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Panorama

Schockanrufe

Polizei warnt vor aggressiver Masche der Trickbetrüger

Auf den Enkeltrick fallen selbst Gutgläubige immer seltener herein. Kriminelle setzen deshalb auf eine andere Masche: Sie üben extremen Druck aus. Wie Opfer das erleben - und wie man die Betrüger erkennt.

imago/ photothek

Anruf bei Seniorin (Symbolbild)

Von Lisa Duhm
Mittwoch, 13.06.2018   16:49 Uhr

Das Telefon klingelt. Der Sohn sei verunglückt, es werde dringend Geld für die teure OP benötigt, erzählt der behandelnde Arzt.

Ein Polizist meldet sich, die Nichte habe einen Unfall gebaut, das Auto sei nicht versichert gewesen. Um sie vor der Haft zu bewahren, seien mehrere zehntausend Euro nötig.

Tatsächlich sind die Anrufer weder Ärzte noch Polizisten, sondern Trickbetrüger. "Diese Schockanrufe sind eine besonders miese Masche", sagt Frank-Martin Heise, Chef des Hamburger Landeskriminalamts (LKA). "Wir haben es hier mit einer neuen Art von Trickbetrug zu tun." Die Betrüger setzten damit besonders ältere Menschen so unter Druck, dass die in ihrer Not nur noch möglichst schnell die Anweisungen befolgten - meist sollen sie zwischen 20.000 und 40.000 Euro abheben.

Deutschlandweit verzeichnet die Polizei laut Heise einen Trend. Allein in Hamburg wisse man von über tausend Fällen des versuchten Trickbetrugs per Telefon, bei dem sich der Täter etwa als falscher Polizist ausgebe - seit Jahresbeginn. Das sind mehr als im gesamten Jahr 2016, damals bearbeitete die Polizei 615 Fälle. Vor dem Enkeltrick sind Bürger zunehmend gewarnt (mehr dazu lesen Sie hier). Deshalb haben die Betrüger eine neue Masche: Schockanrufe. Erst vor wenigen Tagen verlor eine Seniorin in Hamburg auf diese Weise 30.000 Euro.

Fast wäre es Helmut Haeckel ebenso ergangen. "Hätte man mich vorher gefragt, ob ich auf einen Trickbetrüger hereinfalle, hätte ich gesagt: auf keinen Fall. Dafür bin ich viel zu erfahren", sagt der 81-jährige Hamburger.

"Ich müsse sofort mein Konto räumen, um mein Geld zu schützen"

Es ist der 28. Mai 2018, Haeckel hat es eilig: Er will gerade los, um Besuch abzuholen, als das Handy klingelt. Am anderen Ende der Leitung ist angeblich ein Herr Novak vom LKA. "Der sagte, man sei zwei Rumänen auf die Schliche gekommen, die meine Kontodaten erbeutet hätten. Ich müsse sofort mein Konto räumen, um mein Geld zu schützen."

Haeckel vertraut dem Mann, der da so ruhig und freundlich mit ihm spricht. Der trägt ihm auf, das Geld unter einem Vorwand bei der Bank abzuheben und ihn dabei über das Handy mithören zu lassen - angeblich, weil die Bankmitarbeiter Komplizen der Rumänen seien. "In Wirklichkeit wollte der Betrüger wissen, ob sich die Polizei einschaltet oder ob alles glatt läuft", sagt LKA-Chef Heise.

Polizei Hamburg

Hamburgs LKA-Chef Frank-Martin Heise

Am Ende geht die Sache glimpflich aus: Eine aufmerksame Bankmitarbeiterin fragt Haeckel, ob er angerufen worden sei - und informiert heimlich die Polizei. Die kann den Rentner aufklären. "Ich war einfach nur erleichtert", sagt Haeckel.

Im Zweifel auflegen

Er ist ein typisches Opfer der Betrüger - sie haben es besonders auf ältere Menschen abgesehen. Die Betrüger suchen im Telefonbuch nach Personen, deren Vorname ein hohes Alter vermuten lässt. "In dieser Gruppe ist das Vertrauen in die Polizei oder in Ärzte sehr hoch. Das wird ausgenutzt", sagt Heise.

Die Polizei gibt Empfehlungen, wie man sich schützen kann. Es sind denkbar einfache Hinweise, die dennoch allzu oft nicht befolgt werden.

"Es ist wichtig, im Bekanntenkreis auf das Thema aufmerksam zu machen", sagt Heise. Insgesamt hätten die Trickbetrugsfälle eine niedrige Aufklärungsrate. Wenn das Geld erst einmal bei den Betrügern ist, haben Betroffene kaum Chancen, es zurückzubekommen.

Video: Die Methoden der Enkeltrick-Mafia

Foto: SPIEGEL TV

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