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31.12.2012
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Amoklauf von Winnenden

Vater des Täters will psychiatrische Klinik verklagen

Der Vater des Amokläufers von Winnenden wirft der Klinik für Jugendpsychiatrie Fehler vor, in der sein Sohn untersucht worden war. Die Familie habe von den Ärzten keinerlei Warnhinweise erhalten. Nun will der Mann das Krankenhaus verklagen - es geht um Millionen.

Weinsberg/Winnenden - Der Vater des Amokläufers von Winnenden will gegen das Klinikum in Weinsberg juristisch vorgehen und Zivilklage einreichen. Der Anwalt des Vaters, Erik Silcher, sagte am Montag der Nachrichtenagentur dpa: Er wolle erreichen, dass die Haftpflichtversicherung der Klinik einen Teil der Schadensersatzforderungen übernehmen muss. Es gehe um eine Summe von 8,8 Millionen Euro.

Silcher geht nach eigenen Angaben davon aus, dass erkennbar gewesen sei, dass Tim K. gefährlich war. Wäre die Familie darauf hingewiesen worden, hätte der Amoklauf möglicherweise verhindert werden können. In der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie im Kreis Heilbronn war der Jugendliche wenige Monate vor der Bluttat untersucht worden.

Silcher bestätigte Berichte des Südwestrundfunks und der "Heilbronner Stimme". Beim Landgericht Heilbronn sei ein Klageentwurf eingereicht worden, erklärte der Jurist. Silcher betonte aber, dass der Kläger das Geld nicht für sich wolle. Wenn er Geld zugesprochen bekomme, solle alles an die Geschädigten weitergereicht werden.

Insgesamt 18 Millionen Euro an Schadensersatzforderungen

Die Schadensersatzforderungen der Hinterbliebenen und der Stadt Winnenden (Rems-Murr-Kreis) an den Vater von Tim K. belaufen sich inzwischen auf bis zu 18 Millionen Euro. Der Vater könne diese Summe nicht aufbringen, sagte Silcher weiter. Der Mann habe auch nicht genügend Geld, um die Klage zu finanzieren. Der Anwalt schätzte die Höhe der Kosten auf 200.000 Euro. Deshalb sei auch der Antrag auf Prozesskostenhilfe eingereicht worden. Gleichzeitig habe er die Rechtsschutzversicherung des Vaters vor dem Stuttgarter Landgericht verklagt.

Vor einem Monat hatte in dem neu aufgerollten Prozess gegen den Vater von Tim K. eine wichtige Zeugin für Verärgerung gesorgt. Die Familientherapeutin gab an, dass ihre Erinnerung an Details völlig ausgelöscht sei. So wisse sie etwa nicht mehr, ob der Vater von der Klinik über Tötungsphantasien seines Sohnes informiert worden sei. Die Zeugin begründete die Erinnerungslücken mit einer posttraumatischen Belastungsstörung. Die Frau hatte die Familie des Täters nach dem Amoklauf betreut.

Tim K. hatte am 11. März 2009 in seiner früheren Realschule in Winnenden und auf der Flucht nach Wendlingen (Kreis Esslingen) 15 Menschen und sich selbst erschossen. Die Tatwaffe hatte sein Vater zuvor unverschlossen im Schlafzimmer aufbewahrt. Dafür war er in einem ersten Verfahren wegen fahrlässiger Tötung in 15 Fällen zu einem Jahr und neun Monaten auf Bewährung verurteilt worden. Der Bundesgerichtshof in Karlsruhe kassierte den Schuldspruch aber wegen eines Verfahrensfehlers.

Neuer Vorstoß gegen Waffen

In Bremen hat unterdessen der Innensenator einen neuen Vorstoß gegen Waffen gestartet: Ulrich Mäurer (SPD) will den privaten Waffenbesitz auf ein Minimum begrenzen. Es gehe nicht darum, Sportschützen und Jäger bei der Ausübung ihres Hobbys einzuschränken, sagte der Senator anlässlich des Starts des neuen Nationalen Waffenregisters zum 1. Januar.

Er sehe jedoch keine Begründung, die den Besitz von Großkaliberwaffen mit hoher Durchschlagkraft rechtfertigen könnte. Auch die gesetzlichen Vorgaben für die Aufbewahrung von Waffen und Munition müssten im Interesse der öffentlichen Sicherheit hinterfragt werden.

"Ich setze darauf, dass sich die Mehrheitsverhältnisse im Bundestag im Jahre 2013 so verändern, dass eine Reform des Waffengesetzes Aussicht auf Erfolg hat", sagte Mäurer. Unabhängig davon werde das Bremer Stadtamt die Zahl der Kontrollen 2013 deutlich erhöhen, um so viele Waffen wie möglich aus dem Verkehr zu ziehen.

Der Bundestag hatte die Einrichtung des Registers im April 2012 beschlossen. Deutschland erfüllt damit eine EU-Vorgabe, die bis Ende 2014 umgesetzt werden sollte. Hintergrund sind etwa die Amokläufe von Erfurt und Winnenden. Bundesweit sind 5,5 Millionen legale Waffen bei 1,4 Millionen Waffenbesitzern an das Nationale Waffenregister gemeldet worden, davon rund 16.000 bei knapp 5.400 Waffenbesitzern in Bremen.

cib/dpa

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