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Panorama

Mordfall Tunahan Keser

Der rätselhafte Tod eines Boxers

Der Profiboxer Tunahan Keser wurde erschossen an einer Autobahnraststätte bei Hamburg gefunden. Auch sechs Monate später ist der Fall ein Rätsel. In seiner Familie kursiert ein Verdacht.

privat

Tunahan Keser

Von und
Mittwoch, 10.01.2018   01:56 Uhr

Wenn Cemil Keser an der Stelle vorbeifährt, an der sie seinen Sohn fanden, hält er die Hand wie eine Scheuklappe vor das Gesicht, so erzählt er es. Holmmoor. Nur nicht hinschauen, hinüber zu der Raststätte, die man auf der A7 nördlich von Hamburg passiert. Anhalten, das Auto parken, aussteigen? Undenkbar, sagt der 46-Jährige. "Das würde mich kaputt machen."

Zu tief sitzt der Schmerz, zu sehr quälen die Fragen. Was geschah damals, vor einem halben Jahr? Warum musste Tunahan sterben, der Erstgeborene, 22, Profiboxer? Erschossen lag er da in einem Waldstück, das an den Rastplatz grenzt, die Leiche bereits stark verwest.

Der Fall ist bis heute ein Rätsel. Die Ermittler gehen von Mord aus. Wer ihn begangen hat, wissen sie nicht. Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Itzehoe teilte dem SPIEGEL mit, das Verfahren richte sich zwar seit wenigen Wochen gegen einen Beschuldigten. Es gebe aber "keinen dringenden Tatverdacht", niemand sitze in Haft. Details wollte der Sprecher nicht nennen.

Und so bleiben es Anhaltspunkte, die einen brisanten Verdacht der Familie stützen sollen: Der Schlüssel zur Tat müsse in der Boxszene liegen.

"Eine andere Erklärung finden wir nicht", sagt Vater Keser. "Niemand war so böse auf uns, dass er Tunahan etwas antut." Der Sprecher der Staatsanwaltschaft erklärte, man ermittle "in alle Richtungen".

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Tunahan Keser: Mord an einem Boxer

Es wäre nicht das erste Mal, dass Schüsse die Boxwelt erschüttern. Es ist ein Sport, in dem körperliche Gewalt eine zentrale Rolle spielt. Und das Schummerlicht der Arena zieht gerne auch zwielichtige Figuren an. Manche Größen der Halbwelt machen da ihre Geschäfte, die in der Regel all jenen verborgen bleiben, die nur für die Eisenfäuste der Klitschko-Brüder schwärmen.

Schüsse in der Boxszene

Im August 2009 wurde dem umstrittenen Promoter Ahmet Öner in einem Hamburger Hinterhof ins linke Bein geschossen. Es gab Spekulationen über Täter, die Hintergründe wurden nie aufgeklärt. Der neue Schwergewichts-Champion Manuel Charr überlebte im September 2015 einen Mordanschlag nur dank einer Notoperation. Er hatte in einem Essener Dönerimbiss mehrere Bauchschüsse erlitten.

Der Schütze, ein Bekannter von Charr, stellte sich und wurde zu fünf Jahren Haft verurteilt. Motiv für das Attentat soll ein Streit gewesen sein, den die beiden über die sozialen Medien ausgefochten hatten. Nachwuchsboxer Keser trainierte bei zwei Gym-Betreibern, die bereits Jahre im Gefängnis saßen - wegen Gewalt- und Drogendelikten.

Keser kam mit 15 zum Boxen, so erzählt es sein Vater. Der Teenager war mit seinem jüngeren Bruder bei der Mutter in Köln aufgewachsen. Als er wegen ständiger Schlägereien auffiel, nahm ihn der Vater zu sich nach Schenefeld bei Hamburg. Cemil Keser suchte nach einem Sport, der die Aggressivität des Jungen in Bahnen lenkte. Boxen gefiel Tunahan. Und er machte rasch von sich reden.

"Ich möchte Deutscher Meister werden, Europameister - wenn nicht sogar Weltmeister", sagte er über seine sportlichen Ziele. Ob er es über den nationalen Titel hinausgebracht hätte, ist aber fraglich. Der Normalausleger war kein Ausnahmetalent, das wurde schon bei seinem Profidebüt klar.

Am 3. August 2013, vier Wochen vor seinem 19. Geburtstag, mühte sich Keser zu einem Unentschieden gegen den Tschechen Petr Gina. Ginas Bilanz zu diesem Zeitpunkt: elf Kämpfe, elf Niederlagen, neun davon durch K.o. Für Keser deutete wenig auf eine erfolgreiche Karriere hin.

Als Ticketverkäufer beliebt

Auf größeren Box-Events wurde Keser nicht aufgrund seiner sportlichen Qualität eingesetzt, sondern weil er als Ticketverkäufer galt, der bis zu 500 Fans mit in die Halle bringt. Promoter lieben Boxer wie Keser, die keine großen Ansprüche stellen, aber Umsatz generieren. Sie machen den ersten oder zweiten Kampf des Abends, haben aber den Ring schon lange wieder verlassen, wenn die Live-TV-Übertragung beginnt.

Der Vater sagt, nie sei davon die Rede gewesen, dass Tunahan vom Boxen leben sollte. Drei bis bis vier Profikämpfe habe er pro Jahr gehabt. Gage: jeweils 1500 bis 2000 Euro. Den Lebensunterhalt habe Tunahan als Dienstleister für einen großen Autohersteller verdient.

Dank einer Finanzspritze des Vaters gehörte das Unternehmen dem Boxer zur Hälfte. Er fuhr tagsüber Autos zu Kunden, holte Autos ab, brachte sie in die Fachwerkstatt. Insgesamt habe Tunahan 2000 bis 4000 Euro netto pro Monat verdient. Wenige Monate vor seinem Tod habe er sich über die Firma einen gebrauchten Maserati für 46.700 Euro kaufen können - auch wenn 20.000 Euro Kredit nötig waren.

Der Superleichtgewichtler - 1,68 Meter, 65 Kilo - war bekannt für seine Trainingsdisziplin. Fünf Tage die Woche stieg er nach der Arbeit für zwei bis drei Stunden in den Ring. Am 23. Juni, einem Freitag, sollte er seinen zwölften Profikampf bestreiten, beim "Rumble on the Island" in Hamburg-Wilhelmsburg.

Der Termin war jedoch am 14. Juni verschoben worden, aus wirtschaftlichen Gründen. Im Vorverkauf ließen sich kaum Tickets absetzen, wie der Veranstalter dem SPIEGEL bestätigte. Tunahan Keser verplante den 23. Juni neu. Er wollte mit seiner Freundin nach Köln fahren, um die Mutter zu besuchen.

Der Boxer verschwand am späten Nachmittag

Der Vater berichtet, Tunahan habe seine Freundin um kurz nach fünf am Nachmittag angerufen. Sie solle nach Schenefeld kommen, in die Wohnung der Kesers. Spätestens um halb sechs soll sich Tunahan an seiner Arbeitsstelle in der Kollaustraße in Hamburg auf den Heimweg gemacht haben.

Er kam nie an.

Noch in der Nacht ging der Vater, so erzählt er es, erstmals zur Polizei, am Sonntag nahm sie eine Vermisstenanzeige auf. Immerhin war der Sohn erwachsen. Was der Vater zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste: Bereits in der Nacht zum 23. Juni hatte ein Unbekannter Tunahans Trainer Khoren Gevor in den Oberschenkel geschossen. In der Halbwelt das Zeichen für eine letzte Warnung.

Gevor erinnert sich im Gespräch daran, wie er damals aus dem Auto stieg. Ein Vermummter habe sich genähert und den Schuss abgefeuert. Zunächst, sagt Gevor, habe er die Lage falsch eingeschätzt. "Ich hatte keine großen Schmerzen, die Wunde hat kaum geblutet - ich dachte, das war keine echte Waffe." Erst das Krankenhaus, in das er ging, alarmierte mehr als eine Stunde später die Polizei. Seither grübelt Gevor über die Hintergründe.

Kritik an den Behörden

Kesers Maserati (Kennzeichen: PI-TK-777) wurde bereits kurz nach dem Verschwinden des Boxers auf einem Parkplatz in der Nähe seiner Arbeitsstelle gefunden. Bis ein Lkw-Fahrer die Leiche am 21. Juli fand, verging ein Monat.

"In den vier Wochen nach dem Verschwinden von Tunahan haben die Behörden vieles vermasselt", behauptet Cemil Keser. Sie hätten intensiver ermitteln müssen. Klaus Friedrich, Rechtsanwalt von Cemil Keser, sagt, ein Gericht habe es wochenlang nicht erlaubt, das Handy des Vermissten zu orten.

Die Polizei teilte dem SPIEGEL mit, es seien "die regelmäßig bei Verfahren von vermissten Personen zu veranlassenden Maßnahmen ergriffen und zeitnah umgesetzt" worden. Was das konkret heißt, wollte die Polizei nicht beantworten.

Mit Verweis auf das laufende Verfahren äußerten sich die Ermittler auch nicht zu den Details des Mordes. Generell "wird in den Ermittlungen nach jedem Strohhalm gegriffen", sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft. Die Mordkommission in Itzehoe prüfe, ob es einen Zusammenhang zwischen den Schüssen auf Boxer und Trainer gebe.

Cemil Keser ist verzweifelt. "Ich leide", sagt er. Der Vater will jetzt selbst etwas tun. Er verspricht für Hinweise, die den Fall lösen, 10.000 Euro Belohnung. Aus seinem Privatvermögen.

insgesamt 1 Beitrag
eifrigerleser 10.01.2018
1. Liebe SpOn-Redaktion
Da ein sehr guter Freund von mir mit Tunahan Käser quasi aufgewachsen ist und sich sehr erstaunt über Ihren Artikel zeigte, bitte ich um eine bessere Recherche zu seinen Erfolgen. Tunahan Käser: 11 Kämpfe, 8 Siege, 6 durch [...]
Da ein sehr guter Freund von mir mit Tunahan Käser quasi aufgewachsen ist und sich sehr erstaunt über Ihren Artikel zeigte, bitte ich um eine bessere Recherche zu seinen Erfolgen. Tunahan Käser: 11 Kämpfe, 8 Siege, 6 durch KO.

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