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Panorama

Bilanz der Kölner Silvesternacht

Hunderte Opfer, fast keine Täter

Mehr als 600 Frauen berichteten nach der Kölner Silvesternacht 2015, Opfer eines sexuellen Übergriffs geworden zu sein. Die Behörden ermittelten mit enormem Aufwand - doch nach SPIEGEL-Informationen fällt die Bilanz ernüchternd aus.

DPA

Menschen auf dem Vorplatz des Kölner Hauptbahnhofs in der Silvesternacht 2015

Von
Montag, 11.03.2019   16:08 Uhr

Also sprach die Kanzlerin: Die Taten der Kölner Silvesternacht seien "widerwärtig" und verlangten nach einer "harten Antwort des Rechtsstaats". Es müsse alles getan werden, "die Schuldigen so schnell und so vollständig wie möglich zu ermitteln und ohne Ansehen ihrer Herkunft oder ihres Hintergrundes zu bestrafen".

Das war im Januar 2016, wenige Tage nach der Kölner Silvesternacht, in der genau 661 Frauen gemeldet hatten, Opfer einer Sexualstraftat geworden zu sein. Insgesamt hatten laut Staatsanwaltschaft 1304 Personen Strafanzeigen erstattet. "Frauen mit Begleitung oder ohne durchliefen einen im wahrsten Sinne 'Spießrutenlauf' durch die stark alkoholisierten Männermassen, wie man es nicht beschreiben kann", hieß es damals in einem vertraulichen Einsatzbericht der Bundespolizei.

Im Video: Rekonstruktion der Silvesternacht (SPIEGEL TV vom 10.01.2016)

Foto: SPIEGEL TV

Die Kölner Polizei richtete umgehend eine Sonderkommission ein, die Ermittlungsgruppe "Neujahr", in der zeitweise mehr als hundert Beamte arbeiteten - so viele wie sonst nur nach Terroranschlägen. Selbst sogenannte Super Recognizer von Scotland Yard halfen, speziell geschulte Beamte, die Verdächtige auf Videobildern wiedererkennen sollten.

"Wir hatten alle Ressourcen, wir haben uns gewaltig Mühe gegeben", sagt einer der damaligen Ermittler. "Aber natürlich war uns von Beginn an klar, dass wir nur wenige Täter fassen werden." Fachleute hatten sich schon wenige Tage nach der Silvesternacht ausgesprochen skeptisch über die Erfolgsaussichten der Ermittlungen geäußert.

Eine Haft und zwei Bewährungsstrafen gegen Sexualstraftäter

Mehr als drei Jahre später lässt sich nun eine abschließende Bilanz ziehen, wie "hart" die Antwort des Rechtsstaats tatsächlich ausgefallen ist. Dem SPIEGEL liegt eine entsprechende Aufstellung des Amtsgerichts Köln vor. Den mehr als 600 mutmaßlichen Opfern von Sexualstraftaten stehen demnach gerade einmal drei überführte Sexualstraftäter gegenüber. Zwei von ihnen kamen mit Bewährungsstrafen davon - wegen sexueller Nötigung.

So hatte ein Iraker eine junge Frau gegen deren Willen geküsst und ihr Gesicht abgeleckt, ein Algerier aus einer Gruppe heraus gedroht: "Give me the girls, give the girls - oder Tod." Der Libyer Muhamed A. - er hatte Frauen begrapscht - erhielt eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und neun Monaten wegen tätlicher Beleidigung in zwei Fällen und Verstoßes gegen das Aufenthaltsgesetz.

Die drei Männer wurden nach SPIEGEL-Informationen nur überführt, weil sie vor den Übergriffen Selfies von sich und ihren Opfern gemacht hatten. Das erlaubte eine Identifikation. In vielen anderen Fällen konnten die Betroffenen Peiniger, die aus dem Getümmel heraus zugeschlagen hatten, nicht eindeutig erkennen.

"Insgesamt fällt das Ergebnis ernüchternd aus"

Insgesamt hatte die Kölner Staatsanwaltschaft gegen 290 Personen ermittelt, doch nur 52 von ihnen wurden in insgesamt 43 Verfahren angeklagt. Bei den Angeklagten handelte es sich laut Amtsgericht vor allem um Algerier (17), Marokkaner (16) und Iraker (7). Zudem gab es sechs Strafbefehle.

Im Video: Silvesternacht in Köln - Protokoll einer Betroffenen

Foto: dbate.de

"Insgesamt fällt das Ergebnis ernüchternd aus", sagt der Sprecher des Kölner Amtsgerichts, Wolfgang Schorn. "Die tumultartige Situation der Silvesternacht hat zu einer schwierigen Beweislage geführt." So sei es kaum möglich gewesen, einzelnen Tätern konkrete Handlungen zuzuordnen.

Für die Justiz ist die Kölner Silvesternacht damit erledigt. Eine harte Antwort ist der Rechtsstaat - allen Aussagen der Kanzlerin zum Trotz - schuldig geblieben.

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