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18.12.2012
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Mordprozess gegen Ex-Bürgermeister

"Herr Scholl hatte nur Sex im Kopf"

Von Julia Jüttner, Potsdam
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dapd

Tötete der ehemalige Bürgermeister von Ludwigsfelde seine Ehefrau? Im Indizienprozess gegen Heinrich Scholl wusste dessen thailändische Geliebte wenig Charmantes über den 69-Jährigen zu berichten - und nutzte ihre Aussage zur regelrechten Abrechnung mit dem Verflossenen.

Ein Wiedersehen mit seiner thailändischen Geliebten dürfte sich Heinrich Scholl anders vorgestellt haben. Mit der Frau, die er gegen seine Ehefrau, mit der er 47 Jahre verheiratet war, eingetauscht hatte. Mit der er eine Hotelanlage am Strand von Thailand aufbauen wollte. Die er mit Zehntausenden von Euro unterstützte. Bis sie ihn abservierte und sich mit einem Anderen vergnügte.

Diese Frau hatte sich ein Wiedersehen indes gar nicht vorgestellt. Dennoch erschien sie am Dienstag vor dem Landgericht Potsdam, um zur Aufklärung in einem Mordfall beizutragen.

Heinrich Scholl steht im Verdacht, seine Ehefrau Brigitte, 68, kaltblütig ermordet zu haben. Er soll sie am 29. Dezember vergangenen Jahres beim Spazierengehen im Wald von hinten mit einem Schnürsenkel erdrosselt, ihr eine Plastiktüte über den Kopf gezogen und auf sie eingeschlagen haben. Auch ihren Cockerspaniel Ursus soll er getötet haben.

Heinrich Scholl, 69, hochgeschätzter Bürgermeister von Ludwigsfelde, das er zum Musterbeispiel für gelungenen Aufschwung im Osten machte, bestreitet den Mord. Es gibt keine Zeugen der Tat, kein Geständnis, keine Beweise. Nur Indizien. Mehr als 40 Personen wurden bereits befragt, ein Beweis für Scholls Täterschaft wurde bislang nicht gefunden.

Unwürdiges Kapitel aus seinem Intimleben

Mit der Ladung der ehemaligen Geliebten galt es herauszufinden, inwieweit die Liaison der beiden bei dem Verbrechen eine Rolle gespielt haben könnte. Zudem sollte die Frau ein Bild von Scholl zeichnen, der bis zu seiner Verhaftung in der Öffentlichkeit stets Vertrauen und einen guten Ruf genoss.

Der Auftritt der Thailänderin am Dienstag schädigte dieses Ansehen nachhaltig: Heinrich Scholl, von Freunden und Weggefährten Heiner genannt, musste peinliche Erzählungen aus seinem Intimleben über sich ergehen lassen. Er tat es betont beherrscht, das Gelächter aus dem Publikum quittierte er mit gelassenem Blick.

Scholl hatte sich im Jahr 2008 von seiner Ehefrau ab- und zwei Jahre später der 33 Jahre jüngeren Thailänderin zugewandt, die er über einen Freund in Berlin kennengelernt hatte. Er setzte laut Ermittlungsakten einen Privatdetektiv auf sie an, bevor er mit ihr eine Beziehung einging.

Die Frau erfuhr erst am Dienstag vor Gericht von der Schnüffelei, erschüttert hat es sie nicht. Ihre Reaktion bestärkte die Annahme, dass es sich für sie mehr um eine Geschäfts- als um eine Liebesbeziehung gehandelt haben muss. Heinrich Scholl habe sie geliebt, ja. Aber sie ihn? "Da bin ich mir nicht sicher", antwortete sie kühl.

Zuwendungen von insgesamt 40.000 Euro

Heinrich Scholl habe ihr in der eineinhalb Jahre währenden Affäre einen Fernseher geschenkt, eine Waschmaschine, eine Küche, Esszimmerstühle. Manchmal habe er auch die Miete übernommen, außerdem ihre 4000 Euro Schulden beglichen. Einmal habe er ihr gar 20.000 Euro auf einen Schlag ausgehändigt. Das 400 Euro teure Portemonnaie, die 400-Euro-Sonnenbrille und der Schal für 400 Euro - das seien Geschenke gewesen. Ebenso die gemeinsamen Reisen nach Thailand und nach Barcelona. Bezahlt habe er ihr auch eine Operation an den Augenlidern.

Insgesamt habe sie Zuwendungen von insgesamt 40.000 Euro erhalten, sagte die Thailänderin am Dienstag. Ihrer Arbeitskollegin gegenüber sprach sie einmal von 70.000 Euro, das könne auch sein, so genau wisse sie das nicht, sagte sie und zuckte gleichgültig mit den Achseln.

Die 36-Jährige, ein aparter Typ, von zierlicher Gestalt, wirkte mit ihrer Brille und dem dunklen Pullunder über der hellblauen Bluse wie eine Studentin. In Wahrheit arbeitete sie als Prostituierte. Der Privatdetektiv hatte ihr bis in ein Berliner Bordell nachspioniert. Im Moment verdiene sie ihr Geld mit Thai-Massagen, sagte sie vor Gericht.

Sie habe von Scholls Ehefrau und die Ehefrau von ihr gewusst. "Er sprach gut von ihr, nur manchmal sagte er: Meine Frau nervt." Scheidung sei nie ein Thema gewesen, auch nicht, als sie ihn während des gemeinsamen Thailandurlaubs ihrer Familie vorgestellt habe. Grundsätzlich habe sie sich nicht dafür interessiert, was er mit seiner Ehefrau besprach, was ihn beschäftigte, was er plante. Es scheint so, als sei er ihr schlichtweg egal gewesen.

"Wenn er sich aber nicht mehr kümmert, ist es vorbei"

Für Heinrich Scholl muss die mehr als vierstündige Aussage seiner Angebeteten eine Lehrstunde gewesen sein: Die Frau, mit der er Pläne schmiedete und wegen der er sich zu peinlichen Ausfällen hinreißen ließ, gerierte sich als berechnende, abgebrühte Person mit klaren Vorstellungen vom Leben an der Seite eines Mannes.

Wenn sich ein Mann um sie "kümmert", dann sei man ein Paar, erläuterte sie. Dann "kümmere" sie sich auch um ihn. "Wenn er sich aber nicht mehr kümmert, ist es vorbei. Dann muss man Schluss machen."

Ergänzend ließe sich noch hinzufügen: Schluss muss man auch machen, wenn sich der Mann zu viel kümmert. Das war nämlich offensichtlich das Hauptproblem zwischen ihr und Heinrich Scholl, den sie wegen der komplizierten Aussprache einfach "Henry" nannte.

"Henry" habe sie kontrolliert, in ihrer Handtasche gewühlt, das Handy überprüft. "Wenn ich keine Lust auf Sex mit ihm hatte, fragte er, ob ich heute schon Sex mit einem Anderen gehabt hätte." Das kam schon mal vor - na und? "In Deutschland ist es doch so, dass Frauen und Männer machen können, was sie wollen, oder?" Scholl aber habe sich in ihr Leben eingemischt, ihr keine "Privatsphäre" gelassen. "Er war nervig", konstatiert sie nüchtern. Und: "Herr Scholl hatte nur Sex im Kopf." Ständig habe er sie angerufen, aufgelegt, angerufen. Am Ende sei sie einfach nicht mehr ans Telefon gegangen: "Er hat zu viel genervt."

Das Thema Größe ist ein großes in Scholls Leben

Wie als Beleg verlas der Vorsitzende Richter einen Brief, den Scholl seiner Freundin geschrieben haben soll. Er war der peinliche Höhepunkt dieses Verhandlungstags: Darin behauptet Scholl, er habe erneut einen anonymen Anruf erhalten, dass sich seine Geliebte mit anderen Männern verlustiere. Wobei er sich einer weitaus ordinäreren Ausdrucksweise bedient und sich zutiefst darüber verletzt zeigt, dass er nicht der einzige Mann im Leben der 36-Jährigen ist.

In dem Brief beschreibt Scholl, wie er einen Nebenbuhler stellte - einen Zwei-Meter-Hünen. Die Körpergröße, ein wunder Punkt für den 1,60 Meter großen Scholl, der von einer Zeitung einmal eine Korrektur eingefordert haben soll, weil ein Redakteur geschrieben hatte, er sei 1,59 Meter groß statt 1,60 Meter. Und weil das Thema Größe ein großes in Scholls Leben sein muss, fabuliert er in dem Schreiben auch noch über die Penisgröße jenes Mitbewerbers. Am Ende droht er seiner Auserwählten und fordert die Zinsen für das geliehene Geld.

Ist einer, der solche Briefe formuliert, auch ein Mörder? Die Thailänderin beließ es bei Andeutungen und berief sich auf Weisheiten aus ihrer Heimat: "In Thailand sagt man: Er lächelt, aber man weiß nicht, was er auf dem Herzen trägt." Heinrich Scholl habe oft gelächelt, aber seine Augen hätten eine andere Sprache gesprochen. "Ich weiß nicht, wie schlecht er ist oder war."

So schlecht aber, dass sie ihm zutraut, nach der Trennung in ihre Wohnung eingebrochen zu sein. Damals seien nur Sachen geklaut worden, die er ihr geschenkt habe. Ja, sie habe Todesangst, beteuerte sie gegenüber dem Sachverständigen. Nur mit Hilfe von Medikamenten könne sie nachts wenige Stunden schlafen. Ihre Verzweiflung wirkte aufgesetzt, und sie sorgte nur für zusätzliche Verwirrung in einem ohnehin komplexen Fall.

Warum hätte Heinrich Scholl seine Frau töten sollen, wenn die Liaison mit seiner Geliebten ohnehin längst beendet war? Warum musste Brigitte Scholl sterben? Fragen, auf die es auch am Dienstag keine Antworten gab.

Forum

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insgesamt 78 Beiträge
1. Niedriger als Bild Niveau
storystory 18.12.2012
Spart Euch doch solche Artikel, das ist nicht wirklich Eure Klasse ! Ich meine davon ausgehen zu dürfen, dass ein Grossteil der Spiegeleser den Spiegel und nicht andere Magazine liest, um eben solche Artikel nicht lesen zu [...]
Spart Euch doch solche Artikel, das ist nicht wirklich Eure Klasse ! Ich meine davon ausgehen zu dürfen, dass ein Grossteil der Spiegeleser den Spiegel und nicht andere Magazine liest, um eben solche Artikel nicht lesen zu müssen. Fehlt nur noch ein Foto von Scholl ohne Unterhose mit Massband...
2. Unglaubwürdig
rwschuster 18.12.2012
anders kann man die Zeugin kaum bezeichnen, wenigstens nach dem Spon Schilderungen.
anders kann man die Zeugin kaum bezeichnen, wenigstens nach dem Spon Schilderungen.
3. Natürlich...
DerNachfrager 18.12.2012
---Zitat--- ...wurden nur Sachen geklaut, die ER ihr geschenkt hatte. ---Zitatende--- Hat sie etwa sonst irgendwas bessessen, was einen Einbrecher interessiert hätte ?
---Zitat--- ...wurden nur Sachen geklaut, die ER ihr geschenkt hatte. ---Zitatende--- Hat sie etwa sonst irgendwas bessessen, was einen Einbrecher interessiert hätte ?
4. "She said" Plan B
Thomas Schröter 18.12.2012
Sofern die weitgehend als emotionslos beschriebene und womöglich psychopathische Prostituierte, die teilweise als "Leihgabe" übergebenen Werte sicher behalten wollte, indem sie den prominenten Geliebten und dessen noch [...]
Zitat von sysopTötete der ehemalige Bürgermeister von Ludwigsfelde seine Ehefrau? Im Indizienprozess gegen Heinrich Scholl wusste dessen thailändische Geliebte wenig Charmantes über den 69-Jährigen zu berichten - und nutzte ihre Aussage als regelrechte Abrechung mit dem Verflossenen. ... Ergänzend ließe sich noch hinzufügen: Schluss muss man auch machen, wenn sich der Mann zu viel kümmert. Das war nämlich offensichtlich das Hauptproblem zwischen ihr und Heinrich Scholl.... Geliebte sagt im Prozess gegen Ex-Bürgermeister von Ludwigsfelde aus - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/geliebte-sagt-im-prozess-gegen-ex-buergermeister-von-ludwigsfelde-aus-a-873405.html)
Sofern die weitgehend als emotionslos beschriebene und womöglich psychopathische Prostituierte, die teilweise als "Leihgabe" übergebenen Werte sicher behalten wollte, indem sie den prominenten Geliebten und dessen noch eine Rechnung offen habende und damit eine potentielle Bedrohung darstellende Ehefrau sicher und dauerhaft entsorgen ließ, läge ein Auftragsmord seitens dieser Geliebten womöglich nach dem im obigen Song aufgezeigten Muster nahe. Folgender Spiegelartikel charakterisiert den entsprechenden Tätertyp: Psychopathologie: Unwucht der Seele - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/spiegel/a-743760.html) Bei einem Politiker käme aber auch eine von Rivalen oder politischen Feinden eingefädelte Venusfalle und komplexe Verschwörung in Betracht. Es stellt sich die Frage wie man als Gericht in einem solchen Fall möglichst effizient Licht ins Dunkel bringen will? Das beste ist wohl potentielle Tatverdächtige als Zeugen so zu vernehmen daß ein prominenter und vermögender Tatverdächtiger in der Rolle des Angeschuldigten (ala Kachelmann) selbst im Eigeninteresse von hochbezahlten Anwälten richtungsweisende Ermittlungsarbeit übernehmen läßt.
5. unglaubwürdig
rwschuster 18.12.2012
was hat sie eigentlich den Mord betreffend bezeugt?
was hat sie eigentlich den Mord betreffend bezeugt?

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