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Panorama

Holger G. im NSU-Prozess

Dem Kronzeugen droht Ärger

Holger G. steht als mutmaßlicher NSU-Helfer vor Gericht. Er sagte zwar aus, beantwortete aber keine Fragen. Nebenklage-Vertreter wollen jetzt nachbohren: Seine Aussagen seien "eindeutig taktisch geprägt" gewesen.

DPA

Holger G. im NSU-Prozess (Archiv): "Schlanke Einlassung"

Von , München
Mittwoch, 28.10.2015   17:47 Uhr

Wenn es allein nach dem Senat ginge, wäre das Ende der Beweisaufnahme im NSU-Prozess wahrscheinlich schon in Sicht. Wann immer sich die Gelegenheit bietet, bescheiden die Richter Beweisanträge der Verteidigung und der Nebenklage. Meist ablehnend: für die Tat- und Schuldfrage nicht erforderlich, für die Erforschung der Wahrheit nicht geeignet. Es wird abgearbeitet, was sich im Lauf der zurückliegenden zweieinhalb Jahre angesammelt hat, an einem Sitzungstag waren es zehn Anträge, am folgenden wiederum mehrere - und es wird gewartet, was Verteidigung und Nebenklage zum Prozessstoff noch zu sagen haben.

Dies nahm eine Reihe von Nebenklage-Anwälten nun zum Anlass, den Blick weg von der Hauptangeklagten Beate Zschäpe wieder einmal auf Holger G. zu lenken, angeklagt unter anderem wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung.

Der 41-Jährige hatte zu Beginn des Verfahrens eine Aussage gemacht, die Juristen eine "schlanke Einlassung" nennen. Das heißt, G. hat eine Geschichte erzählt, in der er versuchte, seine Rolle im Umfeld des "Nationalsozialistischen Untergrunds" möglichst gering erscheinen und vieles unbeantwortet zu lassen. Fragen dazu wollte G. nicht beantworten. So blieb vieles unklar oder stellte sich nach entsprechenden Zeugenaussagen als unwahr oder wenig wahrscheinlich heraus.

Verteidigt sich ein Angeklagter durch komplettes Schweigen, darf es ihm nicht negativ ausgelegt werden, wenn manches ungeklärt bleibt. Fängt er aber an auszusagen und beantwortet Fragen nicht, begibt er sich aufs Glatteis. Dann kann eine falsche Angabe oder eine verweigerte Antwort die gesamte Aussage beschädigen. Holger G. hat sich auf dieses Glatteis begeben. Jetzt bringt ihn die Nebenklage möglicherweise in die Bredouille.

G. soll Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe während ihres Lebens in der Illegalität unterstützt haben. Er soll ihnen bis 2011 mit falschen Ausweisen, Krankenkassenkarten und Ähnlichem behilflich gewesen sein. Das in Eisenach ausgebrannte Wohnmobil, in dem Mundlos und Böhnhardt nach ihrem letzten Überfall auf eine Sparkasse starben, wurde unter seinem Namen angemietet.

"Eindeutig taktisch geprägt"

G. hat bis 2006 Urlaube mit den Dreien verbracht und für das Trio im Auftrag des Mitangeklagten Ralf Wohlleben eine Waffe von Jena nach Zwickau transportiert. Dort soll ihn Zschäpe am Bahnhof in Empfang genommen haben. Bis zuletzt, so scheint es, riss die enge Verbindung zu den mutmaßlichen Rechtsterroristen nicht ab. Holger G. ist einer der wenigen, die Zschäpe als gleichberechtigtes Mitglied innerhalb der Dreiergruppe bezeichnen - was Voraussetzung für die Anklage wegen Bildung einer terroristischen Vereinigung ist. Ebenso ist er einer der Gewährsleute dafür, dass die Drei den Einsatz von Waffen und Gewalt guthießen.

In seiner Teilaussage behauptete G. vor Gericht, er habe sich anlässlich seines 30. Geburtstags 2004 von der rechten Szene losgesagt. In einem umfangreichen Beweisantrag wollen nun mehrere Vertreter der Nebenklage dies widerlegen. Er habe nachweislich sehr viel länger mit Führungsfiguren der Neonaziszene engen Kontakt gehalten, die mit einem echten "Aussteiger" gewiss nichts hätten zu tun haben wollen, argumentieren sie. G.s Aussageverhalten vor Gericht, so Rechtsanwältin Antonia von der Behrens, sei "eindeutig taktisch geprägt" gewesen.

Daneben werden weiter Ausschnitte aus Stadtplänen und Landkarten erörtert, die im Brandschutt der letzten Wohnung des Trios in der Zwickauer Frühlingsstraße gefunden worden waren. Nicht immer erschloss sich den Ermittlern die Bedeutung einzelner Markierungen und handschriftlicher Anmerkungen.

Allerdings lassen diese den Schluss zu, dass Mundlos und Böhnhardt keineswegs stets nach einem festgelegten Tatplan agierten. Offensichtlich entschieden sie bisweilen spontan vor Ort, einen Menschen zu töten, passte er nur in das Raster ihrer mörderischen Absichten.

NSU-Chronik

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