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Panorama

Plädoyer im NSU-Prozess

Beate Zschäpe, das missverstandene Wesen?

Keinen aus ihrem Anwaltsteam wollte Beate Zschäpe mehr loswerden als Anja Sturm. Nun plädiert die Verteidigerin - und versucht, das öffentliche Bild der Hauptangeklagten zu erschüttern.

AP

Beate Zschäpe

Von , München
Mittwoch, 13.06.2018   16:12 Uhr

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Man kann ohne Übertreibung sagen: Ab einem gewissen Zeitpunkt hatte sich Beate Zschäpe auf ihre Verteidigerin Anja Sturm eingeschossen. Wollte sie im Juli 2014 noch alle drei Verteidiger - also auch Wolfgang Heer und Wolfgang Stahl - loswerden, mühte sie sich im Juni 2015, vor allem Anja Sturm aus dem Mandat zu ekeln.

Doch auch diesen Antrag, wie alle folgenden, lehnte der 6. Strafsenat des Münchner Oberlandesgerichts ab. Heer, Stahl und Sturm blieben auf Gedeih und Verderb in ihrem Pflichtverteidigermandat.

Dabei war es Zschäpe, die unbedingt eine Frau in ihrem Anwaltsteam haben wollte, eine weibliche Vertraute. Doch auf einmal sollte Sturm am weitesten von Zschäpe entfernt sitzen. So wollte diese es haben. Sie beschuldigte Sturm der Heuchelei, bezeichnete sie als unredlich und nur auf die Anwaltsgebühren aus. Sturm nahm es souverän.

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Zschäpe-Verteidiger Anja Sturm, Wolfgang Heer, Wolfgang Stahl

Und genau so steht die Strafverteidigerin am 432. Verhandlungstag am Rednerpult und versucht, die Interessen der Frau zu vertreten, mit der sie seit Jahren kein Wort gesprochen hat.

Sturm beschäftigt sich in ihrem Teil des Plädoyers mit zwei Komplexen: Hat sich Zschäpe der mitgliedschaftlichen Betätigung in einer terroristischen Vereinigung strafbar gemacht? Und liegen die Voraussetzungen für die Anordnung der Sicherungsverwahrung vor?

Halt in der Skinheadszene gefunden

Nein, beantwortet Sturm beide Fragen. Der NSU sei keine terroristische Vereinigung im strafrechtlichen Sinne gewesen. Außer Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt habe niemand zum NSU gehört. Zschäpe habe den NSU weder mitgegründet noch sich an ihm beteiligt und deshalb zu keinem Zeitpunkt die innere Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland gefährdet.

Und selbst wenn Zschäpe "gemäß der Maximalanklage des Generalbundesanwalts vollumfänglich verurteilt werden würde", konstatiert Sturm, könne keine Sicherungsverwahrung angeordnet werden.

Sturm zeichnet den Lebenslauf der Hauptangeklagten nach: von der unehelichen Tochter mit wechselnden Bezugspersonen, geboren in der ehemaligen DDR und aufgewachsen in zerrütteten und prekären Verhältnissen, zu der Frau, die 13 Jahre lang in der Anonymität lebte - mit zwei Männern, die zehn Menschen ermordet, zwei Sprengstoffanschläge verübt und 15 Raubüberfälle begangen haben sollen.

Zschäpe war laut Sturm ein Teenager ohne großen Ehrgeiz. Hauptschulabschluss, Ausbildung zur Gärtnerin für Gemüseanbau. Zschäpe habe damals Humor und Wortwitz gehabt, sei "nicht auf den Mund gefallen" gewesen, eine "Partymaus", die gern Wein getrunken habe. In einer Zeit, in der das "antisemitische Klima" in der DDR gewachsen und der Nationalsozialismus "über die Kategorie Faschismus gleichsam universalisiert" worden sei, so Sturm.

Als einschneidend für Zschäpe, damals 15 Jahre alt, bezeichnet Sturm den Fall der Mauer, die Wiedervereinigung, die neue Staatsform. Zschäpe habe in ihrer Heimat Jena Halt in der Skinheadszene gefunden und Uwe Mundlos kennengelernt. Zwei Jahre waren sie ein Paar. Die beiden hielt laut Sturm nicht allein die politische Gesinnung zusammen.

Leben in der Illegalität

Mit 19 Jahren verliebte sich Zschäpe in Uwe Böhnhardt, wohnte bei ihm und seinen Eltern, bis er nach zwei Jahren die Beziehung beendete - aus dem gleichen Grund wie Mundlos: Zschäpe habe geklammert, sagt Sturm.

Zschäpe blieb in der Clique um Mundlos und Böhnhardt, zu ihr gehörten auch Ralf Wohlleben und Holger G., die ebenfalls im NSU-Prozess angeklagt sind. Aus diesem Kreis entstammte die "Kameradschaft Jena", die sich wiederum dem "Thüringer Heimatschutz" anschloss.

Zschäpe nahm an politischen Aktionen teil, baute Sprengstoff- und Briefbombenattrappen und mietete eine Garage an, in der die Uwes Propagandamaterial, Schwarzpulver und TNT lagerten, um Rohrbomben zu bauen. "Dies befürwortete sie nicht, billigte es aber, um ihre Beziehung zu Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt nicht zu gefährden", sagt Sturm. Die drei seien nur nach Chemnitz abgetaucht, um sich der Polizei zu entziehen. "Keiner der drei beabsichtigte zu diesem Zeitpunkt, auf Dauer in der Anonymität zu leben."

Tatsächlich richteten sich die drei ab Januar 1998 bis November 2011 in einem Leben in der Illegalität ein. Zschäpe habe keinen Weg zurück ins "normale Leben" gesehen und sei nur aufgrund ihrer engen persönlichen Bindung zu den Uwes bei ihnen geblieben, meint Sturm. "Beide waren über 13 Jahre ihre Hauptbezugspersonen."

"Sie war integriert und respektiert"

Zschäpe habe - wenn auch unter Aliasnamen - eine bürgerliche Existenz gelebt, Freundschaften aufgebaut, Nachbarschaftskontakte gepflegt. "Sie war integriert und respektiert." Nachdem sie von den ersten Taten erfahren habe, habe es für sie keine Rückkehr aus der Anonymität mehr gegeben.

Sturm führt Zeugen auf, um an dem Bild von Zschäpe zu kratzen, das sich in der Öffentlichkeit fest verankert habe: eiskalt, berechnend, durchsetzungsfähig und willensstark; nicht nur Mitglied, sondern wohl maßgeblicher Kopf hinter den "Handlangern" Mundlos und Böhnhardt, wie es die Vertreter des Generalbundesanwalts als bewiesen sehen.

Sturm spricht von Lücken in der Beweisführung, die mit der Persönlichkeit Zschäpes "gleichsam als Kitt geschlossen" würden. Zschäpes Wesen würde "quasi verargumentiert". Von Anfang an sei die 43-Jährige als selbstbewusst und gleichberechtigt charakterisiert worden. "Es galt nur noch, dieses durch einzelne Mosaiksteine, welche sich aus dem schier unerschöpflichen Fundus sogenannter Beweise bis hin zu Satzfragmenten einzelner Zeugenaussagen bilden lassen, nachzuzeichnen", sagt Sturm. Sie habe von Vertretern der Strafverfolgungsbehörde des Bundes etwas anderes erwartet.

Schenkte Zschäpe ihren Altverteidigern Heer und Stahl während deren Plädoyers Aufmerksamkeit, fast Anerkennung: Anja Sturm schenkte sie an diesem Sitzungstag keinen einzigen Blick.

Video: Beate Zschäpes unbekannte Seite

Foto: SPIEGEL TV

Zusammengefasst: Beate Zschäpes Anwältin Anja Sturm hat im NSU-Prozess ihr Plädoyer begonnen. Laut Sturm gehörte die Hauptangeklagte nicht zum "Nationalsozialistischen Untergrund". Die Anwältin versuchte, das Bild von Zschäpe als berechnendem mutmaßlichen Kopf des NSU zu widerlegen. Sturms Plädoyer ist das letzte in dem Verfahren - nach mehr als fünf Jahren Prozessdauer könnte das Oberlandesgericht damit in dem Fall bald sein Urteil verkünden.

Mitarbeit: Thomas Hauzenberger

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