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Panorama

Kindermord

Polizei nimmt Fingerabdrücke von 390 Männern

Fünfeinhalb Jahre nach dem Mord an der kleinen Johanna Bohnacker hat die Polizei einen neuen Anlauf zur Aufklärung des Verbrechens genommen. Die ersten von 390 Männern im hessischen Wetterau-Ort Ranstadt gaben ihre Finger- und Handabrücke ab, die mit einer Spur vom Tatort verglichen werden sollen.

Montag, 11.04.2005   16:01 Uhr

Ranstadt - Es ist bereits der zweite Massentest in dem Mordfall aus dem September 1999. In einer ersten Runde vor zwei Jahren hatten sich bereits 448 Männer dem Vergleich unterzogen, ohne dass der Täter ermittelt werden konnte. Damals waren die Benutzer einer Bauschuttdeponie in der Nähe des Tatorts nicht erfasst worden.

Wer sich von den Angeschriebenen bis zum kommenden Samstag nicht meldet, muss nach den Worten von Chefermittler Karlheinz Leß mit dem Besuch der Polizei rechnen. In einem Gespräch werde man sich nach den Gründen für das Nichterscheinen erkundigen, sagte der Erste Kriminalhauptkommissar. Zur Teilnahme an dem Test könne man niemanden zwingen. Bereits am ersten Tag der Untersuchung erschienen etliche Freiwillige, die sich nicht einmal die Finger schmutzig machen mussten: Die Wetterauer Kriminalpolizei setzte bundesweit erstmalig bei einer Reihenuntersuchung elektronische Lesegeräte für die Fingerabdrücke ein.

Die kleine Johanna war am 2. September 1999 vom Spielen nicht nach Hause gekommen. Zuletzt war sie in der Nähe des Sportplatzes in ihrem Heimatort Ranstadt-Bobenhausen gesehen worden, auf dem wenig später ein Fußballspiel stattfinden sollte. Bei ihren Ermittlungen nahm die Polizei alle erwachsenen Männer des 500-Seelenortes und eines benachbarten Weilers ins Visier, auch die Fußballspieler und die wenigen Zuschauer wurden überprüft. Die Leiche des Mädchens war sieben Monate später in einem rund 100 Kilometer entfernten Waldgebiet bei Alsfeld im Vogelsberg entdeckt worden. Nach einem Täterprofil des Landeskriminalamtes kannte Johanna ihren Mörder, der wahrscheinlich aus der Nähe stammt.

Rund drei Jahre lang blieb den Ermittlern aber verborgen, dass auf der nahen Bauschuttdeponie ein mittlerweile gestorbener Rentner Buch führte über die Benutzer der Schutthalde. Erst durch einen Zufall kamen die Beamten an die handschriftliche Liste mit 2073 Einträgen, die mit den bislang abgegebenen Abdrücken abgeglichen wurde. Übrig blieben die 390 Männer, die nun zur Abgabe der Prints aufgefordert wurden. Etwa 20 seien seitdem verzogen, berichtete die Kripo. Sie werden von anderen Dienststellen überprüft. Mit einem Ergebnis rechnen die Polizisten innerhalb weniger Tage, da auch der Vergleich mit der Spur elektronisch läuft. Für Hinweise auf den Täter ist eine Belohnung von 25.000 Euro ausgesetzt.

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