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Panorama

Gewalt in Beziehungen

Gewürgt, geschlagen, mit einem Messer bedroht

Wenn zwangsverheiratete Frauen sich aus einer gewalttätigen Beziehung lösen, stehen sie oft komplett allein da. Nisan verlor ihre Familie - aber rettete sich selbst und ihr Kind.

Getty Images/ iStockphoto

Bedrohte Frau (Symbolbild)

Von
Montag, 19.11.2018   16:24 Uhr

Nisan* ist der Gegenentwurf zum Klischee der misshandelten Frau: Perfekt gestylt sitzt sie am Café-Tisch, fährt sich forsch durch das lange, schwarze Haar, schaut ihrem Gegenüber direkt in die Augen. Eine selbstbewusste, quirlige Frau, die drei Sprachen spricht und auf den ersten Blick alles Mögliche sein könnte - Unternehmerin, Dolmetscherin, Erzieherin. Doch im Moment muss sie vor allem eins sein: unsichtbar.

Schuld ist - ja, wer eigentlich? Ihr psychotischer, prügelnder Ex-Ehemann? Ihre gewalttätigen und mitleidlosen Eltern, die sie in die Zwangsehe und damit fast in den Tod trieben? Ihre untätigen Geschwister? Oder eine frauenfeindliche Kultur, die all das als Tradition deklariert?

Nisan war 16, als ihre Eltern ihr eröffneten, dass sie heiraten solle. Der Vater, ein wohlhabender kurdischer Unternehmer, hatte auch bereits einen Kandidaten ausgewählt: den Sohn seiner Schwester, nennen wir ihn Ahmet.

"Im Heimatdorf meines Vaters sollte Verlobung gefeiert werden. Ich wollte nicht heiraten. Da hat mein Vater mich geschlagen. Er duldete keinen Widerspruch. Alle waren gegen mich, die ganze Familie, auch meine Mutter, denn sie hatte Angst vor meinem Vater. Ich wollte vor lauter Verzweiflung vom Balkon springen, doch mein Vater hat mich an den Haaren festgehalten und zurück in die Wohnung gezerrt, er hat mir ein riesiges Büschel dabei ausgerissen und mich grün und blau geschlagen. Als der Arzt fragte, was passiert sei, hat mein Vater ihn angelogen."

Nisan wurde verlobt. Sie machte Fluchtpläne, erkundigte sich nach Green Cards für die USA, beschwor ihren Cousin, auf die Eheschließung zu verzichten, erklärte ihren Eltern, dass sie Ahmet nicht liebe. Vergeblich.

"Er hat mich nie mit meinem Namen angesprochen"

"Ich hatte von Beziehungen überhaupt keine Ahnung, ich hatte noch nicht mal jemanden geküsst. Dann wurde ich mit 17 verheiratet und das Ekligste begann. Jedes Mal, wenn er mich berührte, musste ich weinen. Ich sei keine richtige Frau, hat er dann immer gesagt. Und ich hatte niemandem, mit dem ich darüber reden konnte."

Ahmet zog zu Nisan und ihrer Familie, für ihn war die Heirat auch ein Ticket nach Westeuropa. Er wollte möglichst schnell viel Geld verdienen, hatte aber nur sieben Jahre die Schule besucht. Also arbeitete er für den Schwiegervater, mit dem er sich aber schnell zerstritt.

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"Er hat mir den Umgang mit meinen Eltern verboten. Ich war dann allein, komplett isoliert. Ich habe als Sekretärin gearbeitet und Geld verdient, alles für ihn organisiert. Aber er hat mich geführt, er hatte die Macht über mich. Er hat mich nie mit meinem Namen angesprochen. Ich hieß entweder Hund, Dreck oder Schwein. Er hat mich ständig beleidigt und geschlagen, auch vor Zeugen, aber die fanden das normal. Nach ein paar Jahren hört das auf, sagten sie. Und ich habe gedacht: Werde ich dann noch leben?"

Nisans düstere Vorahnung war begründet, denn die Übergriffe wurden ihrem Bericht zufolge immer brutaler. Sie hatte inzwischen ein Kind bekommen, die Angst galt jetzt nicht mehr ihr allein, sondern auch der Tochter. Ahmet drohte, sie "loswerden" zu wollen, um dann mit der Kleinen in die Türkei zu verschwinden.

"Mir war ja das Schlagen nicht fremd. Mein Vater hat mich zu Hause geschlagen, meine Mutter auch. Aber mein Mann hat versucht, mich umzubringen. Einmal wollte er mich in der Küche erdrosseln. Meine Tochter hat sich an seine Beine geklammert. Seine Pupillen waren richtig schwarz. Ich konnte nicht mehr atmen, ich habe ihm zugeflüstert, er soll erst das Kind rausschicken, dann könne er mit mir machen was er wolle. Er hat unsere Tochter ins Kinderzimmer gebracht und dann hat durch Zufall eine Bekannte an der Haustür geklingelt. Er hat sich hingelegt und so getan, als ob er schläft. Gott hat mich in der letzten Sekunde gerettet."

Der Vorfall brachte Nisan dazu, Anzeige zu erstatten - etwas, das laut einer Studie der EU-Agentur für Grundrechte (FRA) gerade mal 15 Prozent der betroffenen Frauen in Deutschland tun. Ein Arzt dokumentierte die Verletzungen, sie packte ihre Sachen und floh zu ihren Eltern. Wegen so ein paar blauer Flecken müsse man ja nicht sofort von zu Hause abhauen, befand der Vater. Dann holte ihr Mann sie wieder ab. Die Situation verschlechterte sich so rasant wie der psychische Zustand Ahmets. Laut Nisan wurde er zunehmend paranoid, unterstellte ihr Affären, sprach von Ehrverletzung und Schande.

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"Eines Abends hat er mich mit einem Messer angegriffen. Ich bin in mein Zimmer gerannt, habe abgesperrt und die Polizei angerufen. Er hat die Tür eingetreten, aber die Beamten kamen noch rechtzeitig und haben ihn mitgenommen. Meine Tochter war damals vier und hat alles mitbekommen. Es ging ihr sehr schlecht. Ahmet durfte sich mir nicht mehr nähern, aber er hat mich weiter bedroht."

Nisan wollte bei den Eltern leben, sich scheiden lassen, einer Arbeit nachgehen. Sie bettelte ihren Vater an, sie aufzunehmen. Doch der war entsetzt ob der Schande, die sie angeblich über die Familie gebracht hatte. Er schlug sie vor den Augen der Enkelin. Da packte Nisan ihre Sachen und floh. Sie lief mit der Tochter zu Polizei, bekam einen Platz im Frauenhaus und schlief das erste Mal seit Jahren wieder in Sicherheit.

Was Frauen geholfen hat, die physische und/oder sexuelle Gewalt durch den Partner erlebt haben

Unterstützung durch Familie und Freunde 35%
Persönliche Stärke und Entschlossenheit 32%
Scheidung/Trennung/Umzug 30%
Es gab keine Konsequenzen aus der Gewalt 24%
Habe mit der Sache abgeschlossen 19%
Mit anderen über die Erfahrung reden 12%
Erkennen, dass Gewalt falsch war/ist 10%
Täter hat es wiedergutgemacht, sein Verhalten geändert 9%
Professionelle Unterstützung, Beratung und Opferhilfe 6%
Partner ist verstorben 2%
Anklage oder Verurteilung des Täters 2%
Anderes 4%
Ich habe die Gewalt nicht überwunden 7%

Quelle: FRA-Studie: Gewalt gegen Frauen, Mehrfachnennungen möglich

Vieles war ab jetzt neu. Nisan war es nicht gewohnt, allein zu leben. Das Aufenthaltsbestimmungs- und Umgangsrecht für die Tochter musste verhandelt werden. Im Gerichtssaal beschimpften die Verwandten sie lauthals als Schlampe. Der Richter hob hervor, dass der Vater einen festen Job habe und ein geregeltes Leben führe. Ahmet, der Geläuterte? "Was du mit sieben bist, wirst du auch mit 70 sein", sagt Nisan bitter. "Ich muss meine Tochter beschützen."

Damit tut sie etwas, was ihr die eigene Mutter verweigert hat.

"Einmal habe ich bei meiner Mama Trost gesucht. Ich habe versucht, sie zu umarmen, da hat sie mich von sich gestoßen und ich bin auf den Boden gestürzt. 'Du hast die Beziehung zwischen Deinem Vater und mir zerstört, wegen dir streiten wir', hat sie mir vorgeworfen. Da habe ich verstanden: Eine Frau kann viele Kinder auf die Welt bringen, aber nicht jede Frau kann Mutter sein. Ich hatte sehr lange die Hoffnung, dass meine Mutter mich vielleicht doch vermisst, mich irgendwie liebt. Aber das ist jetzt vorbei."

In einer europaweiten Umfrage zu Gewalt gegen Frauen nennen Betroffene an erster Stelle die Unterstützung von Familie und Freunden, wenn es darum geht, wie sie ihrem Peiniger entkommen konnten.

Nisan hatte diese Hilfe nicht - im Gegenteil. Sie verlor durch die eheliche Gewalt ihre Angehörigen, jede innerfamiliäre Zuwendung, Sicherheit, Solidarität, ihr gesamtes soziales Netzwerk. Sie war plötzlich vollkommen allein.

Gewalt gegen Frauen

Am Sonntag, 25. November, ist der Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen. Der SPIEGEL widmet sich diesem Thema mit einer Schwerpunktwoche, die Betroffenen eine Stimme geben soll: Frauen, die von ihren Ehemännern oder Partnern geschlagen, missbraucht oder manipuliert wurden. Es sollen aber auch Wege aufgezeigt werden, wie Opfer der Gewalt entkommen konnten - und welche Möglichkeiten es gibt, mit der Situation umzugehen.
Weitere Informationen, etwa zu Beratungsstellen oder Selbsthilfegruppen in Ihrer Nähe, gibt es beim Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe.

"Häusliche Gewalt ist in allen Gesellschaftsschichten vertreten, sie macht nicht Halt vor einem hohen Einkommen oder Bildung", sagt die Kriminologin und Soziologin Julia Reinhardt von der Bundesarbeitsgemeinschaft "Täterarbeit Häusliche Gewalt". Nicht die äußeren Faktoren seien ausschlaggebend, sondern die innerfamiliären Beziehungen, die Rollenbilder und das gelernte Konfliktverhalten. Oft lernten die späteren Opfer schon als Mädchen, sich zurückzunehmen, väterliche Gewalt mit einem "Er meint das nicht so" zu entschuldigen. "Das schauen sie sich von der Mutter ab, das wird zum vertrauten Muster und prägt das Männerbild. Und später streben sie unbewusst zu dem bekannten Muster."

Nisans Geschichte erzählt vom Versagen der Mutter, von Lieblosigkeit, Einsamkeit und einem immensen psychologischen Druck von allen Seiten: Der Vater erpresst Nisan, indem er droht, sich wegen ihr von der Mutter scheiden zu lassen. Die Mutter erklärt, ihr Ehemann habe gedroht, sie öffentlich zu diskreditieren, wenn die Tochter nicht gehorche.

Frauen mit Migrationshintergrund sind Studien zufolge häufiger und schwerer von Gewalt durch Partner betroffen und können sich schwerer aus der Gewaltsituation lösen. In Nisans Fall kam Willkür hinzu: Die Eltern berufen sich auf Tradition und Ehre, aber absurderweise nur bei der Erstgeborenen. Der Vater unterstützt sogar eine Schwester, die als alleinerziehende Geschiedene in einer Großstadt lebt.

Für Nisan ist diese Ungerechtigkeit noch immer schwer zu ertragen. "Ich habe mich ins Feuer geworfen, um alle zu schützen. Das würde ich heute nicht mehr tun."

*Sämtliche Namen wurden zum Schutz der Frau geändert

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