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15.12.2012
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Massaker in US-Grundschule

Erst tötete er seine Mutter, dann erschoss er 20 Kinder

Aus Newtown, Connecticut, berichtet Sebastian Moll
AP/NEWTOWN BEE, SHANNON HICKS

Ein grauenhaftes Verbrechen schockiert die Amerikaner. Der 20-jährige Adam Lanza hat in einer Grundschule im US-Bundesstaat Connecticut 20 Schüler und sechs Lehrkräfte erschossen. Zuvor tötete er seine Mutter Nancy. Die Menschen in dem Städtchen Newtown können die monströse Tat kaum erfassen.

Max Spangia weiß nicht, ob er lachen oder weinen soll. Der stämmige Mann ist von den Gefühlen, die ihn an diesem Abend zerreißen, ganz offensichtlich überwältigt. "Das Wort 'surreal' ist heute sicherlich überstrapaziert worden", sagt er, während er mit feuchten Augen in seiner Holzfällerjacke auf der Veranda der Dorfkneipe in Newtowns Ortsteil Sandy Hook sitzt und an seinem Bier nippt. "Aber anders kann man diesen Tag nicht beschreiben."

Es war ein Tag, wie ihn das 300 Jahre alte, beschauliche Neu-England Dörfchen, in dessen Fahrradgeschäft Max arbeitet, noch nie erlebt hatte. Und am liebsten auch niemals erlebt hätte. Das Grauen hat Sandy Hook an diesem Freitag heimgesucht, in Person eines 20 Jahre alten Mörders, der am Vormittag in der Grundschule des Ortsteils sein blutiges Werk verrichtet hat. Am Ende waren 27 Menschen tot, 20 davon Kinder im Alter zwischen fünf und zehn Jahren, außerdem sechs Lehrkräfte - und der Täter selbst. Sein Name: Adam Lanza.


Massaker an Grundschule: Die Rekonstruktion der Tat finden Sie hier.

"Schockiert und tieftraurig": Reaktionen auf die Tat

Trauer und Gedenken: Fotos aus Sandy Hook


Die erste Meldung über das Geschehen erreichte Max am Vormittag in seinem Laden, während er Räder reparierte. "Ich habe das erst gar nicht ernst genommen", erinnert er sich. Doch im Verlauf des Tages stieg die Zahl der Todesopfer. "Ich habe mich die ganze Zeit gefragt, warum so viele Krankenwagen zur Schule fahren und keiner zurückkommt."

So wie Max geht es an diesem frostigen Dezemberabend der gesamten Bevölkerung von Sandy Hook, eines von fünf Dörfern, die zur Kleinstadt Newtown zusammengefasst sind. So unfassbar ist das, was hier passiert ist, dass die Menschen unfähig zu irgendeiner angemessenen Reaktion sind. "Ich bin einfach nur taub", sagt der Kumpel von Max, Matthew West, ein Maurer aus dem Dorf. Dabei starrt er stumm die Hauptstraße mit ihren putzigen Holzhäuschen hinunter, auf der Übertragungswagen und Einsatzfahrzeuge der Polizei auch am Abend noch Stoßstange an Stoßstange stehen.

"Die haben jeden Fremden, der die Schule besuchte, gründlich durchsucht"

Matthew erfuhr von der Tragödie durch den Anruf seines Bruders, dessen acht Jahre alter Sohn in der Schule war. Vier Stunden lang musste sein Bruder bangen, ob Matthews Neffe nicht auch zu den Opfern gehört. Jetzt ist er wieder sicher zu Hause. "Wir wissen nicht, was er sehen musste", sagt Matthew. "Hoffentlich war es nicht zu schlimm."

Klar ist bisher, dass der Täter kurz nach 9.30 Uhr in der Sandy-Hook-Grundschule das Feuer eröffnete. "Es machte Bang, Bang, ich habe Schreie gehört", schilderte ein Junge die schrecklichen Minuten. Wenig später seien Polizisten und Lehrer in sein Klassenzimmer gestürmt und hätten die Schüler aus dem Raum gedrängt. Sie seien dann in ein nahe gelegenes Feuerwehrhaus gebracht worden.

Eine Mutter schilderte dem Sender WCBS unter Tränen, wie sie mit anderen Eltern angsterfüllt vor der Schule um die Kinder bangte. Die Polizei habe sie nicht in das Gebäude gelassen. "Viele Eltern warteten vor der Schule, alle hofften, dass ihre Kinder noch am Leben sind. Und dann wurde ihnen gesagt, ihre Kinder sind tot."

Wie das alles passieren konnte, kann sich Matthew nicht erklären. "Sandy Hook ist so ziemlich der letzte Ort der Welt, an dem man so etwas erwartet." Ein Dorf, das zur Hälfte aus Alteingesessenen besteht und zur Hälfte aus wohlhabenden Pendlern aus New York, die am Wochenende die Ruhe und den Frieden hier schätzen. Er selbst sei erst vor wenigen Wochen in der Schule gewesen, um der Klasse seines Neffens etwas vorzulesen, sagt Matthew. "Die haben jeden Fremden, der die Schule besucht, gründlich durchsucht. Ich weiß nicht, wie der Typ mit seiner Waffe da reingekommen ist."

Lanzas Mutter zu Hause tot aufgefunden

"Der Typ", das weiß man jetzt, war der 20 Jahre alte Adam Lanza, dessen Mutter als Angestellte in der Schule arbeitete. Die Mutter gehörte zu den Opfern des Massakers. Jüngsten Berichten zufolge soll er die Frau zu Hause umgebracht haben, bevor er sich zur Schule aufmachte.

Laut der Nachrichtenagentur AP war Lanza mit zwei Pistolen bewaffnet, einer Neun-Millimeter-Glock und einer Sig Sauer. In seinem Auto habe die Polizei zudem ein Gewehr vom Typ Bushmaster .223 gefunden. Die Waffen sollen auf die Mutter registriert gewesen sein. Der Nachrichtensender WABC berichtet, der Täter habe eine kugelsichere Weste getragen.

Die Polizei befragte am Freitagabend noch seinen Bruder Ryan, der in New Jersey lebt. Er soll ersten Erkenntnissen zufolge nichts mit der Tat zu tun haben.

Matthew West will den Täter gekannt haben. "Er war ein Junge mit Problemen", sagt er. "Er war autistisch. Seine Eltern hatten große Sorgen mit ihm." Genaueres wollte West nicht verraten. Offizielle Angaben zu den Motiven und Hintergründen der Tat gab es am Abend allerdings noch nicht.

Stumme Zusammenkunft in der Dorfkirche

So genau wollte das an diesem schweren Abend in Sandy Hook aber auch noch niemand wissen. Man hatte genug damit zu tun, mit seinen Gefühlen zurechtzukommen.

So strömten am frühen Abend Hunderte von Anwohnern in die kleine Dorfkirche an der kaum 200 Meter langen Hauptstraße, um eine Andacht zu halten. Es war eine stumme Zusammenkunft, niemand unternahm den vergeblichen Versuch, passende Worte zu finden.

Im Vorraum der Kirche lag ein Stapel Weihnachtsgeschenke, die jemand im Laufe des Tages dort aufgestapelt hatte. Es waren 27 Weihnachtsgeschenke, die niemand mehr abholen wird.

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