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15.02.2013
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Todesschüsse auf Freundin

Pistorius spricht von schrecklicher Tragödie

Von Benjamin Dürr, Pretoria
Foto: REUTERS

Die Staatsanwaltschaft wirft Oscar Pistorius Mord vor. Doch der Spitzensportler hat die Schuld am Tod seiner Freundin Reeva Steenkamp bestritten. In Südafrika lenkt der Fall die Aufmerksamkeit auf ein riesiges Problem: Gewalt gegen Frauen.

Auf dem Rücksitz des Polizeigeländewagens konnte Oscar Pistorius sich noch unter einer Jacke verstecken. Später, in Saal C des Gerichts in Pretoria, stand der Mann ungeschützt vor der Weltöffentlichkeit. Er hörte, der Staat Südafrika klage ihn wegen Mordes an. Dann begann er zu schluchzen und vergrub das Gesicht in seinen Händen. Kameras klickten.

Oscar Pistorius, einer der bekanntesten Sportler der Welt, soll am Valentinstag seine Freundin erschossen haben, das Model Reeva Steenkamp. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der 26-Jährige sie vorsätzlich getötet hat. Pistorius bestreitet den Mordvorwurf "auf das Schärfste", wie es in einer Mitteilung heißt. Der Fall sei eine "schreckliche, schreckliche Tragödie".

Am Dienstag soll der Haftrichter in Pretoria entscheiden, ob Pistorius auf Kaution freikommt. Bis dahin wird er in der Zelle einer Polizeiwache festgehalten und nicht in ein Gefängnis verlegt.

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Mordvorwurf gegen Sportstar: Der Fall Pistorius
Gewalt, besonders gegen Frauen, ist in Südafrika allgegenwärtig - und Waffen sind es auch: Geschätzte sechs Millionen Handfeuerwaffen sind im Umlauf. Täglich werden in Südafrika fast 50 Menschen ermordet. Der Großraum Johannesburg und Pretoria gilt als einer der gefährlichsten Orte der Welt. Alle acht Stunden werde eine Frau von ihrem Lebensgefährten getötet, so die Anti-Waffen-Bewegung "Gun Free South Africa".

Steenkamps Tod wühlt Südafrika auf. Manche glauben, Pistorius habe - so wie früh in südafrikanischen Medien berichtet - seine Freundin möglicherweise mit einem Einbrecher verwechselt und versehentlich getötet. Doch viele glauben nicht an ein Versehen. Bisher sind nur wenig Fakten bekannt: Reeva Steenkamp wurde am Donnerstag tot aufgefunden; die Tatwaffe ist auf Oscar Pistorius zugelassen, der mit Steenkamp wohl allein im Haus war. Und: Die Polizei war schon einmal wegen eines Zwischenfalls gerufen worden.

Inzwischen entsteht ein Bild von Pistorius, das im Widerspruch zur bisherigen öffentlichen Wahrnehmung steht. An seinem Bett habe stets ein Baseballschläger gestanden, berichteten südafrikanische Medien. Wenn er nachts nicht schlafen konnte, habe er Schießen geübt.

Er wurde als "Blade Runner" gefeiert

Pistorius galt in Südafrika als Held und weltweit als Inspiration für Menschen mit Behinderung. Er trat als erster beidseitig amputierter Sportler bei den Olympischen Spielen an, holte 2012 bei den Paralympics Gold und stellte einen paralympischen Rekord auf. Er wurde als "schnellster Mensch ohne Beine" und "Blade Runner" gefeiert.

Es geht inzwischen aber nicht mehr nur um den Absturz eines Sporthelden und den tragischen Tod eines Models - sondern um Gewalt gegen Frauen in einem viel größeren Zusammenhang. Im Onlineportal Daily Maverick schreibt Rebecca Davis, Pistorius' Heldenstatus dürfe nicht blind machen. Die Fakten deuteten auf eines hin: "einen grausamen Akt häuslicher Gewalt". Südafrika ist verrückt nach Helden und nach Sport. Davis schreibt, Athleten würden als die "männlichsten Männer" gefeiert. Aggressive, testosterongesteuerte Männlichkeit habe einen hohen Stellenwert.

Oscar Pistorius' Freundin sei nur eine von rund 2500 Frauen, die jedes Jahr in Südafrika ermordet würden, sagte Lerato Moloi vom Institute of Race Relations. Sie hoffe, dass nun das Problem der Gewalt gegen Frauen zum Thema werde, erklärte Moloi der Tageszeitung "Mail&Guardian".

Erst vor ein paar Tagen löste der Fall von Anene Booysen Entsetzen aus. Das Mädchen war von einer Gruppe Jugendlicher um ihren Ex-Freund vergewaltigt worden. Sie wurde so schwer verletzt, dass sie wenig später starb. Seither ist das Land nicht mehr zur Ruhe gekommen. Frauen haben zum "BlackFriday" aufgerufen, um an Anene Booysen zu erinnern.

Auch Reeva Steenkamp, die getötete Freundin von Oscar Pistorius, engagierte sich gegen sexuelle und häusliche Gewalt: "Tragt schwarz im Kampf gegen Vergewaltigung und Frauenmissbrauch #blackfriday", twitterte sie. Wenig später war sie tot.

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insgesamt 52 Beiträge
1. optional
neoptolemos 15.02.2013
also jedes Jahr 50x365 Morde, das sind 18.250 Morde, davon 2500 Frauen, demnach ist die Wahrscheinlichkeit für eine Mann, ermordet zu werden, 6,3 mal so hoch wie für eine Frau. Aber natürlich, das Land hat vor allem ein [...]
also jedes Jahr 50x365 Morde, das sind 18.250 Morde, davon 2500 Frauen, demnach ist die Wahrscheinlichkeit für eine Mann, ermordet zu werden, 6,3 mal so hoch wie für eine Frau. Aber natürlich, das Land hat vor allem ein Problem mit Gewalt speziell gegen Frauen, leuchtet ein.
2. Das schlimmste
ratxi 15.02.2013
Sollte s tatsächlich eine von ihm nicht beabsichtigte schreckliche Tragödie sein, ist es wohl das allerschlimmste, was passieren kann, seine Frau zu verlieren und im Anschluss dann eine Mordanklage zu bekommen. So oder so, [...]
Zitat von sysopREUTERSDie Staatsanwaltschaft wirft Oscar Pistorius Mord vor. Doch der Spitzensporter hat unter Tränen die Schuld am Tod seiner Freundin Reeva Steenkamp bestritten. In Südafrika lenkt der Fall die Aufmerksamkeit auf ein riesiges Problem: Gewalt gegen Frauen. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/fall-pistorius-reeva-steenkamps-tod-erschuettert-suedafrika-a-883691.html
Sollte s tatsächlich eine von ihm nicht beabsichtigte schreckliche Tragödie sein, ist es wohl das allerschlimmste, was passieren kann, seine Frau zu verlieren und im Anschluss dann eine Mordanklage zu bekommen. So oder so, alles richtig blöd gelaufen.
3. Südafrika und Gewalt....
keksguru 15.02.2013
wenn man mal bedenkt, daß viele Südafrikaner heute noch glauben, daß eine lesbische Frau mit einem "corrective rape" kuriert werden kann.... man legal Selbstschußanlagen und Säureduschen zum Eigentumsschutz [...]
wenn man mal bedenkt, daß viele Südafrikaner heute noch glauben, daß eine lesbische Frau mit einem "corrective rape" kuriert werden kann.... man legal Selbstschußanlagen und Säureduschen zum Eigentumsschutz installieren darf... dann ist also das Model so ganz von alleine von den umherirrenden Kugeln viermal getroffen worden. Zwei Personen halten sich über Nacht in einer Villa auf, deren Umrandung so schwer zu durchdringen ist wie die Berliner Mauer und am nächsten Tag spricht Herr P. von einem Unglück? Man darf abwarten wie das asugeht. Es OJSimsont gerade wieder!
4. @neoptolemos
ijf 15.02.2013
Ich vermute, da wurde auf Basis mangelhafter Informationsverarbeitung im Artikel ein falscher Schluss gezogen - mit ein wenig Logik kann man(n) auch eine andere Schlussfolgerung ziehen: allein in der Gross-Stadt Pretoria wird alle [...]
Ich vermute, da wurde auf Basis mangelhafter Informationsverarbeitung im Artikel ein falscher Schluss gezogen - mit ein wenig Logik kann man(n) auch eine andere Schlussfolgerung ziehen: allein in der Gross-Stadt Pretoria wird alle 8 Std eine Frau von ihrem Lebensgefaehrten getoetet. Also 3x365=1.095 im Jahr nur in Pretoria. Das legt die Annahme nahe, dass die genannte Opferzahl von 2.500 getoeteten Frauen im Jahr "nur" die von ihren Lebensgefaehrten Ermordeten abbildet. Frauen werden aber auch in anderen Tatsituationen Opfer toedlicher Gewalt (Raub, Vergewaltigung, Ueberfall, etc)...
5. falscher Ansatz
hollo43 15.02.2013
müsste man nicht die Anzahl der durch Sexualdelikte oder Partnerschaftsstreitigkeiten (durch Frauen) umgekommenen Männer dagegen rechnen? Sind eventuell erheblich weiniger, als die 2500 Frauen.
Zitat von neoptolemosalso jedes Jahr 50x365 Morde, das sind 18.250 Morde, davon 2500 Frauen, demnach ist die Wahrscheinlichkeit für eine Mann, ermordet zu werden, 6,3 mal so hoch wie für eine Frau. Aber natürlich, das Land hat vor allem ein Problem mit Gewalt speziell gegen Frauen, leuchtet ein.
müsste man nicht die Anzahl der durch Sexualdelikte oder Partnerschaftsstreitigkeiten (durch Frauen) umgekommenen Männer dagegen rechnen? Sind eventuell erheblich weiniger, als die 2500 Frauen.

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