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Panorama

Mordfall Susanna F.

Very Big Raushole

Auf unkonventionelle Art und Weise schaffte die Bundespolizei den Verdächtigen im Mordfall Susanna zurück nach Deutschland. Die Aktion war ein Erfolg - und trotzdem wollen nur wenige daran beteiligt gewesen sein.

DPA

Ali B., Polizisten in Wiesbaden

Von und
Montag, 11.06.2018   19:31 Uhr

"Helden-Polizisten" nennt ihn nun die "Bild"-Zeitung. Ein "Macher" und "Durchsetzer" sei Dieter Romann, Chef der Bundespolizei, der mit einem Team von Spezialkräften am Wochenende ins irakische Arbil flog, um den flüchtigen Mordverdächtigen Ali B., 20, zurück nach Deutschland zu holen. Die Idee dazu sei Romann "unter der Dusche" gekommen, schreibt das Blatt und verrät auch gleich, wie seine Leute Dieter Romann angeblich nennen: "Rominator".

Selten in der deutschen Kriminalgeschichte ist so viel Lob über einen einzelnen Polizisten ausgeschüttet worden wie dieser Tage über Dieter Romann. Das Merkwürdige daran ist nur, dass Romann in diesem Hagel aus Komplimenten ganz allein steht. Üblicherweise gilt auch in Berlin die Devise, dass im Unterschied zum Misserfolg der Erfolg zumeist sehr viele Väter hat. Und zu denen gehören dann für gewöhnlich auch Minister.

Doch in diesem Fall soll die Operation, die altgediente Spitzenbeamte in Anlehnung an Befreiungsversuche der "Roten Armee Fraktion" scherzhaft "Very Big Raushole" nennen, ohne Kenntnis des Bundesinnenministers Horst Seehofer (CSU) abgelaufen sein. Auf eine entsprechende Frage des SPIEGEL, ob die Operation komplett in der Obhut der Bundespolizei durchgeführt worden sei ohne Kenntnis des Innenministeriums, sagte Sprecherin Eleonore Petermann am Montag: "So ist es."

Auf Nachfrage in der Bundespressekonferenz, ob einer der Staatssekretäre oder die Leitungsebene vorab oder während der Aktion informiert worden seien, sagte die Innenministeriumssprecherin, was die Staatssekretäre angehe, "kann ich Ihnen keine Auskunft geben, das weiß ich nicht". Dann fügte sie hinzu: "Ich kann gern nachfragen, ob ich Ihnen das geben kann, weiß ich nicht."

Die Bundespolizei widersprach Petermann am Montagnachmittag und teilte mit, sowohl der Innenminister als auch der zuständige Staatssekretär seien "laufend" über die Maßnahmen informiert gewesen.

POLIZEI WIESBADEN HANDOUT/ EPA-EF

Verdächtiger Ali B.

So viel öffentliche Distanz zum Erfolg ist selten in Berlin. Und in einem solchen Fall ist es nur schwerlich vorstellbar, dass maßgebliche Stellen im Innenministerium nichts von der Dienstreise in den Irak gewusst haben sollen.

Dass Romann in diesem Fall viel Applaus bekommt, aber wenig offizielle Rückendeckung seiner Vorgesetzten, hat womöglich mit der innen- wie außenpolitischen Brisanz des angeblichen Alleingangs zu tun.

Innenpolitisch müssten sich nämlich vor allem das Auswärtige Amt sowie das Bundesjustizministerium an der polizeilichen Sonderdiplomatie stören. Ihnen obliegt es eigentlich, im Rahmen eines Auslieferungsverfahrens flüchtige Tatverdächtige nach Deutschland zurückholen zu lassen. Nun versucht man in Berlin offenkundig, wegen der Aktion keinen Zwist am Kabinettstisch entstehen zu lassen.

Das könnte auch der Grund dafür sein, warum inzwischen unisono von einer "Abschiebung" des Ali B. nach Deutschland die Rede ist, obschon es eher eine Abholung war. Es kommt zwar höchst selten vor, dass Staaten ihre Bürger zur Strafverfolgung in andere Staaten "abschieben", doch dieses Konstrukt hat politisch den Vorteil, dass Außen- und Justizressort sich nicht düpiert fühlen müssten. Sie wären nicht zuständig. Nur bei einem Auslieferungsverfahren, so ein Sprecher des Bundesjustizministeriums, sei sein Haus "mit im Spiel", aber ein solches habe es "hier nicht gegeben". Tatsächlich hatten Auswärtiges Amt und Justizministerium am Montag in der Bundespressekonferenz erkennbar Mühen, auf Detailfragen der Journalisten zu antworten - sie verwiesen immer wieder an das Bundesinnenministerium.

In Sicherheitskreisen heißt es dazu, die Kurden hätten Ali B. regelrecht loswerden wollen. Allerdings gilt das auch für aus Deutschland ausgereiste Kämpfer des "Islamischen Staats", die sich mittlerweile in kurdischer Gefangenschaft befinden. In ihren Fällen überschlägt sich die Bundesregierung nicht gerade mit der Rückführung nach Deutschland - obwohl es sich dabei auch um deutsche Staatsbürger handelt.

Heikle Mission

Doch auch außenpolitisch war Romanns Mission heikel. Die Autonome Region Kurdistan, in deren Hauptstadt Arbil Deutschland ein Konsulat unterhält, strebt nach Unabhängigkeit vom Irak und versucht, eigene diplomatische Beziehungen aufzubauen. Die Zentralregierung in Bagdad betrachtet diese Entwicklung mit Argwohn. Sie will eine Abspaltung der Kurdenregion unbedingt verhindern.

Offenbar einigte man sich daher auch mit Rücksicht auf die Befindlichkeiten in Bagdad darauf, dass deutsche Beamte Ali B. erst im Flugzeug übernahmen. "Die Bundespolizei blieb im Flieger und hat den Flieger nicht verlassen", so Ministeriumssprecherin Petermann. Dort hätten die kurdischen Sicherheitskräfte den Verdächtigen der Bundespolizei zugeführt. Es gibt allerdings Augenzeugen, die mindestens einen deutschen Beamten außerhalb der Maschine im Flughafengebäude von Arbil gesehen haben wollen.

DPA

Dieter Romann (Archiv)

Und es bleibt die Frage: Warum flog Bundespolizei-Chef Romann selbst mit? Nach SPIEGEL-Informationen nutzte der hemdsärmelige Jurist zunächst seine Kontakte zu Vertretern der kurdischen Autonomieverwaltung, um die Festnahme des Ali B. anzubahnen. Die "Bild"-Zeitung berichtet, Romann unterhalte "engste Verbindungen" zu dem früheren kurdischen Präsidenten Masud Barzani und dessen Bruder Dilshad, der die kurdischen Interessen in Deutschland vertritt.

Aus Sicherheitskreisen verlautete, die kurdische Seite habe dann auch auf Romanns Anwesenheit in Arbil bestanden, dort seien weitere Gespräche geführt worden. Zudem sei es ein Gebot der Höflichkeit, bei solchen Abmachungen selbst Präsenz zu zeigen und einen "gewissen Dienstgrad in die diplomatische Waagschale zu werfen".

Kurdische Sicherheitskräfte wollen Ali B. am Freitag im Haus seines Onkels in Zaxo festgenommen haben. Die Familie des Gesuchten hatte den Behörden nach offiziellen Angaben zuvor einen Tipp gegeben, wo er sich aufhält. Nachdem sie das Haus längere Zeit observiert hatten, griffen die Männer am frühen Freitagmorgen zu. Ali B. leistete keinen Widerstand.

Wie politisch aufgeladen der Fall inzwischen ist, zeigt auch der Umgang mit Ali B. in Deutschland. Anders als eigentlich üblich, transportierte ihn die hessische Polizei mit einem Hubschrauber, der von Spezialkräften mit Maschinenpistolen gesichert wurde. Zusätzlich begleiteten ihn maskierte Beamte eines Einsatztrupps. Sonst erfahren nur Terrorverdächtige eine solche Behandlung. Doch die Bilder sollen Signale aussenden: Seht her, sagen sie, wir haben alles im Griff.

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