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Panorama

Forscher zu Missbrauchsfall in Südbaden

"Schwerste Traumatisierung"

Im Raum Freiburg haben eine Frau und ihr Freund einen Neunjährigen für Vergewaltigungen verkauft. Wie sind solche Taten zu erklären - und was macht das mit dem Kind? Rechtspsychologe Martin Rettenberger erklärt den Fall.

DPA

Polizeipräsidium Freiburg

Ein Interview von
Freitag, 12.01.2018   19:16 Uhr

Im Großraum Freiburg sollen eine 47-Jährige und ihr 37-jähriger Lebenspartner den Sohn der Frau missbraucht - und ihn im Internet zur Vergewaltigung angeboten haben. Insgesamt acht Menschen sitzen in Zusammenhang mit dem Fall in Untersuchungshaft (mehr dazu lesen Sie hier).

Wie sind die schrecklichen Taten zu erklären? Was bedeuten sie für das Opfer - und wie haben Internet und Darknet das Vorgehen der Täter verändert? Der Rechtspsychologe Martin Rettenberger gibt Antworten.

SPIEGEL ONLINE: Das Landeskriminalamt spricht vom schwersten Fall des sexuellen Missbrauchs, den die Polizei in Baden-Württemberg je bearbeitet hat. Was verleitet eine Mutter dazu, das eigene Kind zur Vergewaltigung anzubieten?

Rettenberger: Sexualstraftäterinnen sind sehr selten. Wenn Frauen zur Täterin werden, dann meist als Komplizin, die beim Missbrauch nicht einschreitet. Diese Frauen leiden anders als die männlichen Täter nicht unbedingt an einer sexuellen Störung. Es ist meist eine Beziehungsstörung, nach der man sich den Wünschen des Partners unterwirft. Den Freiburger Fall macht besonders, dass die Mutter eine aktive Rolle im Tatgeschehen haben soll.

SPIEGEL ONLINE: Auch finanzielle Motive sollen eine Rolle gespielt haben.

Rettenberger: Es kommt leider vor, dass Eltern ihre Kinder zum sexuellen Missbrauch anbieten. Es kommt auch vor, dass Opfer von einem Täter zum anderen weitergegeben werden. Dass wie hier so viele Dinge zusammenkommen, ist schon sehr selten. Das hängt vielleicht auch damit zusammen, dass dieses Vorgehen angesichts der Möglichkeiten des Internets noch zynischer wirkt. Auch früher gab es Gruppen, die abweichende sexuelle Interessen ausgelebt haben - und in Sportvereinen Kinder missbrauchten. Heute gibt es aber oft noch nicht mal mehr eine soziale Verbindung der Täter, es geht rein ums Geschäftemachen.

SPIEGEL ONLINE: Was ist das für eine Szene, die sich da austauscht?

Zur Person

Rettenberger: Vor der Verbreitung des Internets wurde viel über einzelne Personen kommuniziert, die eine Art Netzwerkknotenfunktion hatten. So wurde früher auch Kinderpornografie verbreitet - etwa in bestimmten Läden unter der Theke. Mit den neuen technischen Möglichkeiten ist das anders. Die Kreise werden größer. Früher wussten potenzielle Täter, dass es in bestimmten, vor allem asiatischen Ländern leichter ist, Kinder zu missbrauchen und straffrei zu bleiben. Dass es nun im europäischem Raum Strukturen gibt, mit denen sich die Menschen austauschen können, ist sicherlich eine neue Qualität, die erst durch das Internet möglich wurde.

SPIEGEL ONLINE: Ist damit auch die Hemmschwelle für Missbrauch gesunken?

Rettenberger: Zumindest ist der Zugang leichter geworden. Ob dadurch auch das Interesse gestiegen ist, können wir nicht sagen. Es mag sein, dass die Täter ihre ohnehin schon vorliegende Neigung ausleben. Es mag aber auch den ein- oder anderen jungen Menschen geben, der durch Zufall etwa auf Kinderpornografie im Netz stößt und das sexuell abweichende Interesse dann entwickelt.

SPIEGEL ONLINE: Woher stammen die Täter?

Rettenberger: Der Kreis hat sich unserer Wahrnehmung nach verändert. Waren es in der Vergangenheit oft Menschen, die eine einschlägige Vorgeschichte hatten und dann etwa auf Netzwerke aus dem Strafvollzug zurückgriffen, gibt es heute in Pädophilenringen einen höheren Anteil an nach außen hin gut integrierten Personen mit festem Arbeitsplatz und sozialem Netz. Menschen, bei denen jeder sagt: Bei dem hätte ich das nie gedacht.

SPIEGEL ONLINE: Begehen also etwa Ärzte und Anwälte genauso oft Missbrauch wie andere Männer?

Rettenberger: Pädophilie geht als sexuelle Störung durch alle Schichten hindurch. Wir wissen allerdings: Je besser jemand sozial integriert ist, desto besser kann er sein eigenes Verhalten steuern, auch im kriminalitätsbezogenen Bereich. Wenn diese Leute straffällig werden, dann dominieren zunächst kinderpornografische Delikte, aber nicht die direkten Missbrauchshandlungen. Das kommt häufiger bei Menschen vor, die auch abseits der sexuellen Störung Probleme haben, ihr Verhalten zu regulieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Menschen haben eine pädophile Störung - und wie viele werden auch übergriffig?

Rettenberger: Das ist schwer zu beurteilen. Auch weil jemand auf die Frage, ob er depressiv ist, vielleicht ehrlicher antwortet als auf die Frage, ob er pädophil ist. Früher ging man davon aus, dass rund ein Prozent der Männer sexuelle Störungen haben, heute geht man von geringeren Zahlen aus. Es ist eine sehr seltene Erkrankung. Trotzdem ist es wichtig, dass es inzwischen Behandlungsangebote gibt. Wie viele der Betroffenen übergriffig werden, ist ebenfalls schwierig zu sagen. Diejenigen, die tatsächlich auffallen oder vor Gericht landen, sind nur ein ganz kleiner Ausschnitt.

SPIEGEL ONLINE: Was müsste getan werden, um eine Tat wie die in Südbaden künftig zu verhindern?

Rettenberger: Durch gute Therapien können wir bei bereits straffällig gewordenen Menschen Rückfälle verhindern. Im Vorfeld helfen auch psychotherapeutische Angebote für Pädophile. Gesellschaftlich kann man versuchen, junge Menschen in Trainingsprogrammen gegen sexuelle Übergriffigkeit zu wappnen. Da wird bereits viel getan. Ganz wichtig ist aber auch, dass keine rechtsfreien Räume entstehen dürfen, in denen Täter das Gefühl haben, sie können so agieren, dass die Wahrscheinlichkeit entdeckt zu werden, gering ist. Die Kommunikationsverläufe müssen von den Strafverfolgungsbehörden kontrolliert werden können.

SPIEGEL ONLINE: Was schlagen Sie vor? Die damalige Familienministerin Ursula von der Leyen ist erst vor wenigen Jahren mit einem Gesetz zu Internetsperren in dem Bereich gescheitert.

Rettenberger: Die jetzt vorhandenen Möglichkeiten können - wenn sie ausgeschöpft werden - schon zum Erfolg führen. Aber die Strafverfolgungsbehörden brauchen ausreichend Personal und das technische Know-how, um die Fälle aufdecken zu können.

SPIEGEL ONLINE: Die Übergriffe in Freiburg blieben über Jahre verborgen. Hätten nicht Schule, Vereine oder Menschen vor Ort etwas merken müssen?

Rettenberger: Sexueller Missbrauch erstreckt sich häufig über lange Zeiträume, insbesondere wenn die Taten aus dem sozialen Umfeld heraus begangen werden. In solchen Fällen kann es Traumasymptome geben, die auffallen. Aber das ist nicht automatisch so. Kinder sind unterschiedlich. Sie können Erlebnisse mitunter lange von sich weghalten, Symptome können zeitlich verzögert auftreten. Und selbst wenn auffälliges oder aggressives Verhalten gezeigt wird - wer denkt denn gleich an solch einen Hintergrund? Das kann man nicht erwarten.

SPIEGEL ONLINE: Was macht solch eine Tat mit dem Opfer?

Rettenberger: Da ist eine schwerste Traumatisierung anzunehmen, die dieses Kind durchlebt hat. Die Wahrscheinlichkeit, dass es negative psychische Folgen davonträgt, ist deshalb hoch. Es ist ganz wichtig, dass die Betroffenen von der Öffentlichkeit geschützt werden, auch über lange Jahre hinweg. Es muss möglichst schnell in eine kindgerechte Umgebung kommen, damit es positive Bindungserfahrungen erlebt.

SPIEGEL ONLINE: Wie schwer ist es, wenn wie hier mit den Taten auch die eigene Familie wegbricht?

Rettenberger: Das ist eine doppelte Traumatisierung. Es gibt den Eingriff in die körperliche und sexuelle Unversehrtheit und es gibt den Bruch zu den primären Bezugspersonen. Es macht Bindungen schwer, wenn ausgerechnet diejenigen, die einem nahestehen, das Vertrauensverhältnis missbrauchen.

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