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06.02.2013
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Bunker-Drama

Rätselraten über Motive des Geiselnehmers

DPA/FBI

Was trieb den Kidnapper von Alabama? Nach dem blutigen Ende des Bunker-Geiseldramas herrscht Unklarheit über die Motive des Täters. Fast eine Woche lang hatte der sich mit dem fünfjährigen Ethan in einem Schutzraum verschanzt - womöglich nur, um ins Fernsehen zu kommen.

Am Ende ist es eine List, mit der die FBI-Beamten in Midland City den fünfjährigen Ethan aus den Händen seines Kidnappers befreien. Sechs Tage lang hatte sich der Vietnamveteran Jim Lee Dykes mit dem Jungen in einem selbstgebauten Bunker verschanzt, 1,20 Meter unter der Erde. Als der Geiselnehmer schließlich am Montag (Ortszeit) über eine Leiter aus dem Verlies klettert, um Vorräte entgegenzunehmen, schlagen die Beamten zu - nach Angaben von CBS News verwirren sie den bewaffneten Mann mit zwei Blendgranaten, nach einem kurzen Schusswechsel ist er tot. Einsatzkräfte hasten in den Bunker und befreien den kleinen Ethan - er ist unversehrt.

Vage sind bis heute die Angaben dazu, wie genau sich die dramatischen letzten Minuten in Dykes' Leben abgespielt haben. Und noch viel weniger weiß man bisher darüber, wie der 65-Jährige überhaupt dazu kam, ein Kind zu entführen und den Menschen zu erschießen, der sich ihm dabei in den Weg stellte.

Bekannt ist bisher vor allem der Beginn des Geiseldramas: Am vergangenen Dienstag betritt Dykes einen Schulbus und verlangt vom Fahrer nach Angaben des TV-Senders CNN "zwei Kinder". Nur weil sich ihm Busfahrer Charles Albert Poland in den Weg stellt, können mindestens 21 Kinder durch die Hintertür ins Freie fliehen.

Dykes greift zur Waffe und erschießt den 66-jährigen Poland, bevor er Ethan packt und in eine Art Schutzbunker verschleppt. Für den kleinen Jungen beginnt ein mehrtägiger Alptraum, und das 2400-Einwohner-Städtchen Midland City, gelegen zwischen Erdnussfeldern und Baumwollplantagen, wird Schauplatz eines Geiseldramas, das sich theoretisch wochenlang hinziehen könnte - niemand weiß zu diesem Zeitpunkt, wie viele Vorräte Dykes in seinem Erdloch gebunkert hat. Mit den Ermittlern kommuniziert er nur über ein Lüftungsrohr aus Plastik, das aus dem Bunker herausragt.

Tagelang schweigt die Polizei über den Stand der Verhandlungen. Motive und Forderungen des Entführers werden nicht bekannt. Nur wenige Details dringen nach außen: Bei dem Fünfjährigen sei das Aspergersyndrom diagnostiziert worden, er benötige täglich Medikamente, heißt es bald. Im Bunker gebe es keine Toilette, berichtet die Zeitung "USA Today", dafür aber fließendes Wasser, eine Heizung und Kabelfernsehen. Dykes erlaubt, dass Medizin für den Jungen in den Bunker herabgelassen wird, zusammen mit einem Spielzeugauto und einem Malbuch.

Nachbarn beschreiben Dykes inzwischen als psychisch labilen Sonderling, als bedrohlichen Menschen. Einen Hund soll er einst mit einem Bleirohr totgeschlagen haben; auf seinem Grundstück habe er nachts patrouilliert, mit einer Taschenlampe und einer Schusswaffe in der Hand. Nach Angaben des Fernsehsenders CBS soll es der Wunsch nach Aufmerksamkeit gewesen sein, der Dykes zu seiner Tat trieb. In Verhandlungen mit der Polizei habe er gefordert, fürs Fernsehen interviewt zu werden - offenbar auch, um öffentlich gegen die Regierung in Washington zu wettern.

Nach sechs Tagen im Bunker ist Dykes am vergangenen Montag mit seinen Kräften am Ende: Die Verhandlungen mit der Polizei geraten ins Stocken. "Während der ersten paar Tage war er verträglich und hat sich um das Kind gekümmert", zitiert CNN hinterher einen Ermittler. "Vielleicht wuchs in ihm die Erkenntnis, dass die Sache für ihn kein gutes Ende nehmen würde." Als er mit einer Pistole fuchtelt - das FBI schweigt darüber, mit welchen technischen Hilfsmitteln es den Raum überwacht hat -, geben die Ermittler ihre Verhandlungstaktik auf. Sie stürmen den Bunker und erschießen den Mann.

Zeugen sagen CNN: "Ich hörte einen lauten Knall, und dann glaube ich, dass ich Gewehrschüsse gehört habe." Die Polizei äußert sich nicht direkt dazu, ob der Junge mit ansehen musste, wie sein Entführer getötet wurde. "Er ist ein sehr besonderes Kind, er hat viel durchgemacht und viel ausgehalten", sagte ein Ermittler dem Fernsehsender.

Ohne weiteres hätte das Geiseldrama von Midland City mit einem Blutbad enden können. Im Lüftungsrohr und im Bunker hatte Dykes jeweils einen Sprengsatz gelegt; inzwischen konnten Einsatzkräfte beide unschädlich machen.

Dem kleinen Ethan, der am heutigen Mittwoch sechs Jahre alt wird, scheint es den Umständen entsprechend gut zu gehen. Wie CBS unter Berufung auf Angehörige und den Sheriff von Dale County berichtet, verhält er sich wie ein ganz normaler Junge: Er spiele mit Actionfiguren und einem Spielzeugdinosaurier, er esse Truthahnsandwiches und schaue im Fernsehen "Spongebob Schwammkopf". Behördenangaben zufolge gibt es keine Anzeichen dafür, dass Dykes ihm körperlich etwas angetan hat.

Zu Ethans Geburtstag an diesem Mittwoch will ihm seine Schule eine Party ausrichten. Bei der Feier soll auch Charles Albert Poland gedacht werden - jenes Busfahrers, der bei der Geiselnahme zwei Dutzend Kinder schützen wollte und dafür sterben musste.

rls/dpa/ap

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