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Panorama

NSU-Prozess

"Killer" auf Diät

Der Vorsitzende Richter stellt Beate Zschäpe im NSU-Prozess die nächsten Fragen - vor allem eine hat es in sich. Es geht ums Abnehmen, um sonderbare Spitznamen und einen ominösen Wetteinsatz.

DPA

Beate Zschäpe

Von Wiebke Ramm, München
Dienstag, 05.04.2016   16:45 Uhr

"Ich habe noch einige Fragen an Sie, Frau Zschäpe." Es sind zehn Fragen, die der Vorsitzende Richter Manfred Götzl am Ende des 273. Verhandlungstages im NSU-Prozess der Hauptangeklagten Beate Zschäpe diktiert. Es geht vor allem um den Mitangeklagten Holger G. Der 41-Jährige hat bereits gestanden, Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt mit falschen Dokumenten geholfen und den mutmaßlichen Rechtsterroristen eine Waffe geliefert zu haben. Das Wohnmobil, in dem Mundlos und Böhnhardt am 4. November 2011 in Eisenach starben, wurde unter seinem Namen angemietet.

"Wie verlief der Kontakt von Ihnen und/oder von Seiten Böhnhardts und Mundlos' zu Holger G. nach Ihrem Untertauchen bis zu Ihrer Festnahme?", fragt Götzl. Er fragt auch: "Hat Holger G. von Ihrer Seite oder von Seiten Böhnhardts oder Mundlos' Informationen über die Taten bekommen?" Holger G. spielt nervös mit dem Stift in seiner Hand. Zschäpe hingegen sitzt sehr aufrecht auf der Anklagebank und hört dem Richter aufmerksam zu. Links neben ihr sitzt ihr Verteidiger Mathias Grasel und schreibt mit.

"Killer setzt auf die Liese"

"Woher stammten die 10.000 D-Mark, die Sie in der Einlassung vom 16. März erwähnt haben und die Uwe Böhnhardt demnach an Holger G. übergeben hat? Was hat Holger G. über die Herkunft des Geldes gewusst? Fuhren Sie oder Mundlos oder Böhnhardt nach dem Untertauchen 1998 nach Hannover zu Holger G.? Gab es sonstige Treffen mit Holger G.? Was war gegebenenfalls der Zweck derartiger Treffen?"

Dann wechselt Götzl das Thema. Sein Tonfall ändert sich nicht, die Frage aber hat es in sich: "Könnten Sie bitte die in der Wette verwendeten Begriffe ,Killer' und ,Cleaner' erläutern?" Mehr sagt er nicht.

Es geht um eine Wette zwischen Böhnhardt und Zschäpe, in der es ums Abnehmen ging. Auf einer DVD, die im Brandschutt der Wohnung an der Zwickauer Frühlingsstraße lag, fanden sich Fotos, die Böhnhardt und Zschäpe zeigen. Sie wetteten, bis zum einem bestimmten Datum ein bestimmtes Gewicht zu erreichen. Der Verlierer sollte "200x Videoclips schneiden". In einem Text dazu heißt es: "Killer setzt auf die Liese", "Cleaner setzt auf die Liese", "Liese setzt auf ihr Durchsetzungsvermögen: gegen Killer, gegen Cleaner". Dass es sich bei Liese um Zschäpe handelt, steht außer Frage. Es war im Untergrund ihr Spitzname. Bei "Cleaner" soll es sich um Böhnhardt, bei "Killer" um Mundlos handeln.

Der Richter fragt nach Zschäpes Gewicht

Die Ermittler meinen, dass es sich bei den Videoclips, die der Wettverlierer schneiden sollte, um Szenen für den NSU-Bekennerfilm handelte. Zschäpe behauptete in ihrer Einlassung im Dezember 2015 hingegen, es sei um das Schneiden von harmlosen Serien wie etwa "Dr. House" gegangen. Sie hätten sich an der Werbung gestört, die sie deswegen aus den Aufnahmen gelöscht hätten. Das NSU-Video will sie erstmals in der Hauptverhandlung gesehen haben.

Nun fragt Götzl nach den Namen "Killer" und "Cleaner". Wenn Zschäpe, wie sie selbst ausgesagt hat, von den Morden wusste, spricht "Killer" als Spitzname dann nicht dafür, dass sie - anders als behauptet - die Taten akzeptierte? Man darf auf Zschäpes Erklärung gespannt sein.

Götzl endet mit einer letzten Frage. "Was haben Sie am 4. November 2011 gewogen?" Es geht um Zschäpes Alkoholkonsum. Sie hatte angegeben, an jenem Tag, an dem sich Böhnhardt und Mundlos erschossen und Zschäpe die Wohnung in Zwickau in Brand setzte, eine Flasche Sekt getrunken zu haben. Sie habe auch am Vortag mehrere Flaschen getrunken. Götzl will nun offenbar Anhaltspunkte für die Berechnung einer möglichen Blutalkoholkonzentration erfragen. Dafür braucht er ihr Gewicht.

Vielsagendes T-Shirt

Eigentlich sollte es an diesem Prozesstag auch um Verbindungen der organisierten Kriminalität zu den mutmaßlichen NSU-Terroristen gehen. Doch die Anwälte des Angeklagten Ralf Wohlleben sorgen erneut für eine Verzögerung.

Es geht um ein T-Shirt, das Ermittler Ende 2011 auf Wohllebens Bett gefunden hatten. "Eisenbahnromantik" ist darauf zu lesen, darunter ein Bild, das Schienen zeigt, die zum Konzentrationslager Auschwitz führen.

Wohlleben, wegen Beihilfe zum Mord in neun Fällen angeklagt, ist im Münchner Prozess bemüht, von sich das Bild eines harmlosen, heimatverbundenen Pazifisten zu zeichnen. Ein T-Shirt mit einem Aufdruck des Vernichtungslagers Auschwitz passt da weniger in die Verteidigungsstrategie.

Am letzten Tag vor den Osterferien hatte eine Polizistin vor Gericht von diesem T-Shirt berichten wollen. Wohllebens Verteidiger aber hatten verhindert, dass die Polizistin vor Gericht über das T-Shirt spricht. Ihr Einwand: Die Fotos von dem T-Shirt seien nicht in den Akten zu finden gewesen. Weil also Akten zurückgehalten worden seien, forderten sie die Verhandlung gegen ihren Mandanten auszusetzen oder das Verfahren gegen ihn abzutrennen.

Damit sind sie jetzt jedoch gescheitert. Der Senat hat den Antrag am Dienstag abgelehnt. Die Anwälte behaupten daraufhin einmal mehr, die Richter führten kein faires Verfahren. Sie beklagen, dass die Fotos des T-Shirts in den Akten bis vor Kurzem gefehlt hätten und Hinweise auf die Existenz der Fotos in den Akten "irgendwo versteckt" worden seien. Oberstaatsanwalt Jochen Weingarten weist die Vorwürfe zurück. Die Verteidigung hätte jederzeit die Fotodateien bei Gericht ansehen können. Weingarten: "Es ist nicht die Aufgabe des Senats, die Verteidigung zu den Beweisstücken zu tragen."

Richter Götzl lässt für die Verteidigung Kopien der vermissten Fotos anfertigen, beendet den Verhandlungstag und streicht die Verhandlung am Folgetag. Offenbar will er der Verteidigung genügend Zeit einräumen, die Fotos zu betrachten. Der Prozess wird in der kommenden Woche fortgesetzt.

NSU-Chronik

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