Schrift:
Ansicht Home:
Panorama

13-Jährige wieder aufgetaucht

Verdächtiger soll Entführung minutiös geplant haben

Jayme aus Wisconsin entkam nach Monaten der Gefangenschaft eines 21-jährigen Mannes. Hat er auch ihre Eltern erschossen? Die US-Polizei gibt Details bekannt.

AFP
Samstag, 12.01.2019   15:53 Uhr

Als Jeanne Nutter ihren Hund in der Nähe des 650-Seelen-Dorfes Gordon im US-Bundesstaat Wisconsin ausführt, läuft plötzlich ein Mädchen auf sie zu. Seine Haare sind zerzaust, die Füße stecken in viel zu großen Schuhe, es ist ganz dünn. Das Kind ruft, so erzählt es Nutter der Nachrichtenagentur AP: "Bitte helfen Sie mir! Ich bin Jayme Closs!"

Jayme Closs, 13 Jahre alt, gilt seit drei Monaten als vermisst. Ihre Eltern waren erschossen in ihrem Haus in Barron aufgefunden worden, einem Ort gut 90 Kilometer von Gordon entfernt. Wenige Minuten zuvor war ein Notruf bei der Polizei eingegangen, der offenbar von Jaymes Handy gekommen war.

Doch am Tatort wurde sie nicht mehr angetroffen - seither fehlte trotz zahlreicher Suchaktionen jede Spur von dem Kind. Das FBI hatte landesweit nach dem Mädchen gesucht.

'Er hat meine Eltern getötet und mich mitgenommen'

Nutter nimmt Jayme mit zu ihren Freunden, dem Ehepaar Kasinskas, das in der Nähe wohnt. Sie wählen 911 und alarmieren die Polizei. Jayme erzählt den Fremden, sie sei aus einer Hütte in der Nähe entkommen, wo ein Mann namens Jake Patterson sie eingesperrt hatte. "Sie sagte: 'Er hat meine Eltern getötet und mich mitgenommen'. Sie sprach nicht darüber, warum und wie", berichtet Kristin Kasinskas. Gekannt hat Jayme den Entführer ihren Berichten zufolge nicht.

Während Jayme bei den Kasinskas in Sicherheit auf die Polizei wartet, sucht Patterson offenbar schon nach ihr. Mit seinem Auto, das Jayme den Beamten beschreiben kann, fährt er in der Gegend umher. Ein Stellvertreter des Sheriffs findet Jake Thomas Patterson kurze Zeit später und nimmt ihn unter dem Verdacht des zweifachen Mordes und der Kindesentführung fest.

Am kommenden Montag soll der arbeitslose Patterson erstmals vor Gericht erscheinen. Die Hütte, in der Jayme vermutlich gefangen gehalten wurde, gehörte zur Tatzeit Pattersons Vater. Die Ermittler fanden dort Waffen, darunter auch die mutmaßliche Tatwaffe, mit der Patterson die Eltern erschossen haben soll.

Kannten die Opfer den Täter?

Die Ermittler vermuten derzeit, dass er die Tat minutiös geplant und die Eltern ermordet hat, um das Kind zu entführen. Möglicherweise habe er sich kurz zuvor noch die Haare abrasiert, um möglichst wenig Spuren zu hinterlassen und nicht erkannt zu werden.

Polizeilich bekannt ist der 21-Jährige - kräftige Statur, jungenhaftes Gesicht - allerdings nicht, sein Vorstrafenregister ist leer. Auch in der High School, die er 2015 abschloss, ist er kaum aufgefallen und hatte viele Freunde. Ebenfalls ist bislang unklar, ob es eine Verbindung zwischen Jaymes Familie und dem Tatverdächtigen gibt, berichtet Chris Fitzgerald, Sheriff von Barron County. Patterson habe vor Jahren lediglich einen Tag lang in derselben Fleischfabrik wie Jaymes Eltern gearbeitet. Es gebe keinen Hinweis, dass er dort mit den Eltern Kontakt hatte - nach derzeitigem Ermittlungsstand hatte der Verdächtige vor der Tat niemals mit der Familie zu tun.

Jayme befindet sich jetzt in der Obhut einer Tante. Die Familie zeigt sich überglücklich über die Nachricht, dass das Mädchen am Leben ist. Der Großvater sagte der Zeitung "Star Tribune": "Ich werde sie umarmen und drücken", die Zeitung zitiert eine Tante aus dem benachbarten Bundesstaat Minnesota mit den Worten: "Das sind die Nachrichten, auf die wir seit drei Monaten gewartet haben. Ich kann es kaum erwarten, sie in den Arm zu nehmen."

Die ersten Befragungen der Polizei hat Jayme hinter sich gebracht, Ärzte haben sie im Krankenhaus untersucht. Es gehe ihr den Umständen entsprechend, so die Ermittler. Was genau dem Kind passiert ist während seiner Gefangenschaft und wie es entkommen konnte, teilten sie nicht mit. Peter Kasinskas sagt, Jayme sei sehr still gewesen.

hei/AP/AFP

Verwandte Artikel

Mehr im Internet

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP