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28.01.2013
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Prozess um Mord an Arzu Ö.

Strenge Sitten, tödliche Schüsse

Von , Düsseldorf
DPA

Angeklagter Fendi Ö. mit Anwalt Giesecke und Dolmetscher: Wiederholt geschlagen

Arzu Ö. musste sterben, weil sie einen Deutschen liebte - ihre Geschwister entführten und töteten die 18-Jährige. Doch handelten die Kinder auf eigene Faust? Jetzt muss sich der Vater der Familie wegen Anstiftung zum Mord vor Gericht verantworten.

Fendi Ö. trägt ein schwarzes Hemd, dazu eine grünliche Jacke, Schnurrbart. Er ist ein kräftiger Mann mit akkurat geschnittenen Haaren, leicht angegraut sind sie schon. Ö. ist 53 Jahre alt. Vor ihm haben sich an diesem Montagmorgen Fotografen und Kameraleute aufgebaut, Ö. lässt sich auf der Anklagebank in Saal 165 des Landgerichts Detmold filmen und fotografieren. Er versteckt sich nicht.

Der neunfache Familienvater, der vor etwa 25 Jahren aus einem kleinen Ort im kurdischen Teil der Türkei nach Deutschland kam, ist angeklagt, den "Ehrenmord" an seiner Tochter Arzu Ö. in Auftrag gegeben zu haben, was er jedoch bestreitet. Die junge Frau wurde im November 2011 von fünf ihrer Geschwister entführt und umgebracht. Die Brüder und die Schwester hätten mit der Tat die "vermeintlich verletzte Familienehre wiederherstellen" wollen, sagte der Oberstaatsanwalt in einem ersten Verfahren und sprach von einer "archaischen Tradition". Demnach konnten die Ö.s Arzus Beziehung zu einem Deutschen nicht akzeptieren.

Laut Anklage war Fendi Ö. außer sich vor Empörung, weil Arzu von zu Hause geflohen und den Patriarchen wegen Körperverletzung angezeigt hatte. Da habe Ö. sich entschlossen, seine Tochter umzubringen, so Staatsanwalt Christopher Imig am Montag. Die Familie habe ihn davon abhalten wollen, da habe er seinen Kindern gesagt: "Dann müsst ihr es tun."

Arzu Ö. stammte aus einer großen Familie. "Meiner Ansicht nach schienen sie ein Paradebeispiel für gelungene Integration zu sein", so der Rechtsanwalt Carsten Ernst seinerzeit. Sie hätten an Nachbarschaftsfesten teilgenommen und sich nicht abgekapselt. Auch der Oberstaatsanwalt Michael Kempkes sagte damals: "Sie wirkten sehr gut integriert, arbeiteten, hatten eigene Häuser."

Und doch spielte sich hinter der Fassade etwas ab, wovon ihr Umfeld nichts ahnte. Die Ö.s sind Jesiden, sie gehören zu einer uralten Religionsgemeinschaft, in der man unter sich bleiben will. Eine Heirat mit einem Andersgläubigen führt zwangsläufig zum Ausschluss. Und der 23-jährige Alexander ist kein Jeside.

Freiheitsliebend und aufmüpfig

Arzu war, wenn man so will, das schwarze Schaf der Familie: freiheitsliebend und aufmüpfig, Sinn suchend und schulisch scheiternd, in Frage stellend und herausfordernd. Vor allem aber war die 18-Jährige ganz vernarrt in ihren Alex, einen Deutschen, ihren Kollegen in einer Bäckerei.

Vielleicht hatte Arzu geahnt, worauf sie sich einließ. Im Sommer 2011 wurde, so erinnerte sich eine Bekannte im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, mehr aus der Sympathie. Irgendwann erzählten sie sich im Betrieb von der Beziehung, bald wusste es auch die Familie. "Das Mädchen ist dann bedroht, bedrängt und auch geschlagen worden", so ein Ermittler. Ihre Schwester sagte: "Das könnte fatal werden, wenn Mama das mitbekommt. Dann könntest du dran sein."

Arzu flüchtete in ein Frauenhaus, schnitt sich die Haare ab, färbte sie blond. Eine Bekannte, der sie sich dort anvertraute, berichtete später, die 18-Jährige habe große Angst vor ihren Verwandten gehabt. Sie sei eingesperrt und verprügelt worden, man habe ihr den Kontakt zu Alexander verboten. Demnach sagte Arzu: "Wenn ich verschwinden sollte, bin ich entweder tot oder in der Türkei verheiratet worden." Die Familie suchte nach ihr.

Überfall in der Nacht

Anfang November 2011 tat Arzu dann etwas, was sie das Leben kostete. Vielleicht war die Sehnsucht zu groß, jedenfalls besuchte sie ihren Freund in der Detmolder Talstraße. Es war 1.30 Uhr in der Nacht, als die fünf Geschwister der jungen Frau die Wohnung stürmten. Hatten sie den Bäcker beschattet? Jedenfalls drohten sie laut Anklage mit einer Waffe, brachen dem jungen Mann einen Finger und entführten die Schwester. Kirer, Osman und Sirin Ö. brausten mit dem Opfer davon, Kemal und Elvis fuhren nach Hause.

Elf Wochen später wurde Arzus Leiche an einem Golfplatz in Schleswig-Holstein gefunden, die Frau war mit zwei Schüssen in die linke Schläfe getötet worden. Das Landgericht Detmold verurteilte im Mai 2012 den Todesschützen Osman Ö. zu lebenslanger Haft wegen Mordes und Geiselnahme. Kemal und Elvis Ö. mussten wegen Geiselnahme für fünf Jahre und sechs Monate ins Gefängnis. Sirin und Kirer Ö. erhielten wegen Beihilfe zum Mord und Geiselnahme je zehn Jahre Haft.

Der Vorsitzende Richter Michael Reineke sagte seinerzeit in der Urteilsbegründung. "Es war ein Mord auf Ansage. Wir sind die Letzten, die sagen, dass wir die Wahrheit gefunden haben. An jeder Ecke hatte man das Gefühl, das kann man doch nicht glauben. Uns wurde ein ganz großes Märchen aufgetischt."

Die ganze Schuld

Denn die Kinder nahmen die ganze Schuld auf sich, der Vater der Familie sollte nach ihren Angaben keine Rolle in dem Mordkomplott gespielt haben. Doch dagegen sprachen nicht nur die Lebensumstände, denen zufolge der Patriarch wohl ein ausgesprochen strenges Regiment in seinem Heim führte, sondern auch zahlreiche Telefonate des Entführertrupps in der Tatnacht.

Dennoch weist Fendi Ö. die Vorwürfe zurück. In einer von seinem Anwalt Torsten Giesecke verlesenen Erklärung betont er: "Ich habe nichts mit dem Mord zu tun." Nachdem seine Tochter aus der Familie ausgestoßen worden sei, sei die Sache für ihn erledigt gewesen. Jedoch räumt der Angeklagte ein, Arzu wiederholt geschlagen und unter anderem auch mit einem Stock verprügelt zu haben. Das tue ihm leid, so Ö.

Die Eröffnung eines Hauptverfahrens gegen die Mutter hatte das Gericht mit der Begründung abgelehnt, dass eine Verurteilung nicht wahrscheinlich sei. Die Frau habe aufgrund des kulturellen Hintergrunds der Familie "keine reale Möglichkeit" gehabt, das von dem Vater und einem der Söhne geplante Verbrechen zu verhindern.

Für den Prozess gegen Fendi Ö. sind zunächst vier Verhandlungstage angesetzt. Da der Angeklagte keine weiteren Angaben zu den Vorwürfen machen will und keine Familienmitglieder aussagen möchten, wird ein Indizienprozess erwartet. Das Urteil könnte Anfang Februar verkündet werden.

Mit Material von dapd und dpa

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