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Panorama

Urteil gegen Sohn des Enkeltrick-Paten

Keine Gnade für "Lolli"

Gutgläubige Senioren waren seine Opfer: Das Landgericht Hamburg hat Marcin K. wegen Enkeltrick-Betrügereien verurteilt. Der schien es sportlich zu nehmen - doch weitere Strafen drohen.

DPA

Anwältin Svenja Gruhnwald, Mandant Marcin K.

Von und
Montag, 29.01.2018   17:12 Uhr

Er hatte um eine milde Strafe gebeten und seinen Ferrari als Wiedergutmachung angeboten. Es half nichts. Nach 63 Verhandlungstagen verurteilte das Hamburger Landgericht Marcin K., genannt "Lolli", zu zwölfeinhalb Jahren Haft wegen gewerbs- und bandenmäßigen Betrugs in 40 Fällen.

"Eine außerordentliche Strafe in einem außerordentlichen Verfahren", sagte der Vorsitzende Richter Bernd Steinmetz. Die Kammer wisse, diese "harte Strafe" treffe nicht nur den Angeklagten, sondern auch dessen Frau und dessen Kinder. Die Ehefrau saß im voll besetzten Zuschauerraum und weinte. "Lolli" drehte sich zu ihr um, nickte ihr aufmunternd zu, warf einen Luftkuss hinterher.

Jahrelang galt Marcin K. als einer der meistgesuchten Trickbetrüger Europas, mehrmals gelang ihm kurz vor einer Festnahme die Flucht. Der Mann, der sich in Smoking und Luxusschlitten gefiel, schien die Polizei zu narren.

Nun saß er in Saal 337 in einem schwarzen Kapuzenpullover und enger grauer Jogginghose. Er sagte, er sei 30 Jahre alt, was ihm das Gericht nicht glaubt. Er ist polnischer Staatsbürger, spricht akzentfrei Deutsch, ist Mitglied eines verzweigten Roma-Clans und Sohn des Enkeltrick-Erfinders Arkadiusz L., genannt "Hoss", der sich als Pate der Enkeltrick-Mafia feiern lässt.

Die Betrugsmasche scheint die Haupteinnahmequelle der Großfamilie zu sein: ein skrupelloses Geschäft mit der Gutgläubigkeit und Unsicherheit älterer, argloser Menschen.

Sogenannte Keiler suchen im Telefonbuch nach altmodisch klingenden Vornamen, rufen ihre meist betagten Opfer an, verwickeln sie in ein Gespräch und täuschen vor, ein naher Verwandter oder Bekannter zu sein. Sie behaupten, in einer finanziellen Schieflage zu sein und bitten um Hilfe. Der Rest ist oft Routine: Die Opfer heben horrende Summen von ihren Konten ab und übergeben sie einem wildfremden, meist mit osteuropäischem Akzent sprechendem Abholer. Eine mehr als durchsichtige, Misstrauen erweckende Masche. Aber offensichtlich seit mehr als 20 Jahren eine äußerst erfolgreiche.

Foto: SPIEGEL TV

Marcin K. brach im November überraschend sein Schweigen, räumte alle Vorwürfe ein - und er gab zu, noch nie in seinem Leben einem Beruf nachgegangen zu sein. Allein mit den ihm vorgeworfenen Betrugstaten soll er nach Ansicht des Gerichts mehr als 300.000 Euro erbeutet haben.

"Ich bereue zutiefst"

"Es tut mir wirklich sehr leid", sagte K. in seinem Letzten Wort vor Gericht. "Ich bereue zutiefst. Ich bitte um eine Chance. Ich möchte mein Leben in den Griff bekommen und meine Kinder aufziehen." Seine Frau schluchzte.

Das Gericht sieht Marcin K. als Drahtzieher und Hintermann einer "international agierenden Bande" überführt, die zwischen November 2011 und Mai 2014 von Polen aus in Deutschland und Luxemburg gutgläubige Senioren systematisch betrogen hat. Nicht nur das. "Sie haben Ihre Opfer verängstigt, beschämt und ihr Vertrauen ausgenutzt", sagte Richter Steinmetz und sprach von immensem "Leid und Kummer", den Marcin K. ihnen mit seiner vertrauenserweckenden Art zugefügt habe.

Marcin K. war nach Ansicht des Gerichts in der Hierarchie der Enkeltrick-Mafia ein Keiler, der von Polen aus auf die Suche nach potentiellen Opfern ging und sie am Telefon um den Finger wickelte. "Sie, Herr Keiler, äh, Herr K.", rutschte es Richter Steinmetz an einer Stelle heraus, da musste Marcin K. lachen.

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Marcin K.

Überhaupt wirkte er an diesem Tag der Urteilsverkündung fast vergnügt. Zu Beginn der Verhandlung schlenderte er zur Gerichtszeichnerin, überzeugte sich von seinem Konterfei. Er grinste beim Blick auf das Bild, formte für seine tränenüberströmte Frau im Zuschauerbereich mit Daumen und Zeigefingern ein Herz.

Die Staatsanwaltschaft hatte 14 Jahre Haft beantragt. Eine Forderung, die Verteidiger Christian Lange für derart übertrieben hielt, dass er in seinem Plädoyer betonte, es gebe kein "Sonderstrafrecht für Enkeltrick-Betrüger oder anders gesagt: für Zigeuner". Auch stellte er die Frage nach dem Mitverschulden der Opfer: Haben sie es "Lolli" und seiner Bande zu leichtgemacht?

Das letzte Ersparte zusammengekratzt

Dem widersprach Richter Steinmetz vehement. Die Beweisaufnahme habe gezeigt, dass die Opfer weder leichtgläubig noch fahrlässig gehandelt hätten, vielmehr seien sie mit "eingespielten Abläufen" eines kriminellen Netzwerks konfrontiert gewesen, dessen Fäden bei Marcin K. zusammenliefen.

Bei der Auflistung jedes einzelnen erfolgreichen Betruges betonte Steinmetz, wie sehr die Opfer noch im Gerichtssaal unter der Schmach und der Scham gelitten hätten, dass sie auf einen derart simplen Betrugstrick reingefallen seien: Betagte Herrschaften, die ihr letztes Erspartes zusammengekratzt hatten.

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Die Verteidigung hatte maximal sechseinhalb Jahre Haft gefordert: Marcin K. sei geständig, nicht vorbestraft und im Tatzeitraum nur eingeschränkt steuerungsfähig und damit vermindert schuldfähig gewesen, da er zeitweise bis zu sieben Gramm Kokain pro Tag konsumiert habe.

Zum Strafmaß von zwölfeinhalb Jahren sagte Verteidiger Lange, die Kammer widerspreche sich, "wenn sie auf der einen Seite behauptet, die Geschädigten seien bewusst als ältere Menschen ausgesucht worden, weil altersbedingt Hoffnung auf besonders leichte Opfer bestand". Auf der anderen Seite - entsprechend der Anklage - habe das Gericht jedoch feststellt, "dass ein Tatversuch in einem Fall aufgrund einer Schwerhörigkeit und leichten Demenz der Geschädigten abgebrochen wurde". Marcin K. gehe es bei aller heiterer Mimik an diesem Tag alles andere als gut.

Das könnte daran liegen, dass gegen K. weitere Verfahren in der Schweiz, in Luxemburg, in Österreich laufen. Wenn er seine Strafe in Deutschland abgesessen hat, soll er in eines dieser Länder ausgeliefert werden. Für den nächsten Prozess.

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