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02.02.2013
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Justizskandal in Schweden

Der Serienmörder, der keiner ist

Von
AP

Mehr als 30 Menschen will er umgebracht haben: Thomas Quick alias Sture Bergwall galt jahrelang als Schwedens berühmtester Serienmörder - bis Zweifel auftauchten. Jetzt hat sich ein Gericht erneut mit seinem Fall befasst. Das Ergebnis: Er ist wohl unschuldig.

Hamburg - Thomas Quick war einmal Schwedens berühmtester Serienkiller. Mehr als 30 Menschen will er gefoltert, getötet, zerstückelt haben. Zeitungen, Radio, Fernsehen - alle berichteten über ihn, schwedische Journalisten tauften ihn den Kannibalen.

Für acht Morde, begangen zwischen 1976 und 1988, wurde Thomas Quick verurteilt. Er hatte sie alle gestanden.

Heute nennt Thomas Quick, 1950 geboren, sich wieder Sture Bergwall, diesen Namen hatten ihm seine Eltern gegeben. Er lebt in einem Krankenhaus im schwedischen Säter in der geschlossenen Abteilung. Inzwischen ist er nicht mehr Schwedens berühmtester Serienkiller, sondern der Mann, um den sich einer der größten Justizskandale der jüngeren schwedischen Geschichte dreht. Ein Mann, der rund 5000 Follower auf Twitter hat, die ihm Mut zu sprechen, ihm gratulieren.

"Ich bin unerhört dankbar für diesen Beschluss"

Am Freitag teilte das Oberlandesgericht in Norrland mit, dass drei der Morde, für die Bergwall einst verurteilt worden war, neu verhandelt werden sollen. Bergwall habe teils widersprüchliche Aussagen zum Mord gemacht, schrieb das Gericht in seiner Pressemitteilung. Die zuständigen Richter hätten damals nicht gewusst, wie sich die Angaben von Bergwall im Laufe des Verhörs entwickelt und verändert hatten. Außerdem habe Bergwall während des Verhörs unter starkem Medikamenteneinfluss gestanden, auch darüber seien nun neue Informationen bekannt geworden.

"Das fühlt sich sehr, sehr, sehr gut an", sagte Bergwall dem schwedischen Fernsehsender SVT. "Ich bin unerhört dankbar für diesen Beschluss, und ich habe nicht allein geweint, als er kam, sondern zusammen mit meiner Familie und vielen anderen."

Es sei wahrscheinlich, dass die Anklage fallengelassen wird, berichtet die schwedische Zeitung "Göteborgs Posten". Dann wäre Sture Bergwall kein verurteilter Mörder mehr. Dann wäre er für alle acht Morde nachträglich wieder freigesprochen worden. Denn auch in den anderen fünf Fällen stellte sich im Nachhinein heraus: Es gibt keine Beweise.

Wie konnte das passieren?

Auch wenn Bergwall wohl niemanden umgebracht hat, ist er kein Unschuldiger: 1969 wurde er zum ersten Mal verurteilt, weil er zwei Jungen angefasst hatte. Er kam zunächst in die geschlossene psychiatrische Abteilung. 1974 schlug er einen Mann nieder, berichtet SVT. 16 Jahre später wurde er erneut wegen eines gewaltsamen Überfalls verurteilt. Zu der Zeit gestand er seinen ersten Mord: Er habe den 11-jährigen Johan umgebracht, der 1980 verschwunden war. 1994 wurde in Bergwalls Zimmer im Krankenhaus kinderpornografisches Material entdeckt. Er bekam Psychopharmaka - und gestand nach und nach rund 30 Morde. In Schweden, Finnland, Norwegen und Dänemark. Für acht wurde er zwischen 1994 und 2001 verurteilt.

Es gab keine DNA-Spuren, keine Tatwaffen, keine Augenzeugen

Fünf Jahre später, im November 2006, forderten einige Angehörige der Opfer das Justizministerium auf: Alle Urteile gegen Bergwall müssen für ungültig erklärt werden. Zuvor hatte ein Anwalt die Fälle untersucht, ihm war aufgefallen, dass Beweise manipuliert wurden.

Schließlich nahm sich auch Hannes Råstam, ein anerkannter schwedischer Dokumentarfilmer, des Falls an. Er besuchte Bergwall im Krankenhaus, berichtet "The Guardian", er arbeitete sich durch 50.000 Seiten, Gerichtsdokumente, Therapienotizen, Polizeiverhöre. Sein Fazit: Es gab keine DNA-Spuren, keine Tatwaffen, keine Augenzeugen. Es gab nur die Aussagen von Bergwall, die er teilweise unter dem Einfluss von Betäubungsmitteln gemacht hat.

Als Råstam den vermeintlichen Massenmörder mit seinen Rechercheergebnissen konfrontierte, sagte dieser: Er habe sich die ganze Geschichte ausgedacht. SVT strahlte die Dokumentation aus und Bergwall beantragte für den ersten Mord ein Wiederaufnahmeverfahren. Weitere sollten folgen.

"Ich war eine einsame Person, als das Ganze losging", sagte Bergwall im vergangenen Oktober dem "Guardian". "Ich war an einem Ort mit gewaltsamen Kriminellen, und ich bemerkte, umso schlimmer und gewalttätiger das Verbrechen, desto mehr Interesse gibt es vom Personal." Über die Morde, die er später gestand, war schon berichtet worden. Er informierte sich in Archiven über Details.

Sollte Bergwall nachträglich frei gesprochen werden, will er auf Schadensersatz klagen. Ob das klappt, ist fraglich. Schließlich hat er die Morde gestanden und damit zu dem Urteil beigetragen. Sein Anwalt Thomas Olsson wies in der schwedischen Zeitung "Svenska Dagbladet" allerdings darauf hin, dass sein Mandant in der Klinik einer zweifelhaften Therapie unterworfen worden sei. Die Medikamente hätten starke Nebenwirkungen, Halluzinationen, schwere Depressionen, auch Selbstmordgedanken seien möglich. Auch ist noch nicht klar, ob Bergwall im Falle eines Freispruchs das Krankenhaus verlassen darf: Seine Ärzte sagen laut SVT nein. Der Anwalt will das nicht akzeptieren.

Fest steht nur: Polizisten, Ärzte, Richter haben offensichtlich Fehler gemacht. Die wahren Mörder wurden nicht bestraft. Mit dem Sozialdemokraten Morgan Johansson fordern nun die ersten Reichstagsabgeordneten einen Untersuchungsausschuss.

Und die Angehörigen? "Ich werde das nie vergessen", sagt Anna-Clara Asplund, die Mutter des Jungen Johan, der 1980 verschwunden war. "Ich wurde als Rechthaber bezeichnet", sagt der Vater Björn Asplund. "Ich wurde als Verrückter angesehen, der nicht unterscheiden konnte, was richtig und was falsch ist." Jahrelang hätten sie versucht die Richter davon zu überzeugen, dass etwas gewaltig falsch läuft. Vergebens. "Jemand muss nach vorn treten und sagen: 'Wir übernehmen dafür die Verantwortung'."

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insgesamt 47 Beiträge
1. Name
Janosch 02.02.2013
Bergwall, Bergman, Bergström... wie heißt er denn nun?
Bergwall, Bergman, Bergström... wie heißt er denn nun?
2.
schlechtesgewissen 02.02.2013
was man heutzutage Tage tun muss um gleich als "berühmt" bezeichnet zu werden. hat er einen Oscar erhalten für seine unglaubliche Serie?
was man heutzutage Tage tun muss um gleich als "berühmt" bezeichnet zu werden. hat er einen Oscar erhalten für seine unglaubliche Serie?
3. Kein Serienmörder wohlmöglich
i.v. 02.02.2013
aber ein Kinderschänder! "Auch wenn Bergwall wohl niemanden umgebracht hat, ist er kein Unschuldiger: 1969 wurde er zum ersten Mal verurteilt, weil er zwei Jungen angefasst hatte." Allein dafür soll er im [...]
aber ein Kinderschänder! "Auch wenn Bergwall wohl niemanden umgebracht hat, ist er kein Unschuldiger: 1969 wurde er zum ersten Mal verurteilt, weil er zwei Jungen angefasst hatte." Allein dafür soll er im Gefängnis schmoren!
4. Schaden ??? ersatz
Talan068 02.02.2013
Der will Schadenersatz? Der hat 30 Morde gestanden und ist für 8 verurteilt worden. Offensichtlich sind einige diese Morde keine reine Fiktion, sonst gäbe es jawohl keine Angehörigen. Selbst wenn er die Morde nicht begangen [...]
Der will Schadenersatz? Der hat 30 Morde gestanden und ist für 8 verurteilt worden. Offensichtlich sind einige diese Morde keine reine Fiktion, sonst gäbe es jawohl keine Angehörigen. Selbst wenn er die Morde nicht begangen hat, was ja noch lange nicht feststeht, so hat er die wahren Mörder gedeckt und vllt. weiter Morde ermöglicht. Und er hat die Justiz in die irre geführt .... Vllt. ist er wirklich nicht der Mörder, aber Schadenersatz hat er nicht verdient.
5.
weserwasser 02.02.2013
Der Kerl kann sich freuen das er in Schweden lebt gibt ja immer noch Länder , die fackeln nicht lange mit Todesurteilen und deren Vollstreckungen , Möchte echt nicht wissen wie viele unschuldige , durch gerichtliche [...]
Der Kerl kann sich freuen das er in Schweden lebt gibt ja immer noch Länder , die fackeln nicht lange mit Todesurteilen und deren Vollstreckungen , Möchte echt nicht wissen wie viele unschuldige , durch gerichtliche Todesurteil ums leben gekommen sind , auch wenn unschuldige mit einer freiwillige lüge , selbst dazu beitragen Finde Todesurteile darf es einfach nicht geben ,

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