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Panorama

Urteil im Fall Höxter

Nur gemeinsam waren sie tödlich

Zwei Frauen starben nach schweren Misshandlungen im Haus von Wilfried und Angelika W. Jeder für sich wäre kaum zu derartigen Taten fähig gewesen - doch als Duo ergab sich eine toxische Verbindung.

Foto: DPA
Von , Paderborn
Freitag, 05.10.2018   19:01 Uhr

Der große Saal des Paderborner Landgerichts ist brechend voll, bis in die letzte Ecke stehen Zuhörer, die keinen Sitzplatz mehr ergattert haben. Nach zwei Jahren Verhandlungsdauer und 60 Hauptverhandlungstagen spricht der Vorsitzende Richter Bernd Emminghaus das Urteil: Angelika und Wilfried W., heute 47 und 49 Jahre alt, sind des Mordes und des versuchten Mordes durch Unterlassen schuldig.

Wilfried W. im rotkarierten Hemd atmet schwer vor Aufregung. Mit den Händen schützt er sein Gesicht vor den Blicken des Publikums. Daneben wirkt die Angeklagte Angelika W. eher entspannt, als Emminghaus das Strafmaß verkündet.

Zwei Frauen, Anika W. und Susanne F., starben - entkräftet durch ein Martyrium. 70 Arten von Misshandlungen hatte Angelika W. für das Gericht aufgelistet. Richter Emminghaus erwähnt: Schlagen, Würgen mit Gürteln und Seilen, mit den Knien auf den Bauch stellen, Anketten am Heizkörper und in der Badewanne im Keller.

"Dieses menschenverachtende Verhalten der Angeklagten und die Vielzahl der Misshandlungen" hätten die Frauen in einen kritischen Zustand gebracht, sagt Emminghaus. Lebensbedrohlich wurde der Zustand wohl, weil beide stürzten. Anika W. mit dem Kopf auf den geteerten Boden des Hofs, Susanne F. nach einer Schubserei gegen einen Küchenschrank. Wilfried und Angelika W. hätten erkannt, dass das Leben der Frauen in Gefahr war. Aber einen Arzt hätten sie nicht gerufen, aus Angst vor Entdeckung.

Dafür soll Angelika W. für 13 Jahre ins Gefängnis. Über den 49-jährigen Wilfried W. verhängt das Gericht elf Jahre und die Einweisung in den psychiatrischen Maßregelvollzug.

Der Herr im Haus

Als Horrorhaus von Höxter ist der Fall längst in die Kriminalgeschichte eingegangen: Über Jahre hatten Wilfried W. und seine Ex-Ehefrau Angelika Frauen in ihr Haus in Höxter-Bosseborn gelockt. Gezielt hätten sie Frauen ausgesucht, die finanziell unabhängig waren und möglichst keine weiteren sozialen Kontakte hatten, sagt Emminghaus. "Die Frauen waren teilweise selbstbewusst, teilweise anlehnungsbedürftig. Bereit, Wilfried W. als Herrn im Hause anzuerkennen."

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Angelika W.

Mit einem perfiden System aus Regeln und Strafen machten die beiden ihre Opfer gefügig. "Es begann mit Schubsen", dann sei das Regime immer gewalttätiger geworden. Angelika W. beschrieb vor Gericht, wie sie Anika W. einmal bäuchlings in der Badewanne festkettete und das Wasser laufen ließ. "Ich hätte die alte Kuh ersaufen lassen", zitiert Richter Emminghaus ihre Worte: "Sie hätte Anika ertrinken lassen, ihr war alles egal, sie wollte sie nicht mehr sehen." Doch Wilfried W. holte die Frau aus dem Wasser. So blieb es beim Mordversuch.

Staatsanwalt Ralf Meyer hatte für beide Angeklagten eine lebenslange Freiheitsstrafe gefordert, dazu die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld. Das Urteil bleibt demgegenüber maßvoll, Emminghaus erklärt, warum: Ein versuchter Mord wiegt weniger schwer als ein vollendeter, ein Mord durch Unterlassen weniger als ein aktiv begangener, etwa mit einem Messerstich oder einem Schuss.

Warum bekommt Wilfried die mildere Strafe?

Bei Angelika W. kommt hinzu: Ohne ihre Einlassungen wäre wenig bekannt über die letzten Lebensmonate von Anika W. und Susanne F. Vor Gericht beschrieb sie, wie sie und Wilfried die Frauen quälten, wenn sie vergaßen, dem Herrn des Hauses rechtzeitig den Tee hinzustellen oder verkehrte Antworten gaben. "Weil sie diese Angaben aus freien Stücken, umfassend und detailreich gemacht hat, alle widerwärtigen Einzelheiten nicht aussparend, glaubt die Kammer der Angeklagten", sagt Emminghaus. Für Angelika W. gibt es als Kronzeugin Strafnachlass.

Aber warum bekommt Wilfried W. eine mildere Strafe als seine Ex-Frau? Noch in der Anklageschrift des Staatsanwalts war er als treibende Kraft erschienen, der Angelika W. zu seinem willigen Werkzeug dressiert und geprügelt habe. Ein erstes Gutachten hatte ihm sexuellen Sadismus attestiert, "offenbar unrichtig", sagt Emminghaus jetzt.

Ganz anders stellte sich die Dynamik des ungleichen Paars in einem zweiten Gutachten der forensischen Psychiaterin Nahlah Saimeh dar: Auf der einen Seite die überdurchschnittlich intelligente, herrische, pflichtversessene Angelika W., die mal zur Gutachterin sagte, als KZ-Aufseherin hätte sie wohl einen Orden bekommen. Auf der anderen Seite Wilfried W., ein lebensuntüchtiger Mann mit der moralischen Reife und dem intellektuellen Niveau eines Grundschülers, IQ von 57, im Bereich des Schwachsinns. Jeder für sich wäre kaum zu derartigen Taten fähig gewesen, gemeinsam waren sie tödlich.

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Wilfried W.

Das Gutachten, sagt Emminghaus, habe "zu einem anderem Bild von der Schuldfähigkeit des Wilfried W. und der Beziehung der Angeklagten" geführt. Für Wilfried W. bedeutet es: erheblich verminderte Steuerungsfähigkeit.

Dann beschließt Emminghaus sein letztes Verfahren vor dem Ruhestand, in westfälischer Sachlichkeit: "Das war's."

"Gut weggekommen"

Nach der Urteilsverkündung sind die Anwälte von Reportern umringt: Angelika W.s Verteidiger Peter Wüller hatte Freispruch vom Vorwurf des Mordes durch Unterlassen gefordert. "Frau W. ist gut weggekommen", findet er nun.

Wilfried W.s Verteidiger Detlev Binder und Carsten Ernst hatten eine Freiheitsstrafe von siebeneinhalb Jahren für ihren Mandanten beantragt, mit seinem IQ von 57 sei er nicht fähig gewesen, den Ernst der Lage zu erkennen. Und jetzt? "Aus unserer Sicht ist es ein sehr gutes Ergebnis", sagt Verteidiger Binder. Und der Staatsanwalt? "Ich halte das Urteil für vertretbar", sagt Ralf Meyer.

Auf dem Gerichtsflur steht nach der Urteilsverkündung auch Sigrid Kamisch, Anika W.s Mutter, 77 Jahre alt. Während der Vorsitzende über Anikas Martyrium sprach, hatten sich viele Augen im Saal auf sie gerichtet, ihr liefen die Tränen. Zu fast allen Verhandlungstagen war sie angereist, aus Berlin. Stets hatte sie Haltung bewahrt. Selbst dann noch, als die Angeklagte beschrieb, wie sie Anikas Leiche in der Tiefkühltruhe einfror, zersägte und im Ofen verbrannte. Keine lauten Ausbrüche, keine empörten Statements für die Presse, nichts von all dem, womit Nebenkläger bisweilen die Stimmung in Verfahren anheizen. Dafür hatte Emminghaus ihr zu Beginn der Urteilsbegründung seinen Respekt ausgesprochen.

Wilfried W. war mit ihrer Tochter Anika verheiratet, als sie in seinem Haus zu Tode kam, aber ihren Schwiegersohn bekam Sigrid Kamisch erstmals im Paderborner Gerichtssaal zu Gesicht. 60 Verhandlungstage lang saßen sich die beiden gegenüber. Und nun? "Ich bin erleichtert, dass es vorbei ist", sagt sie. "Für mich ist das Urteil in Ordnung. Zwei oder drei Jahre mehr oder weniger spielen keine Rolle." Angelika W. könne sich womöglich im Gefängnis zu einem anderen Menschen entwickeln.

Und Wilfried W.? Von ihm bekam sie kürzlich einen Brief, zwei DIN-A4-Seiten lang. Sigrid Kamisch ist noch unentschlossen, ob sie ihn in den Müll werfen soll. "Sehr geehrte Frau Kamisch", lautet die Anrede, dann folgt in ungelenken Worten und krakeliger Schrift, wie sehr ihm alles leid tue. Der Brief endet: "Ich werde Anika nie vergessen in meinem Herzen wird sie immer weiterleben." Unterschrift: "In Liebe Wilfried".

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