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Panorama

Organisierte Kriminalität

Schaden in Millionenhöhe - Razzia gegen Lenkraddiebe

Bundespolizisten sind gegen eine Bande mutmaßlicher Autodiebe vorgegangen. Die Verdächtigen sollen einen florierenden Handel mit gestohlenen Lenkrädern betrieben haben. Auch die GSG 9 war im Einsatz.

DPA

Männer der Spezialeinheit GSG 9 (Archiv)

Von
Donnerstag, 06.12.2018   14:18 Uhr

Eigentlich sollte Mohammad M. schon lange nicht mehr in Deutschland sein. Mehrfach drohte dem 31-jährigen Jordanier, dessen Asylantrag 1994 abgelehnt worden war, die Abschiebung. Doch die deutschen Behörden verlängern seine Duldung seit Jahren immer wieder. In der Zwischenzeit hat sich M. in Bremen als Unterweltgröße etabliert und wohl einen äußerst profitablen Ring von Autodieben aufgebaut. Nach einer Razzia gegen die Bande in den frühen Morgenstunden sitzt er in Untersuchungshaft.

Nach SPIEGEL-Informationen sollen Mohammad M. und sechs weitere Beschuldigte innerhalb eines Jahres Hunderte Neuwagen aufgebrochen haben, die auf Güterzügen der Deutschen Bahn durch Norddeutschland transportiert wurden. Dabei hatten es die Männer laut Ermittlern vor allem auf hochwertige Multifunktionslenkräder der Marke BMW abgesehen, die sie anschließend über das Internet verkauften.

Die Abteilung Organisierte Kriminalität der Staatsanwaltschaft Bremen ermittelt gegen die Gruppe um M. wegen schweren Bandendiebstahls und Hehlerei, wie ein Sprecher der Behörde mitteilte.

Die Geschäfte der Verdächtigen liefen offenbar gut. Die Bande soll vor allem Lenkräder, aber auch Navigationsgeräte und andere Elektronik im Wert von 600.000 Euro aus Neuwagen gestohlen haben. Durch Beschädigungen an Autos und Zügen soll so ein Gesamtschaden von rund zwei Millionen Euro entstanden sein. Mohammad M. war wohl nicht nur für den Verkauf der Beute zuständig, sondern bei einigen Diebestouren auch selbst dabei.

"Hinweise auf Gewaltbereitschaft"

"Er ist sehr polizeierfahren", sagte ein Ermittler dem SPIEGEL. Der Jordanier habe ständig mit Observationsmaßnahmen und Kontrollen gerechnet, so der Beamte. "Letztlich siegte bei ihm aber immer die Geldgier." Bei den Durchsuchungen am Morgen war auch die GSG 9 im Einsatz: "Wir hatten Hinweise auf Gewaltbereitschaft und Bewaffnung, deswegen war der Einsatz von Spezialkräften notwendig", sagt Helgo Martens, Einsatzleiter der Bundespolizei.

Die kriminelle Karriere des mutmaßlichen Rädelsführers Mohammad M. begann früh, wie vertrauliche Unterlagen der Stadt Bremen belegen. Eine Lehre nach seinem Hauptschulabschluss brach M. ab, einen festen Job hatte er noch nie. Stattdessen geriet er seit seiner Jugendzeit unzählige Male mit dem Gesetz in Konflikt, unter anderem wegen gemeinschaftlicher Körperverletzung, Erpressung, sexueller Nötigung, Raub, sowie wegen des Mitführens einer Schusswaffe. 2009 verurteilte ihn das Amtsgericht Bremen wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz. Im selben Jahr wurde M. nach Italien ausgeliefert, wo er mehrere Monate in Haft saß. Ihm war dort nachgewiesen worden, mehrfach als Fahrer für ein großes Schleusernetzwerk gearbeitet zu haben.

Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis in Italien reiste M. 2010 zurück nach Deutschland - ohne gültigen Aufenthaltstitel. Warum genau seine Abschiebung in Bremen trotzdem seit acht Jahren immer wieder ausgesetzt und seine Duldung verlängert wird, ist unklar. M. hat in Deutschland einen inzwischen neunjährigen Sohn. Ein Hauptgrund für die nicht durchgesetzte Abschiebung sind aber offenbar die fehlenden Papiere aus Jordanien.

Der Fall offenbart die Schwächen des Rechtsstaats im Umgang mit ausreisepflichtigen Straftätern, die von inkonsequenten Behörden profitieren und deren Heimatländer sich wenig hilfsbereit zeigen. Denn an M.s erheblicher krimineller Energie besteht für Ermittler kein Zweifel. Wie ein Beamter bereits vor Jahren in einem internen Vermerk notierte, sei die Ausweisung notwendig, "um eine weitere Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung abzuwenden". Genutzt hat die Feststellung wenig, wie das aktuelle Verfahren gegen M. zeigt.

Kontakte zum Miri-Clan

Nach SPIEGEL-Informationen unterhält M. in Bremen zudem beste Kontakte zum berüchtigten Miri-Clan. Auf einem Facebook-Foto posiert M. mit einer bekannten Führungsfigur der in den Achtzigerjahren aus dem Libanon eingewanderten Großfamilie. Dass der Clan von den Profiten der mutmaßlichen Diebesbande um M. profitierte, halten Kriminalisten allerdings für unwahrscheinlich.

Zu Mohammad M. führten dieses Mal Ermittlungen der Bundespolizeiinspektion Kriminalitätsbekämpfung Hamburg, die Ende 2017 auf den schwunghaften Handel mit augenscheinlich gestohlenen Lenkrädern auf Ebay aufmerksam wurde. Schnell fiel der Verdacht auf M., der die Ware über mehrere Konten auf der Verkaufsplattform vertrieben haben soll. Monatelange Observationen und Telefonüberwachungen folgten und brachten die Fahnder auf die Spur eines ganzen Netzwerks mutmaßlicher Diebe - meist gesteuert, so der Verdacht, von Mohammad M.

Aus seinem wohl mit Straftaten finanzierten extravaganten Lebensstil macht M. auf Facebook keinen Hehl. Mal präsentiert er sich mit hochpreisigen Fahrzeugen, mal mit einer Waffe in der Hand. Der schrille Auftritt inspirierte die Behörden auch zu ihrem Codewort für das Verfahren. Interner Name der Ermittlungskommission: "Poser".

Video: Gestohlen, zerlegt und verschoben - Deutsche Autos in Polen

Foto: SPIEGEL TV

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