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Panorama

Fahndung nach mutmaßlichen G20-Randalierern

Letzte Hoffnung Öffentlichkeit

Das gab es so noch nie: Die Hamburger Polizei sucht mit Fotos nach 104 mutmaßlichen G20-Randalierern. Es geht nicht anders, sagen die Ermittler. Die Linke wittert Stimmungsmache.

DPA

Fahndungsfotos mutmaßlicher G20-Täter

Von
Montag, 18.12.2017   17:51 Uhr

Verstörende Filmszenen waren am Montag im Hamburger Polizeipräsidium zu sehen: Bilder von Randalierern, die während des G20-Gipfels im Juli in der Hansestadt wüteten. Flaschen und Böller flogen da, Chaoten verwüsteten einen Supermarkt. Ein Vermummter schmetterte einen Stein auf den behelmten Kopf einer Beamtin, die zu Boden ging.

Die Bilder illustrieren einen der größten Fahndungsaufrufe der bundesdeutschen Rechtsgeschichte. Mit Einzelfotos sucht die Polizei nach 104 mutmaßlichen G20-Tätern - und bittet öffentlich um Mithilfe. In allen Fällen gehe es um "Straftaten von erheblicher Bedeutung", sagte Oberstaatsanwalt Michael Elsner, um schweren Landfriedensbruch, Brandstiftung oder gefährliche Körperverletzung.

Die Aufnahmen sind in verschiedene Themenkomplexe aufgeteilt: Plünderungen (44 Gesuchte), Stein- und Flaschenwürfe (17), Straftaten in den Straßen Elbchaussee (5), Rondenbarg (25) und beim Aufmarsch "G20 - not welcome!" (13).

Polizeisprecher Timo Zill nannte den Schritt eine "wichtige Etappe" auf dem Weg, G20-Täter dingfest zu machen. Bei jedem Beschuldigten lägen eine oder mehrere Taten vor, die man ihm konkret vorwerfe. "Wir fragen die Bevölkerung: 'Wer kann den Fotos und Gesichtern eine Identität geben?'"

Polizei kündigt weitere Fahndungsaufrufe an

Die Soko "Schwarzer Block" bearbeitet laut Zill mehr als zwölf Terabyte Bilddateien. Insgesamt verfolgen in der Ermittlungsgruppe 163 Polizisten 3340 Fälle. Zill kündigte bereits Folgeaufrufe an. "Es wird weitere Fahndungen geben, weil wir erhebliches Beweismaterial haben, das noch ausgewertet wird."

Linksextreme gehen mit der Öffentlichkeitsfahndung auf ihre Weise um: Sie veröffentlichten Fotos von 54 Polizisten. Das löste bei Polizeigewerkschaften Entsetzen und Empörung aus.

Die Bilder für den jüngsten Fahndungsaufruf der Hamburger Ermittler stammen aus Polizeikameras, aus öffentlichen Überwachungskameras und aus privaten Videos. Die Polizei hatte auch Bürger und Journalisten gebeten, Bildmaterial zur Verfügung zu stellen. Welche Quelle jedes einzelne Bild hat, sagte Zill nicht.

Eine Öffentlichkeitsfahndung ist das letzte Mittel von Polizei und Staatsanwaltschaft. Dafür muss laut Gesetz nicht nur eine Straftat von erheblicher Bedeutung vorliegen - es müssen auch alle anderen Ermittlungsschritte erfolglos geblieben sein.

Und das aus gutem Grund: "Es gilt bei einer Öffentlichkeitsfahndung im besonderen Maße, die Persönlichkeitsrechte gegen das Strafverfolgungsinteresse abzuwägen", sagt der renommierte Kriminalpsychologe Rudolf Egg dem SPIEGEL. "Dass zunächst Verdächtige sich später als unschuldig erweisen, kommt häufig vor. Im Fall einer Öffentlichkeitsfahndung aber ist dann das Foto des Betroffenen in der Welt. Das kann schwere Folgen haben, etwa den Verlust des Arbeitsplatzes und die Ächtung im persönlichen Umfeld."

"Die Aufklärung von Straftaten ist kein Volkssport"

Oberstaatsanwalt Elsner betonte, man habe nach den 104 Unbekannten mit internen Mitteln vergeblich gesucht. Erst danach habe man beim Amtsgericht Hamburg die öffentlichen Fahndungen beantragt. "Unterschiedliche Richter haben entsprechende Beschlüsse erlassen."

Die innenpolitische Sprecherin der Linksfraktion in der Hamburger Bürgerschaft, Christiane Schneider, warf der Polizei "Stimmungsmache" vor. Die Fahndung sei unverhältnismäßig. Die Polizei sage in vielen Fällen nicht, wo die Gesuchten in den Filmen auftauchen. Dadurch würden die Leute "pauschal für die schwere Randale verantwortlich gemacht", die es ohne Zweifel gegeben habe.

Schneider unterstellte der Polizei, sie wolle sämtliche Proteste gegen G20 als gewalttätig darstellen. Bei der Demo "G20 - not welcome" etwa seien mehr als 70.000 Menschen mitgelaufen. Nur aus einer Gruppe von 200 Leuten heraus habe es Gewalt gegeben, nach einigen dieser Personen werde nun gesucht. Das Fehlverhalten dieser Leute diskreditiere aber nicht die gesamte Veranstaltung.

Kriminalpsychologe Egg warnt davor, eine Öffentlichkeitsfahndung "zu oft" zu machen. "Die Aufklärung von Straftaten ist kein Volkssport, sondern Aufgabe von Polizei und Justiz." Der Gipfel sei für die Hamburger Polizei "eine Blamage" gewesen. "Deshalb versucht man, wenigstens im Nachhinein, bei der Strafverfolgung alles richtig zu machen."

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