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Panorama

Zschäpe-Aussage im NSU-Prozess

"Wir befürchteten, dass wir nun verhaftet würden"

Beate Zschäpe hat im NSU-Prozess weitere Antworten auf Fragen des Gerichts geliefert. Erstaunlich ist ihre Erzählung von einer Polizeikontrolle in Hannover.

DPA

Beate Zschäpe

Von Wiebke Ramm, München
Donnerstag, 12.05.2016   17:33 Uhr

Die mutmaßlichen NSU-Terroristen Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt wären Anfang 1998, noch vor dem ersten Mord, in Hannover fast aufgeflogen. So stellt es Zschäpe am Donnerstag im NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht München dar.

Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt seien damals in Hannover in einem Auto mit gestohlenem Kennzeichen in eine Polizeikontrolle geraten.

"In der Innenstadt von Hannover gerieten wir in eine Drogenkontrolle", so trägt es Zschäpes Wahlverteidiger Hermann Borchert am 283. Verhandlungstag im Namen seiner Mandantin vor Gericht vor. Die drei mit Haftbefehl gesuchten Neonazis seien damals mit einem gestohlenen Autokennzeichen und einem falschen Ausweis unterwegs gewesen. Die Polizei hätte sie kontrolliert.

Mundlos hätte einen falschen Ausweis, den Ausweis eines Freundes, vorgezeigt. Auch ihr Autokennzeichen sei "per Computerabfrage überprüft" worden, so Zschäpe. "Das Kennzeichen war gestohlen, und wir befürchteten, dass wir nun verhaftet würden. Das geschah jedoch nicht, und wir konnten unbehelligt weiterfahren", lässt sie vor Gericht erklären.

Suche nach neuem Unterschlupf

Die mutmaßlichen Rechtsterroristen hatten damals offenbar überlegt, nach Hannover zu ziehen. Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt seien aus Chemnitz nach Hannover gekommen, weil sie den Mitangeklagten Holger G. bitten wollten, ihnen eine neue Wohnung zu besorgen, so Zschäpe. Die drei Flüchtigen lebten damals in der Wohnung eines Neonazis in Chemnitz.

Ende Februar 1998 wurde im Fernsehen nach ihnen gefahndet. Der Freund, Thomas R., habe sie daraufhin zum Auszug gedrängt, teilt Zschäpe am Donnerstag mit. Deshalb hätten sie Holger G. nach einem neuen Unterschlupf fragen wollen. Holger G. war 1997 aus dem thüringischen Jena nach Hannover gezogen. Sie seien zu seiner Wohnung gefahren, hätten ihn dort aber nicht angetroffen.

Wenn Zschäpes Darstellung stimmt, hätten die gesuchten Neonazis bei peniblerer Überprüfung durch die hannoversche Polizei noch vor dem ersten Mord gefasst werden können. Im Januar 1998 waren die drei untergetaucht, nachdem die Polizei in Jena in Zschäpes Garage Material zum Bombenbau entdeckt hatte.

Am 9. September 2000 erschossen Mundlos und Böhnhardt in Nürnberg den türkischen Blumengroßhändler Enver Simsek. Es war der erste Mord, den die Ermittler dem "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) zurechnen. Acht weitere Morde aus rassistischen Motiven an Männern türkischer und griechischer Herkunft und ein Mord an einer deutschen Polizistin sowie zwei Bombenanschläge folgten.

"Er wusste, dass wir von Banküberfällen lebten"

Zschäpe lässt am Donnerstag erneut ihren Verteidiger Borchert für sich sprechen. Elf Seiten liest er im rasanten Tempo vor. Es ist das vierte Mal, dass sich Zschäpe über einen ihrer Anwälte zu den Anklagevorwürfen äußert. Im Dezember 2015 hatte sie erstmals eine Erklärung abgegeben, im Januar und April 2016 bereits zahlreiche Nachfragen des Vorsitzenden Richters Manfred Götzl beantwortet.

Sie habe Holger G. nichts von den Morden und auch nichts von den Bombenanschlägen erzählt, auch das teilt Zschäpe an diesem Tag mit. "Ich wollte über dieses Thema nicht reden", sagt sie. "Nicht mit Uwe Böhnhardt, nicht mit Uwe Mundlos und schon gar nicht mit Holger G., dem ich nicht vertraute." Ob Mundlos und Böhnhardt ihm von den Morden und Anschlägen berichtet hatten, wisse sie nicht.

Holger G. sitzt zwei Reihen hinter Zschäpe auf der Anklagebank. Er hört sehr aufmerksam zu, was Zschäpe über Anwalt Borchert vortragen lässt. G. wirkt angespannt. Er hört, dass Zschäpe sagt, er habe von den Raubüberfällen gewusst, die Böhnhardt und Mundlos begangen haben, um ihr Leben im Untergrund zu finanzieren. "Er wusste, dass wir von Banküberfällen lebten", erklärt Zschäpe. Mundlos und Böhnhardt hätten es Holger G. im Jahr 2000 oder 2001 erzählt.

Und sie widerspricht Holger G.s Aussage, die er im Juni 2013 selbst vor Gericht gemacht hat. Er hat damals gestanden, den mutmaßlichen NSU-Terroristen im Sommer 2001 eine Waffe nach Zwickau in Sachsen gebracht zu haben. Er hatte gesagt, Zschäpe habe ihn damals vom Bahnhof abgeholt und zugeschaut, als einer der Uwes die Waffe durchlud. Zschäpe bestreitet das: "Ich war bei der Übergabe der Waffe nicht dabei."

Geldreserven im Abstellraum

Holger G. hat Zschäpe mehrfach belastet. Er bezeichnete Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos vor Gericht allesamt als "Mitglieder einer terroristischen Vereinigung". Er sagte auch, dass er sie als Einheit erlebt habe. Schon vorher hatte Holger G. dem Bundeskriminalamt gesagt, für ihn sei Zschäpe ein "gleichberechtigtes Mitglied" innerhalb des Trios gewesen. Zschäpe sei "durchsetzungsstark" und "kein Typ, der sich unterordnen würde". Und sie hätte die Finanzen des Trios geregelt.

Das Thema Geld interessiert auch Richter Götzl. Wo bewahrten Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe die Beute aus den Überfällen? Wer hatte Zugriff auf das Geld? An diesem Tag liefert Zschäpe die Antworten. In der Wohnung in der Frühlingsstraße habe sich "im Abstellraum" eine Geldkassette befunden, in der "immer zwischen 5000 und 10.000 Euro" gelegen hätten, "um die Anschaffungen des täglichen Lebens zu finanzieren", sagt Zschäpe über ihren Anwalt.

Mundlos und Böhnhardt hätten die Kassette aufgefüllt und jeweils auch noch Geld in ihren eigenen Zimmern aufbewahrt. Mundlos habe sein Geld hinter seinem Schrank versteckt, Böhnhardt unter seinem Bettkasten. Sie selbst habe kein eigenes Geldversteck gehabt, sagt sie. Zschäpe: "In der Frühlingsstraße hatte ich Zugriff auf die Geldkassette und bekam Geld von den beiden, wenn ich danach gefragt hatte."

Warum Mundlos und Böhnhardt am 4. November 2011, dem Tag, an dem sie sich in einem Wohnmobil in Eisenach erschossen, zusätzlich zu der Beute aus einem Banküberfall noch rund 40.000 Euro dabei hatten, wisse sie nicht, sagt Zschäpe. Sie sei über diesen Betrag "mehr als erstaunt".

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