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Panorama

Lawinengefahr im Allgäu

"Bleibt's daheim!"

Wie groß ist die Gefahr? Lawinenobmann Andi Köberle prüft in den Bergen den Schnee - um Bevölkerung und Touristen warnen zu können. Unterwegs am "Wächter des Allgäu".

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Lawinenobmann Andi Köberle

Von , Burgberg im Allgäu
Montag, 14.01.2019   19:32 Uhr

Andi Köberle kämpft sich durch den Schnee. Bei jedem Schritt sinkt der 63-Jährige bis zur Hüfte ein, selbst seine Schneeschuhe können das nicht verhindern. Eine halbe Stunde stapft er so den Hang hinauf, kratzt im Vorbeigehen noch schnell das rote Warnschild frei, "Durchgang gesperrt wegen Lawinengefahr", passiert umgeknickte Fichten, geht hinweg über Schneemassen, die am Tag zuvor abgegangen sind. Dann hat er endlich die richtige Stelle erreicht.

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Andi Köberle: Auf zum Grünten

"Hier können wir graben", sagt Köberle. Auch mitten im Winter ist er braungebrannt, so häufig ist er draußen unterwegs. Mindestens dreimal in der Woche geht Köberle auf Skitour, direkt von seiner Haustür im Dörfchen Burgberg aus macht er sich dann auf zum Grünten. Den Berg nennen die Einheimischen den "Wächter des Allgäu", markant erhebt er sich aus den Hügeln des Umlands.

Momentan herrscht Ausnahmezustand in Köberles Heimat, an Skifahren ist nicht zu denken. Im Balderschwang, nur einige Kilometer Luftlinie entfernt, hat am Vortag eine Lawine ein Hotel getroffen. Der Schnee drückte Fenster ein, verletzt wurde zum Glück niemand - der getroffene Wellnessbereich des Hotels war vorsorglich geschlossen worden. Im ganzen Allgäu gilt weiterhin die zweithöchste Lawinenwarnstufe. "Alles darüber wäre absolutes Chaos", sagt Köberle.

DPA

Getroffenes Hotel in Balderschwang

Auch so ist die Lage ernst. Wie ernst, das will der ehrenamtliche Lawinenobmann Köberle heute mithilfe eines sogenannten Schneeprofils herausfinden. Deshalb ist er von seinem Dorf hinaufgelaufen, bis zum Fuße seines Lieblingshangs "Auf der Riese". Der Wind wirbelt weiter oben am Hang den Schnee auf, über allem liegt eine gedämpfte Stille, so als hätte man sich Watte in die Ohren gestopft. Köberle packt seine Schaufel aus und beginnt zu graben.

Der Schnee liegt noch höher als im Dorf, über einen Meter Neuschnee hat es hier oben innerhalb der vergangenen Tage gegeben. "Das ist heutzutage schon eine außergewöhnliche Situation", sagt Köberle. In seiner Kindheit habe es häufig Winter mit ähnlichen Schneemassen gegeben. "Wir sind natürlich trotzdem zur Schule gegangen."

"Viele unterschätzen die Gefahr"

Köberle ist in Burgberg geboren, denn zum nächstgelegenen Krankenhaus hätte es seine Mutter nicht mehr geschafft: Es lag zu viel Schnee. Doch das ist lange her, heute seien die Menschen nicht mehr an solche Winter gewöhnt. "Viele unterschätzen deshalb die Gefahr, die hier in den Bergen von den Lawinen ausgeht."

Inzwischen hat sich Köberle bis an den Boden des Hangs geschaufelt, Erde und Gras kommen zum Vorschein. Zwei Meter ragt die Schneewand vor ihm in die Höhe. Vorsichtig klopft er sie von oben nach unten mit seiner rechten Hand ab. So kann er die unterschiedlichen Schichten erfühlen - und herausfinden, wo die Schneedecke Schwachstellen hat.

"Hier zum Beispiel, da gibt es zwischen dem harten Altschnee plötzlich eine weiche Schicht", sagt Köberle und versenkt seine Finger im unteren Bereich der Wand. "Das ist Graupel. Funktioniert wie ein Kugellager für die darüber liegenden Schichten." Die idealen Bedingungen für eine Lawine.

Um sicher zu gehen, dass er mit seiner Vermutung richtig liegt, gräbt Köberle weiter, in die Wand hinein, bis er einen frei stehenden Schneeturm herausgearbeitet hat.

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Andi Köberle: Die obere Schicht rutscht ab

Und tatsächlich: Als er leicht mit seiner Schaufel gegen die Seite des Turms klopft, rutscht die obere Schneeschicht ab. Köberle klopft noch einmal, und eine weitere Schicht löst sich. "Genau wie ich gedacht hatte. So würde der gesamte Hang abgehen, wenn da oben eine Lawine ausgelöst wird", sagt Köberle. Für ihn ist die Sache klar: der Hang bleibt gesperrt, jede Abfahrt könnte tödlich enden.

Doch der erfahrene Tourengeher weiß auch: Nicht jeder wird sich an seine Warnung halten. Immer wieder bewegen sich Skifahrer auf gesperrten Pisten oder trotz Lawinenwarnung im freien Gelände - so wie am vergangenen Sonntag im österreichischen Lech. Vier Deutsche kamen dabei ums Leben, auch sie waren erfahren und sogar mit Airbags ausgestattet.

"Natürlich habe ich großes Mitleid mit diesen Menschen", sagt Köberle. Zum Teil könne er ihren Leichtsinn verstehen. "Die Winter werden immer kürzer. Sobald es schneit, haben die Leute das Gefühl, sofort auf die Piste zu müssen, um nichts zu verpassen."

Köberle selbst würde ein solches Risiko niemals eingehen. "Ich liebe Skifahren über alles. Aber mein Leben will ich dafür nicht aufs Spiel setzen. Mein Rat an alle: bleibt's daheim!"

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Notizen am Berg

In vielen Skigebieten Bayerns standen am Montag die Lifte still. In Deutschlands höchstem Skigebiet an der Zugspitze blieben die Anlagen geschlossen; in den anderen Skigebieten bei Garmisch-Partenkirchen konnten Skifahrer nur in den niedrigen Lagen ihre Schwünge ziehen. Am Dienstag sollen die Niederschläge allmählich abklingen, ab Mittwoch, so heißt es aus der Bayerischen Staatskanzlei, sei eine deutliche Entspannung möglich.

Mit Material der dpa

insgesamt 2 Beiträge
chense90 14.01.2019
1. Respekt an Herfn Köberle...
... vor allem weil er viele richtige Dinge sagt ... es ist keine Katastrophe ... kein extremding... nur endlich mal wieder ein normaler Winter der halt recht zügig kam ... das alles haben sogar jüngere Menschen wie ich schon [...]
... vor allem weil er viele richtige Dinge sagt ... es ist keine Katastrophe ... kein extremding... nur endlich mal wieder ein normaler Winter der halt recht zügig kam ... das alles haben sogar jüngere Menschen wie ich schon erleben dürfen (ja dürfen! nicht müssen) wer natürlich jetzt meint er müsse ins gelände und da muss ich Herrn Köberle widersprechen der hat m.e. keine Hilfe verdient ... sie muss geleistet werden aber nur aus sehr moralischen Gründen ... objektiv sinnvoller wäre es diese D..... genau da liegen zu lassen als Mahnmal Grüße aus dem Skigebiet
seppppl 14.01.2019
2. Bleibt daheim
Beim 4er und 5er bleibt daheim. Habe ich schon vor 20 Jahren beim Lawinenkurs beim Alpenverein gelernt. Da gab es noch keinen ABS Rucksack. Beim oft unterschätzen 3er passieren schon genug Unfälle.
Beim 4er und 5er bleibt daheim. Habe ich schon vor 20 Jahren beim Lawinenkurs beim Alpenverein gelernt. Da gab es noch keinen ABS Rucksack. Beim oft unterschätzen 3er passieren schon genug Unfälle.

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