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Panorama

Massaker in Pittsburgher Synagoge

Was über den Tatverdächtigen bekannt ist

Robert B. soll in einer Pittsburgher Synagoge elf Menschen erschossen haben. Ersten Erkenntnissen zufolge ist der Tatverdächtige ein Antisemit und Waffennarr, der Verschwörungstheorien anhängt.

REUTERS

Polizeiwagen am Wohnort von Robert B.

Sonntag, 28.10.2018   16:57 Uhr

Der Mann, der den laut der Anti-Defamation League wahrscheinlich tödlichsten Angriff auf die jüdische Gemeinde in der Geschichte der USA verübt haben soll, liegt im Krankenhaus. Robert B. soll genesen, damit er vor Gericht gestellt werden kann, wegen eines "Hassverbrechens".

B. war bei einem Schusswechsel mit Polizisten verletzt worden. Er ist im Allegheny General Hospital, aber nicht in Lebensgefahr. Er wurde festgenommen, weil er in der "Tree of Life"-Synagoge im Pittsburgher Stadtteil Squirrel Hill am Samstag elf Menschen erschossen und sechs weitere verletzt haben soll. Die Informationen über den Tatverdächtigen fügen sich noch nicht zu einem geschlossenen Gesamtbild. Doch einiges ist schon bekannt.

Robert B. ist 46 Jahre alt. Er lebte in Baldwin, etwa 25 Autominuten von der "Tree of Life"-Synagoge entfernt. Eine Nachbarin sagte der "New York Times", sie lebe seit zwei Jahren in der Gegend und habe B. nie mit jemandem sprechen sehen.

B. ist nicht vorbestraft. Abgesehen von einer Verkehrswidrigkeit aus dem Jahr 2015 war er den Behörden nicht bekannt - er soll ohne Kennzeichen gefahren sein. CNN berichtete, B. habe in der Vergangenheit mit der Speditionsbranche zu tun gehabt.

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Elf Tote in Pittsburgher Synagoge: Trauer in Squirrel Hill

B. war registrierter Waffenbesitzer; er soll seit 1996 mindestens sechs Schusswaffen gekauft haben; der Abgeordnete Mike Doyle aus Pennsylvania sagte, B. besitze 21 Schusswaffen. Bei der Tat hatte er laut Ermittlern ein halbautomatisches Gewehr und mindestens drei weitere Handfeuerwaffen dabei.

Bislang gehen die Ermittler davon aus, dass B. allein handelte - es gibt keine Hinweise auf Unterstützer oder Hintermänner. Es ist unklar, ob er einen Anwalt hat. Nun ist er in insgesamt 29 Punkten angeklagt, unter anderem wegen elffachen Mordes. Prinzipiell wäre in dem Fall die Todesstrafe möglich. Allerdings gilt laut dem "Death Penalty Information Center" in Pennsylvania seit 2015 ein Moratorium für Hinrichtungen.

Laut FBI ist sein genaues Motiv unklar. Die Äußerungen des Mannes in sozialen Medien ergeben allerdings ein ziemlich klares Bild. Robert B. hatte auf der Plattform Gab ein Profil, wie das Unternehmen bestätigte. Inzwischen ist der Account offline. Das soziale Netzwerk wird auch als "Twitter für Rassisten" bezeichnet, weil es praktisch jede Äußerung durchgehen lässt. Zur Begründung heißt es, man stehe für Meinungsfreiheit. Das Portal ist in der Kritik; der Provider will die Seite offenbar vom Netz nehmen.

Ein Blick auf die archivierten Einträge zeigt, dass B. dem Netzwerk offenbar im Januar beitrat und regelmäßig auf der Website aktiv war. Als Selbstbeschreibung soll er "Juden sind die Kinder Satans" gepostet haben. Ein Eintrag leugnete den Holocaust, in einem anderen hieß es, die "dreckigen teuflischen Juden" brächten die "dreckigen teuflischen Muslime" ins Land.

Immer wieder gab es in dem Account Einträge wie: "Diversität bedeutet, die letzte weiße Person zu jagen." Menschen in Flüchtlingskonvois wurden als "Invasoren" bezeichnet, wüste Beschimpfungen und Verschwörungstheorien wechselten sich ab. Vor etwa einem Monat wurden Fotos gepostet, die Zielscheiben nach Schießübungen und drei Pistolen zeigten "meine Glock-Familie", wie es in dem Eintrag hieß.

Noch kurz vor der Tat verbreitete B. nach Überzeugung der Ermittler online antisemitische Beleidigungen. Zwei Stunden vor den Schüssen erschien ein Eintrag, in dem es hieß: "HIAS (eine jüdische Flüchtlingshilfeorganisation) bringt gern Eindringlinge her, die unsere Leute umbringen. Ich kann nicht tatenlos zusehen, wie meine Leute abgeschlachtet werden. Scheiß auf eure Sichtweise, ich gehe rein." Sein letzter Eintrag erschien wenige Minuten, bevor bei der Polizei Notrufe wegen der Schüsse in der Synagoge eingingen.

Offen ist, ob Robert B. sich durch das gesellschaftliche Klima in den USA ermutigt fühlte. Viele Kritiker machen US-Präsident Donald Trump für die aufgeladene Stimmung im Land mitverantwortlich, die solche Taten begünstige. Allerdings war B. offenbar kein glühender Trump-Anhänger. "Trump ist ein Globalist, kein Nationalist", heißt es in einem Gab-Eintrag, der B. zugeschrieben wird. Amerika werde nicht großartig, solange es von Juden befallen sei. Er habe Trump nicht gewählt.

ulz/AP

insgesamt 4 Beiträge
claus7447 28.10.2018
1. USA am Scheideweg
Es geht nicht mehr um die Einzeltaten die jede für sich schrecklich sind. Es geht um eine USA das merklich in einen Bürgerkrieg zieht, angefeuert von einem POTUS der täglich dutzende von Lügen verbreitet, Hass steut und seine [...]
Es geht nicht mehr um die Einzeltaten die jede für sich schrecklich sind. Es geht um eine USA das merklich in einen Bürgerkrieg zieht, angefeuert von einem POTUS der täglich dutzende von Lügen verbreitet, Hass steut und seine Anhänger zur Gewalt auffordert. Denn was ist es sonst, wenn Abgeordnete die Journalisten rempeln von ihm gelobt werden, wenn er seine Gegner ins Gefängnis stecken will, wenn er noch mehr Waffen fordert um Schulen, Synagogen zu "SICHERN"! Wenn er letztlich fordert die Todesstrafe schneller auszuführen (dabei wissen wir wie mangelhaft der eine oder andere Prozess geführt wird/wurde). Dieser Präsident kennt keine Grenzen in seinem Ego! Noch schlimmer wie er sind seine Follower, von den "tumben" Menschen haben wir genug auch hier. Es bleibt zu hoffen, das die Midterm Wahlen zumindest einen Ausgleich in den Häusern gibt - sonst?? Im Übrigen: Es gibt in den einzelnen Bundesstaaten jede Menge Wahlfunktionen, darunter Richter, Sheriff bis hinunter in untere Funktionsebenen. Hier wird nur teilweise "demokratisch" gewählt, denn zum einen besteht kein Wahlregister, der Wähler muss sich erst eintragen (auch hier wissen wir wie Minderheiten in den USA behandelt werden). Wer dies mal in Romanform zu sich nehmen will empfehle ich Grissam "Berufung" - es wird einem schlecht - denn hier herrscht das Kapital!
mazzeltov 28.10.2018
2. Wähler?
Er hat Trump nicht gewählt - nur sein Auto mit Trump-Poster zugekleistert und Trump-Rallys besucht?
Er hat Trump nicht gewählt - nur sein Auto mit Trump-Poster zugekleistert und Trump-Rallys besucht?
Thomas.Müller 28.10.2018
3. Beitrag 2
sie verwechseln was, der mit dem Auto ist der Rohrbombenversender
sie verwechseln was, der mit dem Auto ist der Rohrbombenversender
udo l 28.10.2018
4. Mir wird ganz schlecht,
bei der zu beobachtenden Entwicklung rund um die Welt. Es werden zunehmend Minderheiten für alles mögliche verantwortlich gemacht und die Gewalt gegenüber diesen Menschen wird immer mehr, sei es gegenüber Andersgläubigen, [...]
bei der zu beobachtenden Entwicklung rund um die Welt. Es werden zunehmend Minderheiten für alles mögliche verantwortlich gemacht und die Gewalt gegenüber diesen Menschen wird immer mehr, sei es gegenüber Andersgläubigen, Flüchtlingen oder anderen und das wirklich überall. Ich habe den Eindruck das der Mensch völlig lernresistent ist.
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