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Panorama

Sexuelle Nötigung

Freiheitsstrafe für früheren Präsidenten der Münchner Musikhochschule

Das Münchner Landgericht hat den ehemaligen Präsidenten der Musikhochschule München wegen sexueller Nötigung zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Vom Vorwurf der Vergewaltigung wurde er freigesprochen.

DPA

Angeklagter Mauser vor Gericht (Archiv)

Von Jan-Philipp Möller, München
Mittwoch, 16.05.2018   20:06 Uhr

Der frühere Präsident der Münchner Musikhochschule, Siegfried Mauser, ist wegen sexueller Nötigung schuldig gesprochen worden. Das Landgericht München verurteilte ihn zu zwei Jahren und neun Monaten Haft. Der angesehene Konzertpianist, Kammermusiker und Liedbegleiter habe in drei Fällen zwischen 2007 und 2013 eine Sängerin sexuell genötigt - einmal an der Grenze zur versuchten Vergewaltigung.

Die Staatsanwaltschaft hatte Mauser zudem vorgeworfen, 2004 eine andere Frau, die sich auf eine Stelle als Assistentin beworben hatte, in seinem Dienstzimmer vergewaltigt zu haben. Von diesem Vorwurf wurde er freigesprochen, da die Betroffene sich nach Ansicht des Gerichts gegen den Akt des Eindringens nicht deutlich genug gewehrt habe. Hier kam Mauser zugute, dass nicht nach dem neuen Sexualstrafrecht geurteilt wurde, das 2016 verschärft worden war.

Die Vorwürfe reichen in Mausers Zeit als Hochschulpräsident in München zurück, die 2014 mit seiner Berufung ans Mozarteum endete. Der Prozess am Münchner Strafjustizzentrum erregte großes Aufsehen, weil der 63-Jährige zu den bekanntesten deutschen Künstlern der Neuen Musik gehört. Der Kammermusiker saß in zahlreichen Kuratorien und Gremien, wie dem ARD-Musikwettbewerb, und galt als einflussreicher Strippenzieher.

"Kafkaeske Situation"

Als die Staatsanwältin Elke Bönisch nach ihrem Plädoyer einen Haftbefehl beantragte, kehrte erstmals Ruhe ein im völlig überfüllten Saal 229. "Mauser scheint nach der Devise zu handeln, dass er immer alles bekommen könne", vermutete Bönisch. Zugute hielt sie ihm die geringe Gewaltbereitschaft; andererseits seien die Tatumstände besonders erniedrigend für das Opfer gewesen.

Für die Verteidigung war Siegfried Mauser "unschuldig in diese kafkaeske Situation" geraten. Rechtsanwalt Alexander Stevens sprach in seinem Plädoyer von einer massiven Vorverurteilung seines Mandanten durch Teile der Medien. Der Musiker sei durch die zwei Frauen mit Scheinerinnerungen schwer belastet worden, so Mausers zweiter Verteidiger Philip Müller. Er monierte Widersprüche sowie Auto- oder Fremd-Suggestion. "Ein solcher Zeugenbeweis sei nicht viel wert", argumentierte die Verteidigung in ihrem mehr als zwei Stunden dauernden Plädoyer.

Der Prozess gegen das Mitglied der Bayerischen Akademie der schönen Künste hatte im November vergangenen Jahres begonnen. Die Kammer unter Vorsitz von Richterin Judith Engel hatte mit einer kürzeren Prozessdauer gerechnet, verhandelte dann aber mit großem Detailinteresse an 19 Tagen, teils bis spät in die Abendstunden, vernahm eine Sachverständige und hörte mehr als 30 Zeugen.

Oft ging es dabei weniger um die angeklagten Vorfälle als mehr um die Atmosphäre an der Musikhochschule München, die der SPIEGEL in seiner aktuellen Ausgabe beschreibt:

Sex im Präsidentenbüro

Wie in Sexualstrafverfahren häufig, bestand die Herausforderung für das Gericht in der Beweissituation. In der Aussage-gegen Aussage-Konstellation lag der Schwerpunkt in der Gesamtwürdigung aller Umstände. Schlussendlich sprachen die Glaubwürdigkeitskriterien zugunsten der Geschädigten.

"Er hat seine Machtstellung rigoros ausgenutzt", sagte die Strafrechtlerin und Nebenklagevertreterin Antje Brandes. Sie warf dem Angeklagten vor, sich als Opfer darzustellen. Mauser hatte die Vorwürfe zurückgewiesen. Er habe niemals sexuellen Kontakt mit Frauen gegen deren Willen gehabt, hatte er vor der Verkündung des Urteils beteuert.

Mauser war bereits in einem anderen Fall, der sich auch an der Musikhochschule München zutrug, wegen sexueller Nötigung zu neun Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt worden - sämtliche Urteile sind noch nicht rechtskräftig. Sigfried Mauser bleibt vorläufig frei, seine Verteidigung will auch das jetzige Urteil anfechten.

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