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21.02.2013
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Tod von Reeva Steenkamp

Starteam kämpft für Oscar Pistorius

Von Simone Utler
Foto: AFP

Der Chefermittler ist demontiert, Oscar Pistorius' Verteidigung gewinnt an Boden: Der unter Mordverdacht stehende Sportler beschäftigt mehrere Anwälte, einen PR-Mann, einen eigenen Forensiker. Sie sollen helfen, Pistorius' Glaubwürdigkeit zu untermauern - denn die ist alles entscheidend.

Pretoria - Die Faktenlage ist noch dünn, es gibt keine Zeugen, dafür zwei Versionen der Geschehnisse aus ein und derselben Nacht. Der Nacht, in der Oscar Pistorius seine Freundin Reeva Steenkamp erschossen hat. Für Pistorius, der bereits den tiefen Fall vom Sportidol und Nationalhelden zum Mordverdächtigen hinter sich hat, ist es immens wichtig, dass ihm seine Version der Nacht geglaubt wird. Es ist seine einzige Chance auf eine mildere Strafe.

Es sei eine tragische Verwechslung gewesen, sagt der Angeklagte. Es sei Mord gewesen, so die Staatsanwaltschaft, Pistorius habe die 29-Jährige vorsätzlich erschossen.

Zu seiner Unterstützung hat Pistorius eine ganze Armada hochkarätiger Experten angeheuert. Vom ersten Tag an der Seite des Sportlers steht der erfahrene Johannesburger Anwalt Kanny Oldwage, der erst im November 2012 einen aufsehenerregenden Fall gewonnen hat. Oldwage verteidigte den Mann, in dessen Auto im Juni 2010, kurz vor Beginn der Fußball-WM in Süafrika, Nelson Mandelas 13-jährige Enkelin Zenani bei einem Unfall gestorben war. Der betrunkene Fahrer hatte die Kontrolle über seinen Wagen verloren und wurde wegen fahrlässiger Tötung, rücksichtslosen Fahrens und Alkohols am Steuer angeklagt. Oldwage erreichte, dass sein Mandant von allen Vorwürfen freigesprochen wurde - aus Mangel an Beweisen.

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Oscar Pistorius vor Gericht: Verteidigunsgteam gegen Ermittlungsbehörden
Will Oldwage diese Strategie auch in Pistorius' Fall verfolgen? Bisher argumentierte die Verteidigung, dass die Ermittler dem 26-Jährigen keinen Vorsatz nachweisen können. Pistorius habe einen Einbrecher im Haus vermutet und deswegen auf die verschlossene Badezimmertür gefeuert. Dass er seine Freundin getroffen habe, habe er erst später gemerkt, behaupten Angeklagter und Anwälte.

Verteidiger Roux gilt als "juristische Waffe"

Um auch mit Fakten argumentieren zu können, gehört zum Team des Paralympics-Stars ein Forensiker. Reggie Perumal erlangte im Fall von 34 im Jahr 2012 von der Polizei erschossenen Minenarbeitern sowie im Zusammenhang mit dem mysteriösen Tod vom Simbabwes früherem Armeegeneral Solomon Mujuru Ansehen. Perumal ist bisher noch nicht zum Zug gekommen - die Ergebnisse von Ballistik und Rechtsmedizin stehen den Ermittlern zufolge noch aus. Bisher ist lediglich bekannt, dass Steenkamp durch die geschlossene Toilettentür von drei Schüssen getroffen wurde.

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Skizze vom Tatort in Pistorius Haus: Räume und darin gefundene Gegenstände

Schlüsselfigur des Teams ist zurzeit Staranwalt Barry Roux, der schon jetzt mit dem inzwischen verstorbenen US-Anwalt Johnny Cochran verglichen wird, der O.J. Simpson in seinem Mordprozess vertreten hatte. Laut "Guardian" gibt es Gerüchte, dass Roux, der 30 Jahre Berufserfahrung aufweisen kann und zu den führenden Strafverteidigern Südafrikas zählt, rund 50.000 Rand (rund 4250 Euro) pro Tag verdienen könnte. Zu seinem Portfolio gehören laut einem Profil der Internetausgabe des südafrikanischen Who's who die Themen Strafrecht, Versicherungsrecht, Flugrecht, Eherecht, medizinische Streitigkeiten sowie Vertrags- und Liquidationsfälle.

Experten sagen Roux laut "Guardian" nach, nicht von Altruismus getrieben zu sein. "Legal Weapon" wird er genannt, eine "juristische Waffe", die man anheuern kann. In den neunziger Jahren vertrat Roux laut Who's who einen Polizeichef des Apartheid-Regimes. Dieser verklagte Zeitungen, die berichtet hatten, er habe ein Gift gegen Apartheid-Gegner eingesetzt.

Staatsanwalt Nel bemüht sich im Schadensbegrenzung

In der Kautionsverhandlung hat Roux bereits bewiesen, dass er sein Geld wert ist. Mit geschickten Fragen ließ er die Polizei alt aussehen, besonders Chefermittler Hilton Botha nahm er im Kreuzverhör in die Mangel. Roux entlockte dem Polizisten, dass die Ermittler Pistorius' Version der Tatnacht nicht widerlegen können und dass Reeva Steenkamp keine Abwehrverletzungen aufwies. Außerdem argumentierte er, dass es sich bei den im Haus des Sprinters gefundenen Substanzen mitnichten um Steroide, sondern um ein "pflanzliches Heilmittel" handelte.

Ob das den Fakten entspricht, ist noch nicht klar. Es wird Aufgabe des Gerichts sein, das herauszufinden. Pistorius' Glaubwüdigkeit könnte durch die Details gestärkt werden.

Die Staatsanwaltschaft bemüht sich um Schadensbegrenzung. Sie hat mit Gerrie Nel einen erfahrenen und hochqualifizierten Mann ins Rennen geschickt. Er gilt als sorgfältig und hat viele anspruchsvolle Fälle bearbeitet, von denen er zahlreiche erfolgreich abgeschlossen hat. Er vertrat die Anklage im Fall des Ex-Interpol-Präsidenten und ehemaligen südafrikanischen Polizeichefs Jackie Selebi, der wegen Bestechung zu einer Haftstrafe verurteilt wurde.

Nel macht vor Gericht einen besonnenen Eindruck. Am Mittwoch hatte er aber einiges damit zu tun, Bothas Aussagen zu Zeugenangaben und gefundenen Substanzen immer wieder geradezurücken.

"Die ersten 24 Stunden einer Krise sind entscheidend"

Am Donnerstag ließ der Polizist die Ermittler noch schlechter dastehen: Es wurde bekannt, dass er sich wegen siebenfachen versuchten Mordes vor Gericht verantworten muss. Botha wurde am Nachmittag von dem Fall Pistorius abgezogen.

Bulewa Makeke, Sprecherin der südafrikanischen Strafverfolgungsbehörde NPA, bezeichnete es als "extrem merkwürdig", dass das Verfahren gegen Botha ausgerechnet jetzt zum Thema wurde. Die Ermittlungen seien bereits am 4. Februar aufgenommen worden - zehn Tage vor Steenkamps Tod.

Tatsächlich muss man fragen, wer Interesse daran haben könnte, dass die Anschuldigen gegen den Chefermittler ausgerechnet jetzt bekannt werden.

Pistorius hat für die Öffentlichkeitsarbeit rund um den Prozess einen erfahrenen Boulevard- und PR-Mann engagiert: Stuart Higgins, von 1994 bis 1998 Redakteur bei der britischen "Sun", Gründer von Stuart Higgins Communications und in dieser Funktion Geschäftspartner von British Airways, FC Chelsea, dem Wembley-Stadion und der Wasserman Media Group. Higgins rühmt sich auf seiner Website, einen "reichen Fundus an Erfahrung, tiefen Einblicken und ein unvergleichliches Kontaktnetz" zu haben - auf all das könne er bei seinem Krisen- und PR-Management zurückgreifen.

Ein Statement auf der Internetseite des Kommunikationsexperten macht deutlich, wie er seine Arbeit sieht: "Die ersten 24 Stunden einer Krise können über die Reputation einer Person oder eines Unternehmens entscheiden. Man kann sich nicht leisten, dass da etwas schiefläuft, und wer nicht in erstklassige Beratung und einen Krisenplan investiert, hat nicht verdient zu überleben."

mit Material von dpa, AFP und AP

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insgesamt 119 Beiträge
1. Für wie blöd eigentlich halten Verteidiger und Beschuldigter das Gericht ?
Gerdtrader50 21.02.2013
Kein Mensch, behindert oder nicht, schießt im eigenen Haus durch eine geschlossene Tür ins eigene Badezimmer mit mehreren Schüssen, ohne zu wissen, wer sich dort aufhält. Den Einbrecher möchte ich sehen, welcher sich im [...]
Kein Mensch, behindert oder nicht, schießt im eigenen Haus durch eine geschlossene Tür ins eigene Badezimmer mit mehreren Schüssen, ohne zu wissen, wer sich dort aufhält. Den Einbrecher möchte ich sehen, welcher sich im geschlossenen Bad vorm Spiegel vergnügt. Diesen hirnrissigen Gedanken kann sogar ein Spitzensportler nicht gehabt haben. Und 26 Jahre ist ein Alter, wo ein gewisser Verstand bereits eigentlich eingetreten sein müsste, diverse Verantwortung auch, wer Schusswaffen besitzt, der muss auch damit umzugehen wissen. Der Beschuldigte erscheint mir als Dummschwätzer. Den Affekt könnte ich ihm noch abnehmen, wenn er nach einem Streit in seiner Wut die Frau erschossen hat, die Lügerei und Irrttumsangabe und bla bla bla spricht jedoch nicht für Affekt, sondern für einen eiskalt geplanten und ausgeführten Mord. Und ob nun ein Ermittler selbst in Mordvorwürfe verwickelt ist, weil er im Rahmen seiner Verfolgungstätigkeit auf flüchtendes Fahrzeug geschossen hat, so hat das mit der offensichtlichen Sachlage in diesem Mordfall wohl wenig zu tun. Ich bin gespannt, was das Gericht macht.
2. Auch wieder so ein Unsinn.
Nabob 21.02.2013
"...demontiert...", "....gewinnt an Boden..." - nix da. Pistorius hat seine Freundin erschossen und trägt bislang unglaubwürdig vor; allenfalls läßt sich noch etwas am Verschuldensgrad machen, sitzen [...]
Zitat von sysopDer Chefermittler ist demontiert, Oscar Pistorius' Verteidigung gewinnt an Boden: Der unter Mordverdacht stehende Sportler beschäftigt mehrere Anwälte, einen PR-Mann, einen eigenen Forensiker. Sie sollen helfen, Pistorius' Glaubwürdigkeit zu untermauern - denn die ist alles entscheidend. Oscar Pistorius: Armada von Experten kämpft vor Gericht - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/oscar-pistorius-armada-von-experten-kaempft-vor-gericht-a-884796.html)
"...demontiert...", "....gewinnt an Boden..." - nix da. Pistorius hat seine Freundin erschossen und trägt bislang unglaubwürdig vor; allenfalls läßt sich noch etwas am Verschuldensgrad machen, sitzen wird er in jedem Falle, egal ob Botha, für den übrigens auch die Unschuldsbvermutung gilt, nun ersetzt wird. Leider berichteten Sie nicht, inwieweit bzw. wodurch die Verteidigung Boden gut gemacht haben soll. Hat die Hauptverhandlung schon begonnen?
3. Langsam reicht es liebe Presse...
rucamor 21.02.2013
...ganz ehrlich - ich empfinde tiefes Mitgefühl für diesen tragischen Tod. Und nach einer geschlagenen Woche intensivster Berichterstattung und täglichen Headlines zu diesem Fall reicht es jetzt langsam auch. In der gleichen [...]
...ganz ehrlich - ich empfinde tiefes Mitgefühl für diesen tragischen Tod. Und nach einer geschlagenen Woche intensivster Berichterstattung und täglichen Headlines zu diesem Fall reicht es jetzt langsam auch. In der gleichen Zeit (1 Woche) sind statistisch in Amerika 250-300 Menschen einem Mord zum Opfer gefallen. Ist das weniger schlimm? Könntet ihr Eure Schlagzeilen nicht wieder mal mit etwas positiverem füllen. Das der ganze Fall liest sich ja schon bald wie eine Dokusoap nach GZSZ Vorbild.
4. Benecke übernehmen sie
kugelsicher99 21.02.2013
Gegen eindeutige ballistische, forensische und andere Ergebnisse einer Spurensicherung, wenn es sie denn gibt, kann wohl auch der beste Winkeladvokat + PR Abteilung nicht viel machen. Der Staatsanwalt scheint ja zumindest ein [...]
Gegen eindeutige ballistische, forensische und andere Ergebnisse einer Spurensicherung, wenn es sie denn gibt, kann wohl auch der beste Winkeladvokat + PR Abteilung nicht viel machen. Der Staatsanwalt scheint ja zumindest ein kluger, erfahrener Mann zu sein. Und das mit Polizist Botha ist ja wohl (hoffentlich) total unwichtig, wenn es handfeste Beweise gegen die Einbrecher Nummer, und für den Vorsatz von P. gibt. Abwarten und Tee trinken.
5. ...
rainer_unsinn 21.02.2013
Erinnert sich noch jemand an den Fall O.G. Simpson? Ich kann garnicht in Worte fassen wie sehr mich das was da jetzt kommen wird schon heute anekelt.
Zitat von sysopDer Chefermittler ist demontiert, Oscar Pistorius' Verteidigung gewinnt an Boden: Der unter Mordverdacht stehende Sportler beschäftigt mehrere Anwälte, einen PR-Mann, einen eigenen Forensiker. Sie sollen helfen, Pistorius' Glaubwürdigkeit zu untermauern - denn die ist alles entscheidend. Oscar Pistorius: Armada von Experten kämpft vor Gericht - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/oscar-pistorius-armada-von-experten-kaempft-vor-gericht-a-884796.html)
Erinnert sich noch jemand an den Fall O.G. Simpson? Ich kann garnicht in Worte fassen wie sehr mich das was da jetzt kommen wird schon heute anekelt.

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