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Panorama

Die Schwester gegen den Heineken-Entführer

Mein Bruder hat Blutdurst

Wim Holleeder ist einer der gefürchtetsten Gangster der Niederlande. Jetzt steht er vor Gericht, weil sich seine Schwester Astrid gegen ihn gestellt hat. Interview mit einer Frau, die um ihr Leben fürchtet.

Privatbesitz der Familie Holleeder
Von , Amsterdam
Donnerstag, 05.04.2018   03:14 Uhr

Für eine Todgeweihte hat Astrid Holleeder gute Laune. In einem Konferenzraum im Süden Amsterdams hebt sie ein Stück Käsekuchen von der Platte. Sie schiebt den Teller rüber und scherzt, dass sie gerne eine Firma gründen würde, die Käsekuchen verkauft. "Backen kann ich von zu Hause aus", sagt sie.

Holleeder ist 52 Jahre alt und ähnelt ihrem Bruder. Die gleichen blauen Augen, das gleiche markante Gesicht. Nur die Nase ist feiner.

Ihr Bruder Willem Holleeder, wegen seines imposanten Riechorgans auch "Die Nase" genannt, ist wohl der berüchtigste Kriminelle der Niederlande. 1983 entführte er Freddy Heineken, Chef des gleichnamigen Bierimperiums.

Drei Wochen hielten er und seine Komplizen ihn fest, auf einer dünnen Matratze, die Handgelenke an die Wand gekettet. Die Gangster erpressten 35 Millionen Gulden (rund 16 Millionen Euro); Holleeder stieg zum Boss der niederländischen Unterwelt auf. Neun Jahre saß er in Haft wegen der Entführung.

Seit Februar ist der 59-Jährige wieder vor Gericht. Die Vorwürfe: fünffacher Mord, Totschlag, versuchter Mord und versuchter Totschlag. Es ist auch Astrid Holleeder und ihrer Schwester Sonja zu verdanken, dass er angeklagt wurde. Denn sie entschieden sich, auszusagen. Gegen den eigenen Bruder, unter dem sie jahrelang litten. Im Interview erzählt sie ihre Geschichte.

Astrid Holleeder wirft ihrem Bruder mehrfachen Mord vor, Taten, für die er zwar angeklagt ist - aber noch nicht verurteilt wurde. Was sie im Interview als Fakt darstellt, muss also erst noch bewiesen werden.

Willem Holleeder revanchierte sich bei seinen Schwestern mit dem Auftrag, beide zu liquidieren - so schreibt es zumindest Astrid Holleeder in ihrem Buch "Judas", das am 12. April auf Deutsch erscheint.

Seit bekannt wurde, dass sie gegen ihren Bruder aussagen will, fürchtet Astrid Holleeder um ihr Leben. Man darf von ihr kein Bild machen, erst kurz vor dem Interview erfährt man, wo man sie trifft. Auf dem Tisch neben ihr liegen drei Handys, keines davon auf ihren Namen zugelassen, wie sie sagt.

Während des Gesprächs weint Astrid Holleeder mehrfach, zwei Minuten später wirkt sie so, als sei nichts passiert.

Sie ist professionell in ihrem Leid. Hart geworden nach einer Kindheit mit einem prügelnden Vater und einem Bruder, der sie zwang, seine Helferin zu sein. Und der drohte, wenn seine Schwestern nicht kuschten: Zweimal hielt er eine Pistole an die Schläfe seines eigenen Neffen.

So schreibt es Holleeder in ihrem Buch. Es ist die Geschichte einer grausamen Kindheit, eines schwerkriminellen Bruders und einer Frau, die ihm den Kampf angesagt hat - und dafür möglicherweise ihr Leben verliert, davon ist sie überzeugt, wie sie im Interview erzählt.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie zu unserem Treffpunkt gekommen?

Holleeder: In einem kugelsicheren Auto. Jemand hat mich abgeholt und hergebracht. Niemand weiß, dass ich in diesem Gebäude bin - außer Ihnen und ein paar Mitarbeitern des Verlags.

SPIEGEL ONLINE: Ist das ein Auto, das Sie gemietet haben?

Holleeder: Nein, ich habe fünf Autos, zwei davon sind kugelsicher. So kann ich zwischen den Fahrzeugen wechseln - selbst wenn jemand einen Peilsender anbringt, weiß die Person nicht, in welchem Auto ich bin.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Ihr Bruder Willem Holleeder den Auftrag gab, Sie ermorden zu lassen, weil Sie gegen ihn aussagen. Wie leben Sie mit dieser Angst?

Holleeder: Ich bin meistens drinnen, gehe kaum raus, höchstens eine Stunde am Tag. Und wenn doch, dann in Umgebungen, die sicher sind. In Einkaufszentren zum Beispiel, da kann man in der Tiefgarage parken. Und dort gibt es auch Kameras. Da ist es schwieriger, reinzugehen und jemanden zu erschießen. Meine Autos sind nicht auf meinen Namen registriert, auch nicht mein Apartment oder meine Handys. Ich muss alle Spuren verwischen.

SPIEGEL ONLINE: Stimmt es, dass Ihre beiden Enkel keine Bilder von Ihnen machen dürfen?

Holleeder: Sie haben kein Bild von mir, auch im Netz werden Sie keines finden. Einer meiner Enkel nennt mich "Oma H", weil er weiß, dass er meinen Namen nicht sagen darf.

SPIEGEL ONLINE: Wo wohnen Sie?

Holleeder: Ich wechsle regelmäßig meinen Standort. Ich bin 52 und habe keine eigene Wohnung. Ich habe das jetzt akzeptiert, aber das war schwierig. Man hat seine eigenen Sachen nicht dabei, nicht mal eine Teetasse. Ich nehme nur meine Matratze mit, so habe ich nicht das Gefühl, ständig im Bett eines Fremden zu schlafen.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie sich dazu entschieden, gegen Ihren Bruder auszusagen?

Holleeder: Ich fing damit an, weil ich ihn stoppen wollte. Es war für mich schwer zu ertragen, wie einfach er über das Leben anderer Menschen entschied. Als wäre es nichts.

SPIEGEL ONLINE: Wann wurde Ihnen das klar?

Holleeder: Es fing an nach der Attacke auf Cor van Hout im Jahr 2003. Damals ließ er seinen eigenen Schwager ermorden, deswegen ist er ja auch angeklagt.

SPIEGEL ONLINE: Van Hout ist der Mann Ihrer Schwester Sonja - und zugleich der Komplize Ihres Bruders bei der Heineken-Entführung. Die beiden hatten sich überworfen, es ging um die erpressten Millionen.

Holleeder: Es starben immer mehr Menschen. Kriminelle, die gegen ihn aussagen wollten. Bei einem seiner Opfer plante er, eine Rakete auf das Haus zu feuern - obwohl da auch andere drin lebten. Es ging nicht nur darum, seinen Gegner auszuschalten. Er hat Blutdurst. Für mich ist er ein Serienkiller, der nicht aufhören würde. Damit konnte ich nicht mehr leben. Ich fing an, heimlich unsere Gespräche aufzuzeichnen.

SPIEGEL ONLINE: Ihre erste öffentliche Anhörung im Prozess gegen Ihren Bruder war Mitte März. Zuvor haben Sie ihn jahrelang nicht gesehen. Wie hat es sich angefühlt, wieder mit Willem Holleeder in einem Raum zu sein?

Holleeder: Meine Kabine ist nur wenige Meter von ihm entfernt, ich höre alles, was er macht, sein Räuspern. Das macht er die ganze Zeit.

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie ihm ins Gesicht?

Holleeder: Ich würde ihm niemals in die Augen schauen. Das geht auch nicht, ich sitze in einer Kabine, mit Blick auf die Richterbank. Einmal rief er mir zu: Nenne doch Namen! Er hat mich provoziert, ich hatte große Angst. Seine Stimme hat so viel altes Leid hervorgebracht, aber das ist gut. Es erinnert mich daran, warum ich das alles getan habe. Wenn ich ihn manchmal im Gerichtssaal höre, tut er mir einfach nur leid.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Holleeder: Er kennt keine Empathie, sagt kindische Dinge. Einmal ging es um den Immobilienbaron Willem Endstra, den er ermorden ließ. Er wurde gefragt: Wie fühlte es sich an, als Ihr Freund getötet wurde? Da sagte er nur: Ich war enttäuscht, weil er nicht auf mich gehört hat. Es klang, als hätte er vorher geübt, wie man Gefühle zeigt, aber es hat nicht funktioniert.

picture alliance/ ANP/ Aloys Oosterwijk

Zeichnung des Prozesses gegen Willem Holleeder in Amsterdam

SPIEGEL ONLINE: Sie sind Anwältin für Strafrecht. Würden Sie einem Mandanten raten, ein Buch zu veröffentlichen, bevor der Prozess beginnt?

Holleeder: In diesem Fall vielleicht.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Holleeder: Als Wim 2012 aus dem Gefängnis kam, hat er sich als nette Person inszeniert.

SPIEGEL ONLINE: Er hatte eine Kolumne und war im Fernsehen.

Holleeder: Alle dachten, er sei fantastisch. Kein gewöhnlicher Krimineller, ein Robin Hood. Es funktionierte. Wenn ich neben ihm lief, riefen die Leute: Willem! Sie kamen angerannt und wollten Fotos mit ihm machen. Und diesen Mythos wollte ich zerstören.

SPIEGEL ONLINE: Besteht nicht die Gefahr, dass Sie mit Ihrem Buch Ihre Aussage vor Gericht torpedieren?

Holleeder: Das Buch war zuerst eine Sicherheitsmaßnahme, die Justiz tat ja nichts für uns. Es zerbrach auch diese Vorstellung, dass wir mit ihm zusammenarbeiten und so ein tolles Leben haben. Es hat unsere Geschichte erzählt.

SPIEGEL ONLINE: Hätten Sie das nicht auch vor Gericht tun können?

Holleeder: Ich war ja ständig vor Gericht, habe 40 Aussagen gemacht. Jedes Mal hat die Ermittlungsrichterin gesagt: Können Sie sich heute kurzhalten? Das kann ich nicht. Es geht ja nicht nur um meine Aussage. Ich muss mein ganzes Leben beschreiben und wie ein Mord auf den nächsten folgte. Dann habe ich zu der Richterin gesagt: Ich werde mich kurzhalten. Ich schreibe alles auf.

SPIEGEL ONLINE: Aber die Gefahr bleibt doch: Der Anwalt Ihres Bruders könnte das Buch gegen Sie verwenden.

Holleeder: Die Gegenseite hat das Buch sogar zum Prozess hinzufügen lassen - wahrscheinlich wollen Sie beweisen, dass etwas nicht stimmt und meine Glaubwürdigkeit beschädigen. Aber ich habe das Buch als Anwältin geschrieben. Ich weiß genau, was ich schreibe. Nur Fakten. Nur Sachen, die korrekt sind. Ich habe nichts erfunden.

SPIEGEL ONLINE: Denken Sie, dass er verurteilt wird?

Holleeder: Das glaube ich schon. Sonst hätte ich das Ganze nicht angefangen. Meine Aussagen sind aber nicht genug. Man muss es ihn sagen hören.

SPIEGEL ONLINE: Das wird er nicht tun.

Holleeder: Wir haben die Aufnahmen. Wenn man die hört, wird klar, dass er hinter den Morden steckt.

SPIEGEL ONLINE: Was passiert, wenn er nicht verurteilt wird?

Holleeder: Dann muss ich ihn töten.

SPIEGEL ONLINE: Wie bitte?

Holleeder: Wenn mein Tod garantieren würde, dass er meine Enkel und meine Tochter nicht umbringt, würde ich es sofort tun. Ich habe mit meiner Familie darüber gesprochen. Ich habe gesagt: Was, wenn ich ihm einfach mein Leben gebe - würde es dann enden? Alle sagten, er würde trotzdem damit weitermachen und jemanden von uns umbringen. Außerdem will ich nicht, dass er leidet.

SPIEGEL ONLINE: Dass er leidet?

Holleeder: Ich kenne diese Gefängniszellen, ich war dort, bei meinen Mandanten. Ich kann meinen Bruder sehen, wie er da auf seinem Bett liegt - und das Einzige, was noch im Raum ist, ist ein Fernseher. Das war's, er ist eingesperrt wie ein Hund. Was für ein Leben ist das? (Astrid Holleeder weint)

SPIEGEL ONLINE: Sie denken also wirklich, es ist besser für ihn, tot zu sein?

Holleeder: Ich denke, das ist humaner. Ich würde keinen Mord begehen, sondern nur etwas zurechtrücken.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie so sprechen, wo ist dann die Anwältin in Ihnen?

Holleeder: Anwältin zu sein, ist mein Beruf. Und darin bin ich über jeden Zweifel erhaben. In meinem persönlichen Leben bin ich genauso verrückt wie jeder andere auch. Vielleicht sogar mehr, weil ich aus dieser verrückten Familie komme.

SPIEGEL ONLINE: Die Anwältin und die Person - das lässt sich doch nicht so einfach trennen.

Holleeder: Sehr gut sogar. Wenn Sie ein Familienmitglied hätten, das total krank ist, das über alle nur Unheil bringt: Würden Sie nicht auch wollen, dass es aufhört? Und wenn der einzige Weg dafür wäre, die Person zu töten, ist das dann nicht Ihre Pflicht, das zu tun?

SPIEGEL ONLINE: Sie hören sich an wie die Kriminelle, die Sie nie sein wollten.

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Astrid Holleeder:
Judas

Kiepenheuer & Witsch; 414 Seiten; 24 Euro

Holleeder: Es ist aber kein krimineller Akt, sondern ein menschlicher. Wenn ich es tun würde, würde ich sofort zur Polizei gehen und meine Strafe akzeptieren. Ich will dafür bezahlen. Das ist Töten, um zu überleben.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es etwas, das Sie im Rückblick anders gemacht hätten?

Holleeder: Nein, ich muss die Konsequenzen meiner Taten ertragen. Ich konnte natürlich nicht alles vorhersehen.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Holleeder: Ich hätte nicht gedacht, dass mein Leben so eingeschränkt ist. Meine Tochter hat mir im vergangenen Jahr erzählt, dass sie jetzt eine ältere Frau als Babysitterin engagiert hat - eine Art Ersatzgroßmutter.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie sich dabei gefühlt?

Holleeder: Ich habe gedacht: Wow. Wenn das so ist, ich meine, das ist entsetzlich (Astrid Holleeder weint). Wenn du so viel aufgibst, ohne Hilfe zu bekommen. Was ist das wert? Mein Leben ist nichts mehr wert.

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