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Panorama

Prozess in Traunstein

In Deutschland beobachtet, im Ausland missbraucht

Ein Mann aus Bayern zahlte dafür, per Webcam beim Missbrauch von Kindern auf den Philippinen zuzuschauen. Dafür hat ihn das Landgericht Traunstein nun verurteilt. Der Fall steht für eine verstörende Entwicklung.

DPA

Angeklagter mit seinem Anwalt im Gerichtssaal

Von , Traunstein
Dienstag, 10.04.2018   17:44 Uhr

Sie nannte sich im Internet "Lovely Baby" - doch was Rosa A. nach Erkenntnissen der Ermittler auf einschlägigen Webseiten jahrelang feilbot, hatte mit Liebe nichts zu tun. Die Philippinerin soll den sexuellen Missbrauch von mindestens zwei ihrer Kinder im Netz gegen Bezahlung angeboten haben. Mindestens einer ihrer Kunden lebte philippinischen, US-amerikanischen und deutschen Ermittlern zufolge in der Bundesrepublik: Martin R.

Wegen dieses Kontaktes zu "Lovely Baby" hat das Landgericht Traunstein den Malermeister nun zu einer Freiheitsstrafe von fünfeinhalb Jahren verurteilt. R. räumte ein, ab Mai 2014 mehr als zwei Jahre lang mit Rosa A. gechattet und mehrfach per Videocam sexuelle Live-Handlungen an zwei Kindern in Auftrag gegeben zu haben.

Die Staatsanwaltschaft warf ihm in drei Fällen die Anstiftung zum sexuellen Missbrauch von Kindern vor, in fünf weiteren sogar zum schweren Missbrauch. Als die Übergriffe begannen, waren die Töchter der Asiatin gerade einmal vier und acht Jahre alt - der Junge sieben. Martin R. bestritt, dass es beim jüngsten Kind zu Missbrauch gekommen sei.

Der 48-Jährige gestand aber, während der Live-Übertragungen die Mutter unter anderem aufgefordert zu haben, die Kinder sollten sich vor laufender Kamera nackt ausziehen, tanzen oder urinieren.

120 Seiten Chatprotokolle

Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft, die das Gericht in weiten Teilen als erwiesen ansah, stützten sich auf insgesamt 120 Seiten Chatprotokolle und die Aussage des Angeklagten. Videoaufzeichnungen der Übertragungen hatten die Ermittler nicht sicherstellen können.

Der Handwerker - wegen Missbrauchs seiner Tochter und des Besitzes von Kinderpornos vorbestraft - überwies zwischen 2014 bis 2016 über 10.000 Euro an Rosa A. Über 3000 Euro flossen nach Auffassung des Gerichts als konkrete Gegenleistung für sexuelle Handlungen. Das Geld hatte die Mutter etwa für die Schule der Kinder, Medikamente oder Essen gebraucht - so schrieb sie es dem Deutschen zumindest im Chat.

Sex vor der Kamera gegen Essen oder Medikamente? Früher habe man beim Sextourismus noch in den Flieger steigen müssen, "und einen erheblichen Aufwand gehabt", sagte der Vorsitzende Richter Jürgen Zenkel. Das Internet habe es dem Beschuldigten "leicht gemacht". Er habe die "Leistung direkt ins Haus" bekommen. Und: "Das Entdeckungsrisiko ist auch nicht hoch."

Der sogenannte "Webcam Child Sex Tourism" ist eine in der Öffentlichkeit noch relativ unbekannte Form des Kindesmissbrauchs: Pädophile können vom heimischen Wohnzimmer aus via Webcam live beobachten, wie Kinder irgendwo anders auf der Welt missbraucht werden.

Missbrauch per Webcam? Die Fälle häufen sich

Die für das Verfahren gegen Martin R. zuständige Staatsanwältin Veronika Ritz sprach vor Gericht von "einer Zunahme" solcher Straftaten. Tatsächlich bereitete Missbrauch via Computer-Kamera Ermittlern zunehmend Sorge. "Das gab es schon vor einigen Jahren, aber wir stellen seit einiger Zeit eine gewisse Häufung solcher Fälle fest - das Phänomen wird immer breiter", sagt Oberstaatsanwalt Georg Ungefuk von der Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (ZIT) bei der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt, dem SPIEGEL.

Wird das Bundeskriminalamt eingeschaltet, was bei internationalen Pädophilie-Fällen oft der Fall ist, kommt zumeist seine Behörde zum Einsatz - so auch im Fall Martin R. Ungefuk sagt: "Das bei Streaming übertragene Datenvolumen ist zwar hoch. Doch durch die immer schnelleren Internetverbindungen wird diese Missbrauchsart für Pädophile immer interessanter." Selbst in ländlichen Regionen in Thailand oder den Philippinen gebe es mittlerweile schnelles Internet, das eine Liveschalte ermögliche.

Die Opfer stammten häufig aus Südostasien, sagt Ungefuk. Genaue Deliktzahlen gibt es jedoch nicht. Experten gehen von einer hohen Dunkelziffer aus. "Für die Ermittler ist es oft schwierig, an die Täter heranzukommen. Sie bekommen nur sehr selten Tipps aus den Ländern, in denen der Missbrauch stattgefunden hat", sagt Ungefuk.

"Sie haben für schmutzige Leistungen bezahlt"

Es gibt auch Fälle, in denen mutmaßliche Kunden und Peiniger der missbrauchten Kinder aus Europa stammen. Am Landgericht Aachen läuft ein Verfahren gegen zwei Männer, unter anderem wegen schweren sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen und Vergewaltigung. Ein 39-Jähriger soll seinen kleinen Sohn zwischen Juli 2016 und Juni 2017 in seinem Haus im nordrhein-westfälischen Kreis Heinsberg fortgesetzt missbraucht haben. Ein aus Dänemark per Videokanal zugeschalteter Komplize soll ihn dabei angestiftet haben. Beide Männer sind weitgehend geständig. Das Urteil soll im April fallen.

Im Fall Martin R. sagte Staatsanwältin Ritz, "Webcam Child Sex Tourism" benötige im Vergleich zum bloßen Konsum von Kinderpornos weit größere kriminelle Energie. "Man ist aktiv dabei." Sie hielt dem Angeklagten aber zugute, dass dieser "subjektiv meinte, er tue eine gute Tat, indem er den Kindern etwa Medikamente und Nahrungsmittel verschaffte".

Richter Jürgen Zenkel teilte diese Auffassung nicht. "Die gute Tat sehen wir nicht. Sie haben für schmutzige Leistungen bezahlt."

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