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Panorama

Verteidiger-Plädoyer im NSU-Prozess

Zschäpes letzte Chance

Beate Zschäpes Wahlverteidiger plädiert im NSU-Prozess - und müht sich, die Rolle der mutmaßlichen Terroristin sowie ihre extreme Charakterstärke kleinzureden. Ihre umstrittene Einlassung nahm er auf seine Kappe.

DPA

Beate Zschäpe mit ihrem Anwalt Hermann Borchert (Archivfoto)

Von , München
Dienstag, 24.04.2018   19:23 Uhr

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Ein Indiz dafür, dass es ein historischer Tag im NSU-Prozess werden könnte, ist Beate Zschäpes auffallend gute Laune. Sie wirkt befreit, als ahne sie, dass ihr Wahlverteidiger Hermann Borchert an diesem 419. Verhandlungstag tatsächlich mit seinem Plädoyer beginnen würde; dass er den schwerwiegenden Vorwürfen gegen sie endlich etwas entgegenhalten und ihre Rolle innerhalb der mutmaßlichen Terrorzelle "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) endlich geraderücken würde.

Um 12.58 Uhr ist es so weit. "Ich pflege meine Plädoyers im Stehen zu halten", merkt Borchert an. Ein Wachtmeister positioniert ein Pult auf seinem Tisch, Borchert kramt einen gelben Aktenordner aus seiner Tasche, schnäuzt in ein Stofftaschentuch und setzt seine Brille auf.

Oft ließ sich Borchert bislang im Saal A 101 des Münchner Oberlandesgerichts nicht blicken, ließ den wichtigsten Strafprozess der Nachkriegszeit gegen Rechtsterrorismus an sich vorbeiziehen. Als wäre es nicht verheerend genug, dass er für einen derartigen Mammutprozess erst im Dezember 2015 offiziell bestellt wurde, nachdem er mehr als 200 Tage der Beweisaufnahme verpasst hatte.

Genau da setzt Borchert mit einer Art Vorwort an: "Ich widme mich der juristischen Aufarbeitung, die trotz - oder gerade wegen - meiner beschränkten Teilnahme an der Beweisaufnahme möglich ist." Worte voller Selbstbewusstsein, tatsächlich verdrängt Borchert in seinem mehr als zwei Stunden dauernden Vortrag Belastendes und Tatsächliches, sondern hangelt sich an der von ihm verfassten Einlassung seiner Mandantin entlang.

Verteidiger sieht Fakten "sinnbildlich auf den Kopf" gestellt

Vehement weist er den Vorwurf zurück, Zschäpes Mittäterschaft an den Mordtaten und Anschlägen des NSU sei mit ihrem Charakter sowie mit ihren politischen Aktivitäten zu begründen - und ebenso wenig aus ihren "Tätigkeiten oder Untätigkeiten" abzuleiten.

Vielmehr seien Fakten "sinnbildlich auf den Kopf" gestellt worden. Die "äußerst einseitige Beweiswürdigung der Bundesanwaltschaft" sei getragen von Spekulationen und der offensichtlichen Absicht, sämtliche Indizien so auszulegen, dass sie in das "erstrebte Beweisergebnis" passten.

Er werde ein "vollkommen anderes Bild" von Zschäpe zeichnen, sagt Borchert und meint: ein anderes als die Bundesanwaltschaft und die Nebenkläger. Die hatten Zschäpe als Chefin, Bestimmerin, Kassenwartin dargestellt, der sich Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt unterworfen hätten.

Schon die Vorstellung sei absurd, findet Borchert. Die beiden Männer hätten ein enormes Durchsetzungsvermögen besessen. Böhnhardts Vater habe seinen Sohn als "tickende Zeitbombe", "extrem aggressiv und gewaltbereit" bezeichnet. "Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt waren Persönlichkeiten, die wildfremden Menschen ins Gesicht schossen." Sie sollen vor Zschäpe gekuscht haben?

"Woher hat die Bundesanwaltschaft ihr exklusives Wissen?"

Kein Zeuge habe am Leben des Trios teilgenommen, keiner habe Einblick in das Leben innerhalb der insgesamt sieben Wohnungen gehabt, in denen sich das Trio versteckte. "Woher hat die Bundesanwaltschaft ihr exklusives Wissen?", fragt Borchert. "Die Behauptungen beruhen nicht auf Wissen, sondern auf Spekulationen."

Ja, Zschäpe habe als Tarnkappe fungiert, den Unterschlupf gesichert, wie es ihr die Ankläger vorwerfen, aber das sei schließlich "unabdingbare Voraussetzung" für ein Leben im Untergrund, sagt Borchert. Ohne Alibi-Existenz hätte das Leben in der Anonymität ein jähes Ende gefunden. Aber Zschäpe habe nicht gehandelt, um "unerkannt, rassistisch motivierte Straftaten" zu begehen. Zschäpe bestreite, die Verbrechen des NSU gewollt zu haben. Sie habe weder an einer Vorbereitungshandlung noch an einer Tat mitgewirkt.

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Anwälte, Ankläger, Gutachter: Die wichtigsten Personen im NSU-Prozess

Zschäpe ist wegen Mitgliedschaft in der terroristischen Vereinigung NSU angeklagt, die neun Einwanderer getötet, eine Polizistin erschossen, drei Bombenanschläge verübt und 15 Raubüberfälle begangen haben soll. Bundesanwaltschaft und Nebenkläger sehen Zschäpe in allen Tatvorwürfen überführt. Die Anklage fordert für Zschäpe lebenslange Haft und anschließende Sicherungsverwahrung.

Für Zschäpe sind die Plädoyers ihrer Verteidiger nach fast fünf Jahren Hauptverhandlung die letzte Chance, ihre Version der Geschehnisse darzustellen.

Während Borcherts Vortrag sitzt sie neben ihm, vor sich sein Manuskript auf dem Tisch und liest mit, wie er über ihre Charakterstärke spricht, die die Ankläger als Indiz für eine Mittäterschaft anführen. Ohne diese Eigenschaft, so Borchert, könne seine Mandantin den Prozess, die Haft, die Anfeindungen nicht überstehen. Borchert zitiert Schlagzeilen aus Boulevardzeitungen. Zschäpe nickt.

"Ich persönlich habe den Stil der schriftlichen Stellungnahmen geprägt"

Nach wochenlangen Verzögerungen ist Borcherts Plädoyer das erste von insgesamt fünf der Verteidiger der Hauptangeklagten. Er werde sich mit der Beweiswürdigung beschäftigen, sagt Borchert, sein Kollege Mathias Grasel mit der rechtlichen Würdigung. Eine interessante Aufteilung: Grasel dürfte mehr von der Beweisaufnahme mitbekommen haben als Borchert.

Der weist darauf hin, Zschäpe schon seit dem 17. Juli 2014 zu kennen. 13 Monate lang habe er sie regelmäßig besucht und das Verfahren mit ihr besprochen. Im August 2015 habe Zschäpe ihn dann gebeten, "aktiv" ihre Verteidigung zu übernehmen.

Dazu gehörte auch Zschäpes Einlassung, die wegen ihrer umständlichen Form der schriftlichen, zeitverzögerten Beantwortung, aber auch wegen der teils empathielosen Ausdrucksweise heftig kritisiert wurde. Zu all dem habe er Zschäpe geraten, sagt Borchert nun. Er habe schließlich seit mehr als 33 Jahren Erfahrung als Strafverteidiger.

"Ich persönlich habe den Stil der schriftlichen Stellungnahmen geprägt, um ungeschickte Wortwahl zu vermeiden." Daraus auf externalisierendes Verhalten seiner Mandantin zu schließen, sei fehl am Platz. "Das ist allein auf die literarischen Fähigkeiten des Wahlverteidigers zurückzuführen."

Video: Braune Zelle - Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos


Zusammengefasst: Im NSU-Prozess haben die Plädoyers der Verteidigung begonnen. Als erster von fünf Anwälten der Hauptangeklagten Beate Zschäpe sprach Hermann Borchert. Er bestritt, dass seine Mandantin bei den Morden und Anschlägen des NSU Mittäterin gewesen sei. Zugleich kritisierte Borchert die Beweisführung der Bundesanwaltschaft als mangelhaft.

Mitarbeit: Thomas Hauzenberger

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