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Panorama

Fall Roman Polanski

Schuldig für immer?

Wegen eines jahrzehntealten Missbrauchsfalls hat die Oscar-Academy Roman Polanski ausgeschlossen. Ausgerechnet jetzt kommt sein neuer Film ins Kino. Verändert die #MeToo-Debatte den Blick auf sein Werk?

Studiocanal

Regisseur Roman Polanski, Hauptdarstellerin Eva Green: Mitten drin in einer wirklich wahren Geschichte

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Freitag, 11.05.2018   12:45 Uhr

Eigentlich möchte man einfach nur seinen neuen Film gucken, den Psycho-Thriller "Nach einer wahren Geschichte", in dem der Regisseur Roman Polanski natürlich keine wahre Geschichte erzählt, sondern eine erfundene. Nur ins Kino gehen, um zwei großartigen Schauspielerinnen bei der Arbeit zuzusehen, Eva Green und Emmanuelle Seigner, im wahren Leben seit fast 30 Jahren Polanskis Ehefrau. Und dabei einmal kurz den alten Skandal vergessen und all die großen Fragen, die damit verbunden sind, Fragen über Täter und Opfer, über Schuld und Sühne, über die Sensationsgier des Publikums.

Aber das mit dem Vergessen funktioniert nicht bei einem Polanski-Film. Zur Zeit sogar weniger denn je.

"Nach einer wahren Geschichte" (Kinostart: 17. Mai) ist die Adaption eines Romans der französischen Schriftstellerin Delphine de Vigan; es geht darin um eine Pariser Bestsellerautorin und ihre größte Bewunderin. Die Beziehung zwischen Künstlern und Publikum, das wird schon in der ersten Szene klar, in der einige Fans der Autorin bei einer Signierstunde bedrohlich nahekommen, diese Beziehung ist kompliziert, manchmal sogar unheilvoll, toxisch. Vor allem wenn, wie in diesem Fall, die Leser sich nicht nur für Bücher interessieren. Es ist das Leben der Künstlerin, das die vermeintliche Bewunderin geradezu obsessiv verfolgt.

Und schon ist man als Zuschauer mitten drin in einer wirklich wahren Geschichte: dem Fall Polanski, der seit über vier Jahrzehnten für größere Diskussionen sorgt als alle seine Filme. Eine Debatte, Stichwort #MeToo, die in den vergangenen Monaten, seit den Enthüllungen über die sexuellen Übergriffe von Harvey Weinstein und anderen mächtigen Männern der Filmindustrie, mit neuer Vehemenz geführt wird. Es ist auch ein Streit darüber, wie unabhängig von seinem Schöpfer ein Kunstwerk betrachtet werden kann oder darf. Ob also ein Mann - fast immer ist es ein Mann -, der sich schuldig gemacht hat, damit zugleich als Künstler diskreditiert ist, möglicherweise für immer.

Ja, schuldig für immer, so das Urteil einer Gruppierung namens "Osez le Féminisme". 28.000 Unterschriften hatten die Feministinnen im Herbst gesammelt, um eine Polanski-Retrospektive in der renommierten Pariser Cinémathèque zu verhindern. Zwei Aktivistinnen protestierten sogar mit nacktem Oberkörper. Auf ihrer Haut hatte eine mit schwarzer Farbe "Very Important Pädo-Krimineller" geschrieben.

Doch der Regisseur Costa-Gavras, Präsident der Cinémathèque, blieb bei seiner Entscheidung: Sein Haus werde nicht die Aufgabe der Justiz übernehmen. Deutlich vorsichtiger äußerte sich Françoise Nyssen, die französische Kulturministerin: Die Polanski-Filmschau sei lange vor dem Weinstein-Skandal geplant worden. Außerdem "geht es um das Werk, nicht um den Mann. Es steht mir nicht zu, ein Werk zu verdammen".

Schuldig, entschied dagegen jetzt in Los Angeles die "Academy of Motion Picture Arts and Sciences", die jedes Jahr die Oscars vergibt. Bei einer Vorstandssitzung Anfang Mai schloss der Filmverband Polanski aus seinen Reihen aus, zusammen mit dem Schauspieler Bill Cosby, der ein paar Tage zuvor wegen sexueller Nötigung verurteilt worden war. Begründet wurden beide Rausschmisse mit dem neuen "Verhaltenskodex" der Academy.

Im Fall Polanski eine scheinheilige und opportunistische Entscheidung, eher ein Zeichen von schlechtem Gedächtnis als von schlechtem Gewissen. Dieselbe Academy hatte Polanski vor 15 Jahren für sein Holocaust-Drama "Der Pianist" mit dem Oscar als bester Regisseur ausgezeichnet. Stars wie Meryl Streep applaudierten damals stehend, auch Harrison Ford war sichtlich gerührt, als er stellvertretend für den Regisseur den Preis akzeptierte. Polanski selbst konnte nämlich nicht zur Oscar-Verleihung kommen. In den USA wurde er schon damals mit Haftbefehl gesucht.

DPA/ Studiocanal

Filmszene "Nach einer wahren Geschichte" mit Emmanuelle Seigner und Eva Green

1977 hatte der Regisseur, berühmt für Meisterwerke wie "Chinatown", während einer Fotosession im Haus seines Freunds Jack Nicholson in Los Angeles eine 13-Jährige sexuell missbraucht. Um dem Mädchen eine Aussage vor Gericht zu ersparen, einigten sich ihre Rechtsanwälte mit denen Polanskis sowie mit dem Staatsanwalt und dem Richter auf einen Deal, den seinerzeit alle am Verfahren Beteiligten für angemessen hielten. Polanski musste für 42 Tage zur psychologischen Evaluation in ein kalifornisches Gefängnis. Ein Gutachten kam zu dem Ergebnis, dass keine Rückfallgefahr bestehe.

Doch dann änderte der Richter plötzlich seine Meinung und kündigte an, an Polanski ein Exempel statuieren zu wollen. Daraufhin floh der Regisseur nach Paris, in seine Heimatstadt. In Europa konnte er seine Karriere praktisch ungestört fortsetzen. Er inszenierte Filme und Theaterstücke, er wurde mit Preisen ausgezeichnet, er gründete eine Familie. 1989 heiratete er die Schauspielerin Emmanuelle Seigner, Jahrgang 1966, das Paar bekam zwei Kinder.

Erst 2009 holte die Vergangenheit Polanski ein, in Gestalt des alten Haftbefehls aus den USA. Auf dem Weg zu einem Filmfestival wurde er in Zürich verhaftet. Zwei Monate saß Polanski im Gefängnis, weitere sieben Monate stand er in seinem Schweizer Chalet in Gstaad unter Hausarrest. Erst nach sehr gründlicher Prüfung entschieden die Schweizer Behörden, den Auslieferungsantrag der Amerikaner abzulehnen.

Polanski selbst äußert sich öffentlich so gut wie nie zu seinem Fall. In einem SPIEGEL-Gespräch (46/2013) machte er, erkennbar widerwillig, eine Ausnahme: "Wir alle versuchten nur, das zu vergessen. Inzwischen sind es mehr als 35 Jahre", erklärte er. "Würden Sie sagen, dass das nun mal genug Bewährungszeit war? Wenn Sie mein Bewährungshelfer wären: Würden Sie sagen, es ist langsam mal okay?" Polanskis Erkenntnis, schon damals: "Es hört nie auf."

Zu seinen engagiertesten Fürsprechern gehören zwei Menschen, von denen man das nicht unbedingt erwarten würde. Zum einen Mia Farrow, die einst die Hauptrolle in seinem Horrorfilm "Rosemaries Baby" gespielt hat. Farrow ist die Ex von Woody Allen und Mutter des Journalisten Ronan Farrow, eines der hartnäckigsten Aufklärer im Fall Harvey Weinstein.

Und zum anderen ist da Samantha Geimer, Polanskis damaliges Opfer. Die Frau, mittlerweile Mitte 50, hat ihm schon vor Jahren öffentlich verziehen. Sie will endlich ihre Ruhe haben und hat die US-Behörden deshalb mehrfach aufgefordert, das Verfahren einzustellen, vergebens. Auch in der #MeToo-Debatte möchte sich Geimer nicht instrumentalisieren lassen. Die Entscheidung der Oscar-Academy, Polanski auszuschließen, verurteilte sie als "hässlich und gemein", "reine PR".

Auch Polanskis Anwalt will den Rausschmiss anfechten. Es ist der wohl letzte Versuch einer Ehrenrettung. Eine Ehre, die unter diesen Umständen nicht mehr zu retten ist.

Der Regisseur ist mittlerweile 84 Jahre alt. "Nach einer wahren Geschichte" hatte vor einem Jahr beim Festival von Cannes Premiere, vor den Enthüllungen über Harvey Weinstein. Ob Polanski noch einmal einen Film drehen wird? Eher unwahrscheinlich.

Jeder Schauspieler oder Produzent, der mit ihm arbeiten will, steht seit #MeToo unter erhöhtem Rechtfertigungszwang. Die #MeToo-Bewegung sei "eine Art Massenhysterie", sagte Polanski diese Woche in einem Interview mit dem polnischen Magazin "Newsweek Polska". Die breite Unterstützung basiere auf Angst, "totale Heuchelei", so der Regisseur, vergleichbar der Trauer nach dem "Tod des vergötterten Führers Nordkoreas".

Auch ohne solche Äußerungen hätte sein wohl letzter Film seine Unschuld verloren. Wie ein Filter schiebt sich Polanskis Leben vor sein Werk. Verzerrungen sind dabei unvermeidlich. Wenn Eva Green in einer Szene sagt: "In den sozialen Netzwerken glauben die Leute eher den Verleumdungen als der Wahrheit", dann meint man plötzlich eine Botschaft des Regisseurs in eigener Sache zu hören.

Deutlicher ist Polanski nur einmal geworden, in "Tess" aus dem Jahr 1979, seinem ersten Film nach der Flucht aus den USA. Man darf "Tess" als Schuldeingeständnis verstehen, vielleicht sogar als Bitte um Entschuldigung. Nastassja Kinski verkörpert darin eine junge Frau, die sexuell missbraucht wird - und unter den Folgen ihr Leben lang leidet.

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