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15.12.2012
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Attentäter Adam Lanza

Während des Massakers sagte er kein Wort

Von und Sebastian Moll, Newtown
AP

Er war zurückhaltend, fremdelte mit anderen Personen, wohnte in einer wohlhabenden Gegend: Adam Lanza führte bis zu dem Tag, an dem er 27 Menschen und sich selbst erschoss, ein unauffälliges Leben. Bekannte und Verwandte zeichnen das Bild eines Einzelgängers - der eine ganze Stadt in die Verzweiflung stürzte.

Als es Nacht wird, steht Newtown unter Schock. Das Städtchen in Connecticut hat den schlimmsten Tag seiner Geschichte erlebt. Der 20 Jahre alte Adam Lanza erschoss erst seine Mutter, dann fuhr er in die Sandy-Hook-Grundschule und tötete dort 20 Kinder und sechs Lehrer. Anschließend brachte er sich selbst um. In Newtown herrscht Fassungslosigkeit, in Amerika Wut und Trauer, weltweit Mitgefühl. US-Präsident Obama kann bei einer Pressekonferenz die Tränen nicht zurückhalten.

Die ganze Welt blickt fassungslos auf die unbegreifliche Tat. Wie kommt ein 20-Jähriger dazu, das schlimmste Massaker in den USA in diesem Jahr zu verüben? Wer war Adam Lanza?

Über den Amokläufer von Newtown gibt es bislang nur bruchstückhafte Informationen. Sie fügen sich zum - freilich unvollständigen - Bild eines Einzelgängers, der möglichst wenig im Mittelpunkt stehen wollte und im Umgang mit anderen fremdelte. Laut Zeugen soll er während des Massakers kein Wort gesagt haben.


Massaker an Grundschule: Die Rekonstruktion der Tat finden Sie hier.

"Schockiert und tieftraurig": Reaktionen auf die Tat

Trauer und Gedenken: Fotos aus Sandy Hook


Es gibt nicht viele Fotos von Adam Lanza, nicht einmal für das Jahrbuch seiner Highschool wollte er sich ablichten lassen. "Kamerascheu" steht dort, wo sein Bild sein sollte. Auf dem einzigen bislang veröffentlichen Foto, einem sechs Jahre alten Schnappschuss, starrt Lanza abwesend in den Raum, ein unmotiviertes Grinsen auf den Lippen. Das Bild passt zu dem, was man inzwischen über den stillen, schlaksigen Jungen erfahren konnte.

Matt Baier, ein früherer Mitschüler Lanzas, sagte, dieser habe sich beim Umgang mit anderen Menschen überhaupt nicht wohl gefühlt. Baier saß im Mathematikunterricht in der zehnten Klasse neben Lanza. Dieser habe das ganze Schuljahr über kaum ein Wort gesagt.

Fotostrecke

Bluttat an der Sandy-Hook-Grundschule: Newtown unter Schock
Einiges deutet darauf hin, dass Lanza am Asperger-Syndrom litt, einer bestimmten Form von Autismus. Möglicherweise habe Lanza eine Persönlichkeitsstörung gehabt, berichtete auch Associated Press. Die Nachrichtenagentur berief sich auf Polizeikreise. Der Bericht deckt sich mit Angaben von Adam Lanzas älterem Bruder Ryan. Dieser sagte bei einer Befragung durch die Behörden, bei seinem Bruder sei man von einer Persönlichkeitsstörung ausgegangen. Allerdings habe er zu Adam seit etwa 2010 keinen Kontakt mehr gehabt. Ermittler prüfen, ob Adam Lanza tatsächlich eine Persönlichkeitsstörung hatte - eine Bestätigung gab es am Freitagabend (Ortszeit) noch nicht.

Menschen mit Asperger haben Schwierigkeiten damit, Emotionen anderer zu erkennen. Die sogenannten Spiegelneuronen in ihren Gehirn funktionieren nicht wie bei gesunden Menschen, als Folge davon fühlen sich solche Menschen oft isoliert und einsam. Lanza wurde laut Ex-Mitschüler Baier deswegen nicht gehänselt. "Man ließ ihn einfach in Ruhe."

"Wenn man ihn ansah", erinnerte sich ein Klassenkamerad, "konnte man keine Emotionen erkennen." Ein weiterer ehemaliger Mitschüler bezeichnete Lanza als "eines der klügsten Kinder, dich ich gekannt habe. Er war wahrscheinlich ein Genie."

Olivia DeVivo, die mehrere Jahre mit Lanza zur Schule ging, erzählte der "New York Times", Lanza habe mit der Schule und mit dem idyllischen Örtchen, in dem sie gemeinsam aufgewachsen waren, einfach keine Verbindung herstellen können. Nicht mit einem einzigen anderen Kind habe er jemals eine Freundschaft oder eine nähere Beziehung gehabt. Das bestätigte auch Beth Israel, eine Nachbarin der Familie Lanza. "Er war ein Einzelgänger."

Guter, unauffälliger Schüler

Adam Lanza und sein vier Jahre älterer Bruder Ryan erlebten eine behütete Kindheit. Einer Broschüre des Newtowner Viertels Bennets Farm zufolge zog die Familie aus New Hampshire nach Connecticut.

Vater Peter Lanza war höherer Angestellter beim Elektrizitätskonzern General Electric, die Mutter arbeitete als Kindergärtnerin und Aushilfslehrerin. Die Familie wohnte in einer wohlhabenden Gegend Newtowns. Das zweistöckige Haus an der Yogananda Street in Sandy Hook, in dem die Familie lebte, ist eine liebevoll restaurierte zweigeschössige Villa im Kolonialstil mit einem penibel gepflegten Vorgarten. Sie könnte als Kulisse für eine amerikanische Familienserie aus den fünfziger Jahren dienen. Adam Lanza soll gern Fußball gespielt und Skateboard gefahren sein; zudem soll er Videospiele gemocht haben.


Lanza soll die Sandy-Hook-Grundschule vor Jahren selbst besucht haben. Derzeit gebe es keine Hinweise auf eine aktuelle Verbindung zu der Einrichtung, hieß es aus Polizeikreisen. An der Newtown Highschool war er ein sehr guter Schüler, wie aus mehreren Zeitungsberichten hervorgeht.

2006 ging Ryan Lanza zur Uni - Adam wohnte allein bei den Eltern, deren Ehe kriselte. 2009, Adam Lanza war 17 Jahre alt, ließen sich seine Eltern scheiden. Sein Vater zog aus und heiratete 2011 wieder. Er zog nach Stamford, eine mittelgroße Stadt in Connecticut, die zahlreichen Großkonzernen als Firmensitz dient.

Kein Abschiedsbrief, kein Manifest

Adam Lanza blieb mit seiner Mutter Nancy im Haus in Newtown wohnen. Es liegt etwa 7,5 Kilometer von der Grundschule entfernt. Nach seiner Schulzeit ging Lanza offenbar keiner geregelten Arbeit nach.

Das Auseinanderbrechen der Familie war für ihn anscheinend schwer zu verkraften. Ryan Kraft, ein Nachbar, der öfter auf die Lanza-Brüder aufpasste, berichtete der "New York Times", Adam Lanza habe seither zu heftigen Zornausbrüchen geneigt, "um vieles heftiger" als normale Kinder. Auch seien beide Jungs seit der Trennung "stark depressiv" gewesen. Matthew West, ein Maurer im Ort, der die Familie kannte, sagt, Lanza habe seiner Mutter "große Sorgen" bereitet.

Lanzas Tante Marsha sagte, Adam sei von liebevollen, fürsorglichen Eltern aufgezogen worden, die nicht gezögert hätten, ihrem Sohn psychologische Hilfe zu verschaffen, wenn er sie gebraucht hätte. Lanzas Mutter Nancy hätte sich der Realität nicht verweigert, wenn ihrem Sohn psychologische Beratung empfohlen worden wäre, sagte die Tante.

Adam Lanzas Tat soll bis ins letzte Detail aufgeklärt werden. Präsident Obama hat Connecticut und Newtown dafür jede denkbare Unterstützung zugesagt. Noch sind viele Dinge ungeklärt. Bislang haben sich die Behörden nicht über ein Motiv geäußert. Lanza hatte keine Vorstrafen, hinterließ nach derzeitigem Kenntnisstand keinen Abschiedsbrief oder ein Manifest. Was trieb Adam Lanza also zu seiner Tat?

Mit Material von AP

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