

"Gefahrenherde nicht unterschätzen"

Der Vorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK), André Schulz, sagte SPIEGEL ONLINE: "Dieser Vorfall macht deutlich, dass wir bei aller berechtigten Fokussierung auf den Rechtsextremismus auch andere Gefahrenherde nicht unterschätzen dürfen." Die Politik solle deshalb endlich damit aufhören, die Ressourcen der Behörden hin- und herzuschieben und stattdessen eine kontinuierliche Arbeit auf hohem Niveau ermöglichen. Aller Voraussicht nach werden der Generalbundesanwalt und das Bundeskriminalamt die Ermittlungen übernehmen.

Im Sommer 2006 hatten zwei junge Islamisten in Köln zwei in Koffern versteckte Sprengsätze in Regionalzüge gestellt. Weil in den Gasflaschen kein explosionsfähiges Gemisch war, explodierten die mit Zeitzündern versehenen Bomben aus Gas und Benzin aber nicht. Im Mai ging der 26-jährige Murat K. bei einer Demonstration gegen die rechtsextreme Splittergruppe "Pro NRW" in Bonn auf Polizisten los und verletzte zwei von ihnen schwer. Überhaupt gilt die ehemalige Hauptstadt als Schwerpunkt der salafistischen Szene.

In einer persönlichen Schlussbemerkung sagte der Vorsitzende Richter seinerzeit zu K.: "Sie sind der Prototyp des Fanatikers und brandgefährlich."

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